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LatAm 07

MANAGUA - TRÜMMERSTADT AM SEE !
ODER: IN & UM MANAGUA ...
...
IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN SPANISCHEN EROBERERN & EINEMDURCHGEKNALLTEN’ DIKTATOR !

... von Leon nach Managua ... sowie Trekking
zum
Volcán Masaya (Nicaragua):

Mittwoch, 26. März & Donnerstag, 27. März 1997

Früh wach: Duschen & (Vor-)Packen. Anschließend unternehme ich einen letzten Leon-Rundgang & schieße die Fotos, die ich unbedingt noch machen wollte:
vornehmlich Atmo, Catedral & Parque Jerez, eine Menge ‘Leons’ sowie Wandmalereien (Sandino & Monumento de Heroes y Martires).

LA0411-LeonKathedrale+AnstreicherLA0413-LeonMonumentoDeHeroesYMartiresLA0415-LeonNaiveWandmalerei

LA0418-LeonLaAscusion+LöweLA0417-LeonLöwenstatueVorKathedrale

       LA0414-LeonSandinoVive!LA0421-LeonJerezStatueVorKathedrale

Erst dann Frühstück im Cafe El Sesteo.
Nach der eher flüchtigen Begegnung (äh ... hinter dem gestrigen ‘Pick-Up nach Poneloya’) mache ich heute erstmalig eigene Bekanntschaft mit DER nicaraguanischen Mahlzeit schlechthin: ‘Gallo Pinto’ - also ‘Reis un Bonne jemängt’ ...
... & die gibt’s zu jeder Tageszeit! Mit ‘Huevos a la Estrella’ ist’s mein heutiges Frühstück (schmeckt nicht schlecht & ist vor allem sättigend).
Ich schreibe Tagebuch - bis sich Ina, eine junge Norwegerin an meinen Tisch setzt. Sie muß (nach einer eher schweigsamen Woche) mal wieder mit jemandem reden & wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Sie hatte ungefähr den gleichen Trip vor wie ich (& besitzt ein Rückflug-Ticket nach Europa von Chile aus).
Nun aber hat sie festgestellt, daß sie sich zu viel Zeit in Centro-America gelassen hat. Aber nicht nur die Zeit, auch ihr Geld wird knapp ...
... naja - sie hat halt nicht (wie ich) BWL studiert !?
Wir plauschen (tut gut!) & die Zeit vergeht. Ich komme natürlich nicht mehr dazu meinen Tagebuch-Eintrag zu vollenden - aber:
Was soll’s - LUEGO!
‘High Noon’.
Ich schlendere in einem sehr großen Bogen zurück zum Hotel (die ‘allerletzten Leon-Fotos’) ...

LA0427-LeonMeinHotelEuropa

LA0425-LeonAtmo+PferdekarrenLA0426-LeonStrassenAtmo

... packe & checke aus. Diesmal wundere ich mich NICHT, daß ich während des halbstündigen, schweißtreibenden Marsches zum Bus-Terminal keine einzige Eisenbahnschiene kreuze ...
Wie erwartet brauche ich nicht lange auf einen Bus (mit ‘Fahrt-Richtung: Kapitale’) zu warten. Der Bus ist nur zur Hälfte gefüllt & bietet Komfort, Beinfreiheit sowie eine gute Aussicht durch die großen, sauberen Fenster auf die zu erwartenden landschaftlichen Highlights.
Die sehr angenehme Busfahrt führt vornehmlich durch flaches, grasiges Weideland:
eine unbestimmbar GROSSE Anzahl Rinder - Höfe (‘Ranchos’) mit Stallungen & Tränken (die sich unter großen, schattenspendenden Bäumen befinden & die ‘Begegnungsstätten von Mensch & Tier’ sind) - sowie Cowboys, Cowboys, Cowboys ...
Im Norden zeigt sich der Vulkan Momotombo, der Leon Viejo (die von den Spaniern errichtete ehemalige koloniale Hauptstadt) im Jahre 1610 unter sich begrub ...
... & dessen unverminderte Aktivität den Wiederaufbau der Stadt in gebührendem Abstand (dreißig Kilometer nordwestlich!) geboten erscheinen ließ.
Die durchfahrene Landschaft ist sehr eben & ich wundere mich (laut!), daß sich keine Ausblicke auf den Lago Managua ergeben, dessen Strand kaum fünf Kilometer nördlich des Highways verlaufen soll !?
Hm - die Ebene, über die unser Bus dahinrollt, liegt auf einem HÖHEREN Level als der See ... & erst zehn Kilometer vor Erreichen Managuas, steigen wir auf das Niveau des Lago Managua HINAB.
Einem riesig großen Spiegel gleich, erstreckt sich der See unmittelbar vor uns ...
... & hat doch nicht einmal ein Zehntel der Fläche des südlicheren Lago Nicaragua (DEN gibt’s übermorgen!).
Managua ist an dessen südlichem Zipfel deutlich zu erkennen: die Stadt besitzt zwar eine sehr weitläufige Flächenausdehnung, jedoch kaum weithin sichtbare Hochhäuser.
Der angesteuerte Busbahnhof am Mercado Boer (einer von dreien, an der Peripherie Managuas befindlichen Overland-Terminals) liegt im Südwesten der über kein eigentliches Stadtzentrum (mehr!) verfügenden Stadt ...
Hektik (As Usual) & mörderische Hitze!
Es dauert einige Zeit, bis ich den ‘Hotel-Interconti-Bus’ aufgespürt habe.
Doch DAS ist natürlich nicht mein finales Ziel:
Hm - wo will ich denn eigentlich hin?
EIGENTLICH ... ins Barrio Martha Quezada, ein Wohnviertel zwei Kilometer südlich des Parque Central, in dem es einige billige Hospedajes geben soll. Aber dieses Viertel scheint hier niemand zu kennen!
Der Busfahrer wirft mich an IRGENDEINER, trostlos aussehenden Straßenecke raus & nickt kurz in eine nicht einmal andeutungsweise zu erratende Richtung.
Um mich herum sehe ich ein paar breite Straßen, wenige Grünflächen & ...
... EINE MENGE BAUSCHUTT!
Letzteres die immer noch nicht beseitigten Zeitzeugen der beiden letzten großen Heimsuchungen Managuas: des verheerenden Erdbebens vom Dezember 1972 sowie der Bombardierung des Stadtzentrums durch Somozas Luftwaffe (das letzte Aufbäumen des Diktators gegen den Vormarsch der FSLN im Sommer des Jahres 1979).
Fälschlicherweise halte ich zunächst ein bedeutungsloses Regierungs-Hochhaus für das berühmte Hotel Interconti, das als eins der ‘Very Few Buildings’ aus dem ‘72-er’-Erdbeben völlig unbeschadet hervorging ...
... & da sich meine gesamte Orientierungs-Strategie an DIESEM EINEN Fixpunkt festmacht, schicke ich mich natürlich erstmal ‘voll in den (nicht-vorhandenen) Wald’!
Hm - was ja (an sich ... erstmal noch) nicht SO schlimm ist.
Ich ärgere mich allerdings über einen befragten Uniform-Träger, der mich (gleichermaßen freundlich wie - unwissend! - lächelnd) in diesem, meinem Irrtum bestätigt. Naja - irgendwann stehe ich vor dem Palacio Nacional & ...
... spätestens JETZT muß ich mir eingestehen, daß mein von mir (immer) ach-so-hoch-gelobter Orientierungssinn doch SEHR RELATIV ist.
SHIT!
Also - wieder zurück (mir läuft die ‘Schweiß-Brühe’ in Sturzbächen ins T-Shirt) & nach einem weiteren halbstündigen Fußmarsch stehe ich endlich vorm Interconti.
Äh ... meine Blase ist mittlerweile ziemlich ‘angespannt’ - ebenso ich (aufgrund der unerträglichen Mittagshitze) & ...
... mit ALLER-letzter Kraft schaffe ich’s zur Gemeinschaftstoilette des ‘Guest-House Carlos’: einfaches, aber geräumiges & billiges (‘Tres Dolares!’) Zimmer bei sehr nettem & hilfsbereitem ‘Herberger-Paar’.
Eine unerwartet große Anzahl junger Touris tummelt sich im gemütlichen, überdachten Innenhof-Aufenthaltsraum, der über äußerst bequem erscheinende Schaukelstühle & einen ‘zentralen’ Fernseher (mit US-amerikanischen Satelliten-Channels) verfügt.
Zunächst kippe ich mir ein lebensverlängerndes, eiskaltes Bier EX durch die knochen-trockene Kehle: DANN (erst) ...
... Auspacken - lange Duschen - schließlich beende ich (bei einer riesigen Kanne Kaffee) meinen morgendlichen Tagebuch-Eintrag.
Mein Wecker schlägt mal wieder Kapriolen (!?) ...
... & so begebe ich mich ETWAS SEHR SPÄT auf einen (ob des guten Lichts) für den späten Nachmittag geplanten ersten Foto-Walk ins, durch das letzte Erdbeben SO SEHR zerstörte Stadtzentrum Managuas. Bei schwachem Abendlicht gelingen mir gerade noch drei (zweifelhafte) Atmo-Shots, bevor ich die Kamera für heute getrost vergessen & mich auf die Stadt einlassen kann.
Im Zentrum der ‘Plaza De La Revolucion’ befindet sich das gigantische ‘Monumento De La Revolucion’: ein etwa acht Meter hoher, junger Revolutions-Soldat streckt (in kämpferischer Siegerpose) sein Maschinengewehr senkrecht in den Abendhimmel über Managua. Das gesamte Monument ist aus Drahtgeflecht gefertigt & könnte (der theatralischen Pose nach zu urteilen) durchaus auch als Werbung für den 17. (?) Teil der Hollywood-Endlos-Serie ‘Rambo’ durchgehen.
Nichtsdestotrotz ...
... beeindruckt mich das Denkmal tief - UND behält man den Anlass zu dessen Errichtung ‘In Mind’ (nämlich: die erfolgreiche Vertreibung des verhaßten Diktators Somoza) ...
... DANN sei den Nicas die ‘etwas ungeschickte’ (weil: übertrieben-pathetische) künstlerische Umsetzung verziehen.

LA0452-ManaguaMonumentoDeLaRevolucion

An der dem Monument gegenüberliegenden Straßenseite der Avenida Bolivar erstreckt sich der relativ kleine Parque Central ... & etwas abseits von diesem, ein Denkmal zu Ehren des nicaraguanischen Nationaldichters Ruben Dario (mit einer Engelsgestalt hinter seinem Marmor-Rücken). Südlich des Parks schließt sich der schloßartige Palacio Nacional an (der, ebenso wie das Interconti, beim letzten Erdbeben keinerlei Schäden davongetragen hat).
Mich aber zieht’s magisch (‘for optical & acoustic Reasons’) an die Ostseite des Platzes - hier befindet sich die beeindruckende Catedral Municipalidad:

LA0454-ManaguaDieRamponierteKathedraleLA0458-ManaguaRechterTurmDerKathedrale

Gregorianisch anmutende Gesänge leiten mich zur monumentalen Aufgangstreppe vor der Kathedrale. Zwei große Lautsprecherboxen sind unmittelbar über dem vergitterten Hauptportal postiert. Mein Blick fällt durch die Gitterstäbe der (natürlich verschlossenen) Eingangspforte ins karge Kircheninnere, an dessen entferntem Ende sich ein prunkvoll ausgestatteter Altar befindet (der im Halb-Minuten-Takt von unterschiedlich-(& warm-)farbigen Spotlights angestrahlt wird.
Vom nahen Rummelplatz (am Ufer des Lago Managua) dringt derweil der diesjährige Disco-Hit Nicaraguas an mein linkes Ohr: ‘Put me Up, put me Down, put my Feet Back to the Ground - put me Up, take my Heart & Make me Happy!’
Ja - SO EINFACH ist das Leben (Wirklich?).
... & vermischt sich mit den von rechts in meinen Gehörgang eindringenden Gregorian Chants zu einer VÖLLIG SURREALEN SINFONIE!
Jedoch gewinnen (mit KLAREM Vorsprung) die ‘Gregorianer’ ...
... & ich gebe mich eine halbe Stunde lang deren sehr speziellem Zauber hin.
Erst nachdem schließlich die ‘Music-Box’ der Kathedrale verstummt ...
... geh’ ich auf die Kirmes!
Am Seeufer gibt’s zwei Riesenräder, zwei Karrussels & eine lange Promenade. Diese wiederum ist mit diversen Eß-Gelegenheiten gespickt: eine Pizzeria, ein Eis-Cafe & eine Unmenge identisch aussehender & über eine identische Speisekarte verfügender ‘Open-Air-Comedores’ ...
... Pollo o Carne con Gallo Pinto, Ensalada y Platanos Fritos!
Ich drehe eine Runde über die Vergnügungsmeile & gebe schließlich meinem wachsenden Hunger nach: ein billiges (& gutes!) ‘Pollo con ...’ sowie ein ‘Cerveza Victoria’.
Ein Hund mit unendlich traurigem, illusionslosem Augenaufschlag fixiert mich (der ich über meiner Mahlzeit kauere) solange, bis ich (ENDLICH: WUFF!) das halbe Rest-Huhn wie zufällig vom Tisch fallen lasse! Hm - obwohl ja (wegen der gefährlichen, scharfkantigen Knochensplitter) Geflügel eigentlich NICHT an Hunde verfüttert werden sollte (Stimmt’s, Ulla?) ...
Anyway ...
‘On my Dark Way Back to the Guest-House’ ... entdecke ich einen hell-erleuchteten Sportpark: auf drei nebeneinanderliegenden Asphaltplätzen, die lediglich durch flache Steintribünen voneinander getrennt sind, wird heftigst (& gut!) Basketball gespielt!
Am Rand des ersten Spielfeldes lasse ich mich nieder, gebe mir den professionellen Anschein eines NBA-Scouts & verlebe eine kurzweilige (für MICH allerdings nur MÄSSIG anstrengende) Sportstunde. Gekrönt wird diese (die Sportstunde) durch einige, ein breites Lachen auf mein Touri-Gesicht zaubernde, witzige Showeinlagen meines favorisierten, weil knatschbunt-gekleideten ‘Street-/Fun-Ball’-Teams ...
... in dem erheblich mehr gelacht wird, als bei deren einheitliche Trikots tragenden Gegenpartei. Naja ...
... das alt-bekannte (& gerade in Mittelamerika allgegenwärtige) Thema:
Die (negativen?) Auswirkungen der Uniform auf die Psyche des U.-Trägers!
Mit einem ‘etwas mulmigen Gefühl’ schlendere ich schließlich (angstvertreibend vor mich hinpfeifend) durch die stockdunklen & wie ausgestorben wirkenden Gassen von Managua (‘El MUY Peligroso!’) zurück zu meinem Guest-House. Aber:
NOCH will NIEMAND NICHTS NICHT von mir wissen ...
Nach einer ‘semi-finalen’ Postkarte (zu Bier ... äh ... an Hans) im ‘Fernseh-Garten’ sowie einer ausgedehnten Lese-Stunde in meinem Zimmer, mache ich’s mir auf der verdammt harten Matratze meines Bettes final gemütlich.
Übrigens - der Besitzer des Guest-Houses hat recht:
In Managua hat’s (Gott-sei-Dank!) keine Moskitos!
ALSO ...

... Donnerstag gleich Wandertag!
Naja - diesen Eindruck erhalte ich jedenfalls beim Durchblättern meiner (letzten) Aufzeichnungen & ... so auch heute:
Der Vulkankrater des Masaya steht heute auf dem Besichtigungsprogramm & wird mal wieder meine geballten ‘Walking-Abilities’ fordern. Um Sieben Uhr verlasse ich meine Hospedaje, halte Ausschau nach einem Frühstücks-Restaurant & werde in einer Seitenstraße fündig:
Der mich wild ankläffende Köter wird an die Kette gelegt - ein sich (unter dem offensichtlichen Gewicht) biegender Tisch wird von den übriggebliebenen, leeren Bierflaschen des gestrigen Gelages geräumt - & schon kann ich meine Bestellung aufgeben: äh ...
... ‘Gallo Pinto’ (pikant gewürzte Bohnen, mit Speck knusprig angebraten) sowie ‘Huevos’ & zwei Blechtassen dampfenden Kaffees. Ein SAU-guter ‘Eye-Opener’ & mit (umgerechnet) nicht einmal ‘Dos Dolares’ spottbillig.
Ein kurzer Umweg (ich habe mein Base-Cap im Hotel vergessen & ‘oben ohne’ ist mir heute & hier zuuu gefährlich) - dann marschiere ich vorfreudig & zuversichtlich zu der von meinem Hotelier beschriebenen Bus-Station.
Aber: ‘Local Buses in Managua - Unbelievable!’
Ein einziges, undurchschaubares Chaos! Hat man die einzelnen Stadt-Routen nicht detailliert im Kopf, so ist man hoffnungslos verloren. Fahrpläne existieren natürlich nicht, die befragten Busfahrer sagen erstmal immer ‘Si!’ & ...
... während der Fahrt stellt sich dann heraus, wohin der Bus WIRKLICH fährt !?
Ich besteige also einen Bus mit der ‘Wunsch-Destinacion: Mercado Central’ & ...
... lande (non-stop, also direkt, quasi unmittelbar & sowohl verzögerungs- wie auch umweglos) am: ‘Mercado Oriental’.
Das ist aber nicht SO schlimm, denn von hier aus SOLL es einen Direktbus zum Mercado Central geben. Alles klar? Alles klar!
Und wirklich: Ich benötige NICHT MAL VIER WEITERE (also: genau drei!) Bus-Trips, um schließlich WIRKLICH am Mercado Central anzukommen.
Aber die nächste ‘ÖPV-Klippe’ lauert schon auf mich:
Ich erkläre dem Busbegleiter des ‘Masaya’-Busses, daß ich am Eingang zum Masaya Nationalpark (VOR Erreichen der Stadt gleichen Namens) aussteigen möchte.
‘Si, Senor - Claro! Nada Problemas!’
Der Bus ist rappelvoll. Ich befinde mich eingezwängt in einer Doppelreihe zwischen den Sitzplätzen stehend & sehe absolut nichts. Daher frage ich irgendwann (sicherheitshalber!) einen Mitreisenden, der sich auszukennen scheint, nach meinem ‘Jumping-Off-Point’ ...
... & so erfahre ich, daß wir den gerade hinter uns gelassen haben!
SHIT!
Ich zwänge mich mit, an vorsätzliche Körperverletzung grenzendem Ellbogeneinsatz Richtung hinterem Ausgang & brülle dem Busbegleiter zu, er soll den Bus anhalten. Als ich (drei Kilometer hinter dem Abzweig!) endlich vom Trittbrett abspringen kann, schaut er (der Busbegleiter) zwar ein wenig verunsichert (fast so, als wolle er sich: Nein! DAS bilde ich mir sicherlich nur ein) ...
... aber kein noch so leises ‘Perdone!’ entwischt seinen versiegelten Lippen.
WAS SOLL’S?
Ich habe nur leichtes Marschgepäck dabei & versuche positiv zu denken:
Ich bin allein mit mir & der Natur (& dem Highway)! Keinerlei Geräusche belästigen mich (bis auf die von den massenweise vorbeirauschenden Autos produzierten)! Die Sonne lacht (naja - eigentlich ist es eher ein ‘gnadenloses Knallen’)! ...
... & trotzdem:
MIR GEHT’S DOCH VERDAMMT GUT - ODER?
Nach einer Viertelstunde erreiche ich den Eingang zum Masaya Nationalpark, entrichte meine Eintrittsgebühr (zwanzig Cordoba) & bin, ausgestattet mit einer so gut wie nichts aussagenden Skizze des Parks (auf der Rückseite des Tickets) mir selbst überlassen: Die Entfernung zum Krater beträgt sieben Kilometer & öffentliche Verkehrsmittel (Shuttle-Bus o.ä.) gibt’s natürlich nicht!
Hm - aber wozu auch? Schließlich habe ich zwei gesunde Beine ...
... im Gegensatz zu ‘Walter’ - dem tragischen Helden aus T.C.Boyles ‘Worlds End’ (meiner momentanen Reiselektüre).
Nach zwei Kilometern auf asphaltierter Straße & (noch) durch eine schattige Nadelwaldregion, betrete ich das kleine Visitors Centre, in dem Lage & Geschichte des Vulkans erläutert werden:
Als die ‘Conquistadores Espanol’ im 16.Jahrhundert erstmalig in den tiefen Krater-Schlund blickten, errichteten sie umgehend ein großes Kreuz. Denn sie hielten den Krater für den Eingang zur Hölle & befürchteten, daß die gesamte ‘Belegschaft der Unterwelt’ ihre Neugründung Granada (dreißig Kilometer südöstlich am Lago Nicaragua) erst überschwemmen & dann verschlingen würde.
Jaja - so waren sie, die toughen Spanier!
Was immer sie mit ihren Musketen nicht ‘umnieten’ konnten, das wurde einfach der kirchlichen Gerichtsbarkeit übergeben ...
... & Gott wird’s schon richten!
Der Getränke-Kiosk ist geschlossen ... & so gibt es keinen Grund, meine erste lateinamerikanische  Vulkanbesteigung weiter hinauszuzögern.
Schon nach der ersten Wegbiegung (& dem gleichzeitigen Verlassen der Baumregion), befinde ich mich in einer Mondlandschaft aus erkalteten Lava-Brocken sowie Krüppel-Gewächsen & mickrigen Bäumchen.

LA0432-NaheMasayaLavaBäume+VulkanLA0435-NaheMasayaExoticFlower

Über das flach ansteigende Areal verstreut, zeigen sich immer wieder kleinere Vulkankegel (manche ‘atmend’).
Der mich umgebende ‘Äther’ ist prall angefüllt mit vielstimmigem Gezwitscher exotischer Vögel - vorherrschende Gattung: Ein etwa zwanzig Zentimeter langer, metallic-blauer Piepmatz mit keckem Schopfhaar & ausladenden Schwanzfedern (jedoch kein Vergleich zum berühmten Quetzal-Schweif).
In der Ferne erblicke ich (auf einem hohen Hügel) ein winziges Kreuz:
DAS wird wohl ‘meine Richtung’ sein - oder?

LA0439-VulkanMasayaLava+Gipfelkreuz

Die Asphaltstraße steigt langsam aber stetig an. Sporadisch werde ich von Autos überholt, aber ich widerstehe der Versuchung, ‘den Daumen rauszustrecken’ (äh ... dann schon eher den Mittelfinger!). Ich fühle mich diesen nicaraguanischen Auto-Fetischisten, die mich wie den ‘Invasionär von der Vega’ anstarren ...
... ja ‘SO-WAS VON Ü-BER-LE-GEN!’
Nach weiteren zwei Kilometern (die Sonne knallt!) beschreibt die Straße eine scharfe Linkskurve & bietet im Scheitelpunkt einen spektakulären Blick auf den erstarrten Haupt-Lavastrom des letztmaligen Masaya-Ausbruchs. Von nun an verläuft die Straße schnurgerade (& erheblich an Steilheit zulegend) auf den anhand des Kreuzes zu erahnenden Vulkan-Standort zu.
Unter dem Vorwand ... äh ... ein paar ‘Bird-Shots’ machen zu MÜSSEN, lege ich wenig später eine längere Rast ein (ehrlicherweise müßte ich allerdings zugeben, daß ich ‘einfach nur VÖLLIG FERTIG bin!’). Die hübsch-bunten, fotogenen Piepmätze (siehe oben) ‘verarschen’ mich auf die gleiche Weise wie (vorgestern) die Poneloya-Pelikane & ... ich mache kein einziges Foto!
Allerdings sammle ich während des Stops unter einem schattenspendenden Baum ausreichend ‘Puste’, um das letzte & steilste Teilstück meiner Vulkanbesteigung nicht nur anzugehen ...
... sondern nach einer halben Stunde (allerdings schweißgebadet!) auch erfolgreich abzuschließen. Die Asphaltstraße mündet letztlich in einen großen, ebenfalls asphaltierten Parkplatz, der lediglich durch eine halbhohe Naturstein-Mauer vorm dramatisch ins ‘gelb-schwefelige Nichts’ abfallenden Kraterrand gesichert ist.

LA0443-VulkanMasaya+Parkplatz

Links des Parkplatzes duckt sich eine kleine Strohhütte an einen sanft ansteigenden, grünen Nebenhügel. Rechts führen etwa 200 Steinstufen auf einen, den Vulkanrand überragenden kleinen Berg, an dessen Gipfel sich das hölzerne ‘Cruz Espanol’ in den azurblauen Himmel reckt.
Ich wende mich zunächst nach links! Willig ...
... den in der Strohhütte vermuteten Getränke-Verkaufsstand um sämtliche verfüg- & trinkbaren Flüssigkeiten zu erleichtern (gegen Bezahlung - versteht sich!).
Die Auswahl ist jedoch recht beschränkt & so muß ich mich mit einer Trinkeinheit der einzigen, hier oben erhältlichen Erfrischung zufriedengeben: eine frische Kokosnuss, deren wässrig-milchigen Inhalt ich mittels Strohhalm in zwei langen Zügen in mich HINEINGIERE!
GRANDIOSO! ...
... das beste Getränk meiner gesamten, bisherigen Reise!
Mag ja sein, daß mein Urteilsvermögen durch die vorherige körperliche Anstrengung leicht getrübt ist - aber Objektivität ist ja ‘kein Wert an sich’ ... oder?
Um die Breite eines meiner verschwitzten Haare KNAPP der Dehydrisierung (... oder so?) entronnen, gehe ich anschließend (erst ... & keinen Moment zu früh) die systematische Ablichtung des ‘Hölleneingangs’ an:

LA0438-VulkanMasayaKraterrand

Gelber Rauch steigt fortwährend aus den tiefsten, nicht mehr einsehbaren Tiefen auf & der schweflige Geruch von ‘faulen Eiern’ (naja, es ist schließlich Ostern!) belästigt meine ‘eigentlich recht geruchs-resistenten’ Nasenschleimhäute.
Aber - wie ich meinen Standort auch wähle: IMMER ...
... befinde ich mich zu nah am Krater, um ein Panorama-Gesamt-Bild des Masaya schießen zu können!
‘Mensch Hans - ich hätte DOCH das 24-mm-Weitwinkelobjektiv (für NUR 750 DM) bei Foto Gregor in Köln kaufen sollen!’
FRUST! ...
... & daher nur partielle, aber hoffentlich doch die bedrohlich wirkende Naturgewalt dieses Vulkan-Schlundes ein wenig widerspiegelnde Ansichten.
Übrigens: Irgendwie kann ich die ‘ollen Spanier’ schon verstehen!
Ohne die schützende Steinmauer hätte ich (bei meiner erwiesenen Höhenangst!) hier am Kraterrand wohl ‘ganz schönes Fracksausen’ (bekommen ... äh ... gehabt).
Am ‘X-S-Pan-Yol’ ...

LA0441-VulkanMasayaGipfelkreuz

... inkorporiere ich (mir) schließlich die für das intensive Empfinden ganz besonderer Glücksgefühle unverzichtbaren, weil diese noch verstärkenden rituellen, prä-kolumbianischen Rauschmittel (sprich: ich rauche zwei Zigaretten!) & genieße (zufriedenst lächelnd) die wie speziell für mich arrangierte Szenerie:
NATURE AT IT’S BEST!
ON THE VERY TOP (AGAIN) ...
... REALLY:
THAT’S WHY I’M HERE!
Tja - in SOLCHEN Augenblicken lichtet sich der mich umgebende Nebel & mir wird sonnenklar ...
... daß ich auf meinen Reisen nur diese spektakuläre & einsame Natur suche!
Also - ich stehe dazu: Dies ist ‘das Tagebuch eines einsamen Reise-Wolfes & bekennenden Hobby-Misanthropen!’
Auch wenn (& obwohl) ich manchmal gern anders wäre !?
Der stetig hügelabwärts führende Rückmarsch zum Managua-Highway vollzieht sich dann weit schneller (& unter erheblich weniger Flüssigkeitsverlust) als der strapaziöse Aufstieg. Kurzer Stop am Vistors Centre ...
... wie kurz? Exakt so lange, wie es braucht, eine eiskalte Pepsi in drei Zügen hinunterzustürzen (RÜLPS! äh ... ‘Perdone!’).
Halbstündiges Warten am Straßenrand auf meine ‘Public Managua-Connection’. Mit dem Zurücksinken in den weichen Bussitz setzt die Vorfreude auf die zu erwartende ‘Sight-Seeing-Tour-Managua’ ein: die GANZ GROSSE (!) Schleife - mit sämtlichen verfügbaren, einzig für mein persönliches Wohlbefinden reservierten City-Bussen!
UND ALSO GESCHAH ES!
Ich überspringe die folgenden anderthalb Stunden (Steinskulpturen an meiner Bus-Endstation ‘Plaza Espana’: KLICK!) ...

LA0451-ManaguaIndioStatueAnDerPlazaEspanaLA0450-ManaguaSkulpturenAnDerPlazaEspana

... & stehe kurz nach Zwei Uhr nachmittags vor der verriegelten Eingangspforte des Guest-House Santos ...
... & wer öffnet auf mein Klopfen sowie zwei (die Dringlichkeit meines Begehrens unterstreichende & an Authentizität kaum noch zu überbietende) ‘Hola!’-Rufe?
Na? Genau: Ina - die junge Norwegerin, die ich gestern Morgen beim Frühstück in Leon kennengelernt habe!
Sie ist erst um die Mittagszeit in Managua angekommen, hat bislang keinerlei Stadt-Orientierung & ist daher erfreut, daß ich mich anbiete, ihr ‘erstmal das Leben im Allgemeinen & in Managua im Speziellen zu erklären’ (Lebensmittelgeschäft, Tourist-Info, ‘El Centro’ usw.). Übrigens ...
... die Korb-Schaukelstühle im Innenhof sind wirklich ausgesprochen bequem!
Schließlich verabreden wir uns für den späten Nachmittag zu einem gemeinsamen Spaziergang durch das Stadtzentrum. Den Rest des Nachmittags:
Tagebuch-Schreiben - Rauchen - Lesen - meinen Flüssigkeitshaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen (mindestens!) ... & zwar mit (wenig) Bier & (viel) O-Saft - sowie RELAXEN!
Um Fünf Uhr brechen wir zu unserem Abendspaziergang auf. Ich fotografiere nur wenig: das ‘Monumento de la Revolucion’, die Atmo am Parque Central, dann (etwas ausführlicher!) die Kathedrale, mit Schwerpunkt auf den immer noch deutlich sichtbaren Erdbebenschäden an beiden Türmen.
Anschließend nettes ‘Pollo y Cerveza’-Diner am Ufer des Lago Managua ...
... sowie ‘Conversación Inglès’: Ina ist gerade mal zwanzig Jahre jung, hat eben erst ihre Schule beendet & ist vom Reisen (ihrer ersten Reise!) derart begeistert & fasziniert, daß sie sich überhaupt keine Studienrichtung mehr für ihren anstehenden nächsten Lebensabschnitt vorstellen mag ...
... ‘wenn überhaupt, dann etwas Künstlerisches!’
Sie bedauert, gleichermaßen vehement wie trotzig, kein Junge zu sein, da sie sich alleine (erstaunlich genug, daß sie hier ALLEINE unterwegs ist) nicht alle Aktivitäten zutraut - wie z.B. die ‘Allein-Besteigung’ des Masaya (die ich ihr ebenso detailliert schildern muß wie meine Trekking-Touren in Nepal).
Sie ist begeisterungsfähig (naja, vielleicht weil sie noch sehr jung ist) & ...
... überhaupt nicht ‘mein Typ’! Was unser Beisammensein eigentlich NOCH schöner macht! Naja - halt einfach NUR eine nette Reise-Bekanntschaft, ... zum Gedanken austauschen, ... Reiseeindrücke schildern, ... Klönen, ... & ‘Gut-Fühlen’.
Apropos ‘Gut-Fühlen’: Während ich dies schreibe, ist es Freitag Nachmittag. Ich befinde mich in Granada & sitze in einem Café am Strand des Lago Nicaragua.
Eine alte Frau tritt auf meinen Tisch zu, legt einige Packungen unidentifizierbarer Medikamente (deren Verfallsdatum bereits seit Jahren überschritten ist) vor mich hin, fordert mich (mit resignierter Stimme) auf, diese zu kaufen ...
... & noch bevor ich überhaupt hin- & zu ihr aufschaue, sage ich bereits mein vor Ort antrainiertes, stereotypes ‘No - Gracias’!
Sie ist in erbärmlich aussehende Fetzen gekleidet, trottet (den rechten, bandagierten Arm schwer auf einen Krückstock gestützt) zum nächsten Tisch, bringt auch dort (ähnlich erfolglos) mit ausdrucksloser Miene ihre Bitte vor & schlurft schließlich mit gesenktem Kopf weiter.
Niemand kauft etwas & ...
... das alte, gebrechliche Mütterchen tut mir plötzlich (als es zu spät ist, ihr etwas Geld zuzustecken: so plötzlich wie sie auftauchte, ist sie auch schon wieder verschwunden!) UNENDLICH LEID !!!
Es sind vornehmlich die alten Leute, die mich zu Tränen rühren & deren Überwindung (Aufgabe?) jeglichen Stolzes, mich wütend werden läßt auf die hier Regierenden, Abkassierenden, dicke Autos & teure Villen Besitzenden ...
... & das NACH dem Rauswurf der Somoza-Clique durch die Sandinisten!
Womit sich berechtigterweise die Frage stellt:
Was hat’s letztlich für die einfache Bevölkerung gebracht ...?
Es ist immer das gleiche: Geschichte wiederholt sich endlos (siehe Kuba, ... siehe El Salvador, ... siehe?).
‘Ja, Wollie - du hast völlig recht!
DIES HIER ist keine Region, um sich wohlzufühlen!’
Und dafür gibt’s ‘zig’ unterschiedliche Gründe ...
Ende Einschub (zum Thema ‘Gut-Fühlen’ ...).
Gegen Neun Uhr sind wir (Ina & ich) zurück im ‘Santos’.
Wir genehmigen uns noch ein letztes Bier im Innenhof - auf den angekündigten Film ‘Quo Vadis’ (mit Peter Ustinov) warten wir jedoch vergeblich. Statt dessen spuckt der Fernseher die Nachrichten (?) irgendeines Ami-Satelliten-Channels aus:
Massen-Selbstmord einer dieser ‘US-Horror-Sekten’ (deren EINZIGE Existenz-Berechtigung in der schnellstmöglichen & meistbietenden Versteigerung der ‘TV-Rechte an deren möglichst blutrünstiger Auflösung’ zu sein scheint) mit ... vergiftetem Pflaumenmus.
Desweiteren sagt Präsident Clinton ‘irgendetwas Belangloses’ zur Krebsvorsorge (was, ist egal - Hauptsache: er ist ‘im Bild’).
Und der Sohn Martin Luther Kings trifft sich mit dem Mörder seines Vaters, ist nach einem ‘Vier-Augen-Gespräch’ von dessen Unschuld überzeugt (‘weil: er hat mir gesagt, daß er es nicht war!’ Ach ja ...?) & will sich für seine Freilassung einsetzen.
Usw. - usw. - ÄTZEND!
‘News’ sind in US-Channels wirklich nichts anderes als ‘Müll-Recycling’.
EIGENTLICH ... darf man sich nicht wundern, daß die ‘Green-Gos’ so sind, wie sie sind (obwohl die emotionslose Akzeptanz dieser Einsicht gerade in Mittelamerika wirklich nicht leicht fällt!).
Entsprechend schnell ...
... reicht’s mir!
Und schon um Zehn Uhr ziehe ich mich in mein Privatgemach zurück:
Noch ein langes Kapitel T.C.Boyles ‘Worlds End’. DANN ist (für heute) meine Welt auch ‘am Ende’ ...

Nachtrag:
Ina will erfahren haben, daß die ‘Panama-Kolumbien-Fähre’ vor zwei Wochen in der tobenden Karibik gesunken ist !? Hm - wenn dem wirklich so ist, dann bleibt mir wohl DOCH nur der Flug von Panama-City nach Bogota ...
... & ich kann meinen hehren Vorsatz ‘Spanisch-Lernen auf dem Schiff’ getrost vergessen!
A VER ...

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