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LatAm 01

GUATEMALA ... VON KEGELN UND KRATERN !
ODER: PARADIES ZWISCHEN VULKANEN
(WENN MAN DAS GLÜCK HAT, EIN
GROSSGRUNDBESITZER ZU SEIN) !

... von Tapachula (Süd-Ost-Mexico) über die Grenze & ... durch das guatemaltekische Hochland nach Quetzaltenango sowie Panajachel am vulkanischen Lago de Atitlan (Guatemala)

Donnerstag, 27. Februar bis Samstag, 01. März 1997

Sieben Uhr wach ... & zwar in der ‘Hell‘-Variante (farblich - nicht englisch!). Reisefieber: Guatemala erwartet mich!
Duschen & Packen - dann verarzte ich meine Nacht-Blessuren: Mitten in der Nacht wurde ich durch einen starken Juckreiz an Beinen, Füßen & Oberarmen geweckt (obwohl es hier keine Mosquitos gibt - ich tippe auf Läuse, Flöhe oder ähnliches ...) - ich kratze mich etwa eine halbe Stunde lang krebsrot-wund, erschlage eine der großen, roten Ameisen, die unglücklicherweise (für sie!) den Weg des durch nichts aufzuhaltenden, genervten ‘Euro-Rambo‘ (ich!) kreuzt & schlafe schließlich (trotz brütender Hitze) ‘irgendwie‘ wieder ein.
HUUUNGER! - auf zum ‘Zocalo‘ (schließlich soll man keine Grenze mit leerem Magen überschreiten) - schönes Wetter & (noch) angenehme Temperaturen. Frühstück auf der Terrasse des ‘Los Comales‘, mit Blick auf einen nördlich der Stadt gelegenen, kegelförmigen Berg - der zwar eindrucksvoll über Tapachula thront, aber doch wohl nicht der 4.092 Meter hohe Vulkan Tacana sein kann - oder? Die nette Kellnerin ist davon allerdings felsenfest überzeugt & behauptet:
‘Si - es el Tacana!‘.

LA0090-TapachulaZocalo+Kathedrale

Zu dieser frühen Stunde sind kaum Passanten unterwegs - & der ‘Zocalo‘ ist (im Vergleich zu gestern Abend) kaum wiederzuerkennen. Das ‘Desayuno‘ wird neben den fixen lateinamerikanischen Bestandteilen Huevos (Eier) & Frijoles (Bohnen, zu dunklem ‘Mole‘-Mousse verarbeitet) hier im Süden um Platanos (gebratene Bananen) ergänzt ... hm - bislang ist die Gefahr einer ernährungs-physiologischen Mangelerscheinungs-Erkrankung noch relativ gering.
Auf dem Rückweg zur ‘Hospedaje‘ schieße ich ein paar schnelle ‘Slide-Shots‘. Packen (was mir von Tag zu Tage schneller & besser gelingt, sprich: irgendwie sackt alles besser ‘nach unten‘ & ‘oben‘ geht der Rucksack einfacher zu) - Auschecken - dann ein Trainings-Kilometer (‘a Pie‘) Richtung Westen zum ‘Terminal de Autobuses para la Frontera‘.
Hier entsteht zwischen den konkurrierenden Busgesellschaften kaum Streit - um mich (den potentiellen Fahrgast), was vermutlich in meinem ‘souveränen Auftreten‘ seinen Grund hat: Bequemer Sitzplatz in komfortablem & geräumigem Bus (leichte Enttäuschung: I’m lookin’ for Adventure!), der fast leer ist ...
... & trotzdem schon nach zehn Minuten losfährt.
Ich lerne einen mittelalten ‘Gringo‘ kennen (so nennt er sich selbst - halb scherzhaft), der auf dem Weg zu seinem Patenkind nach Gua-City unterwegs ist. Er ist Kanadier (Mittelamerika scheint ‘ahorn-verseucht‘ - an der Grenze treffe ich noch auf vier weitere ‘Dry Canadians‘) & in Central-America schon ziemlich viel rumgekommen.
Zunächst die üblichen ‘Take-Care‘-Beschwörungen (mit reichhaltig ornamentierten Beispielen ... ‘especially Guatemala & Honduras!‘). Während der halbstündigen Busfahrt nach Talisman, der mexikanischen Grenzstation bleibt ausreichend Zeit für eine nette Unterhaltung ... sowie eine erste Inaugenscheinnahme des neuen ‘Let’s Go!‘-Reiseführers sowie des britischen Klassikers ‘America-Handbook‘. Erste (noch verhalten geäußerte) Kritik an meinem eigenen, ungenauen & veralteten ‘Lonely-Planet-Guide‘ ...
Das Grenz-Terrain wirkt hektisch & geschäftig. Ein etwa zwölfjähriger Guatemalteke ernennt sich zu meinem ‘individual Guide‘ & geleitet mich zum mexikanischen ‘Exmigracion‘-Gebäude. Zwei Minuten später habe ich meinen Ausreisestempel im Reisepass & darf über die ungefähr 100 Meter lange Grenzbrücke nach Guatemala ‘einmarschieren‘:

LA0092-AtmoShotGrenzeMexicoGuatemala

Genau in der Mitte der Brücke befindet sich ein breiter, weißer Querstrich, der zusammen mit zwei in entgegengesetzte Richtungen verweisenden & mit Länderkennungen versehenen, ebenfalls weißen Pfeilen exakt die Grenze markiert.
Ich werde in ein flaches Gebäude gewunken. Ein Militär verlangt ‘Un Dolare‘ für die Benutzung der Brücke - aber bevor ich mir über die Rechtmäßigkeit seiner Forderung auch nur Gedanken machen kann, zieht mich mein ‘Zwergen-Guide‘ weiter (dem Soldaten einen Mischblick aus Mitleid & Abfälligkeit zuwerfend). Unbehelligt läßt uns der ‘Naja-man-kann’s-ja-mal-versuchen‘-Grenzer weiter ziehen.
Auf guatemaltekischer Seite erhalte ich einen Einreisestempel in meinen Pass, zahle 10 Quetzal (die guatemaltekische Währung: benannt nach dem berühmten mittelamerikanischen Paradiesvogel, der zu Aztekenzeiten ‘in Gold aufgewogen wurde‘ & sich sowohl in den hiesigen Berg-Wäldern als auch auf der Nationalflagge Guatemalas bewundern läßt) & ...
... das war’s auch schon. Keine Gepäckkontrolle - keine mehrseitigen Fragebögen. Naja - das Grenzgebiet ist halt sehr grün ...
Mein kanadischer Begleiter mutmaßt, daß die laxe Grenzabfertigung wohl in Zusammenhang zum vor dem ‘Immigration-Building‘ wartenden Touristen-Bus steht (& daß sich die Zöllner - mittelamerikanisch-untypisch - beeilen).
Mir soll’s recht sein ...
Nach einer knappen Viertelstunde habe ich die Zollprozeduren überstanden, wehre die letzten zwanzig Locals ab, die mich zum Geldwechseln bewegen wollen (‘Cambio, Senor?‘) & zahle meinen ‘Chico-Guide‘ mit fünf Quetzal (knapp 1 Dollar) großzügig aus. Naja - ich bin halt guter Laune ...
Dann stellt sich die Frage: Wie komme ich von hier (El Carmen heißt der guatemaltekische Borderpost) nach Quetzaltenango, meinem ersten Etappenziel im bergigen Vulkangebiet West-Guatemalas?
Einen Direktbus gibt es nicht! Alle Busse fahren von hier aus nach Ciudad de Guatemala, der Hauptstadt im Südosten des Landes (und zwar die flache & daher schnelle Küstenstraße entlang). Ich habe keine Lust, den örtlichen ‘Muy-Lejos‘-Busterminal zu suchen ...
... & gehe daher auf das Angebot des Touri-Busfahrers ein. Bis Retalhuleu (100 Kilometer südöstlich der Grenzstation: ‘Highway-Triangle‘ - Border, Gua-City & Quetzaltenango) lasse ich mich mitnehmen:
Bequemer AC-Bus ... inklusive einem ‘free & cold Non-alcoholic Drink!‘.
Ich mache mich zunächst über den ‘Let’s Go‘-Reiseführer des Kanadiers her (Ausgabe: Oktober ’96) & cross-checke meine veralteten ‘LP‘-Infos bezüglich Unterkunft in Quetzaltenango (Kurzform Xela ... oder Xelaju, wie die ‘Quiche‘-Mayas ihre alte Kapitale nennen) und Huehuetenango.
Die Busfahrt führt durch dichten, subtropischen Dschungel. Es folgen aufgelockerte Waldabschnitte & Kautschuk-Plantagen (diese sind sehr waldähnlich, jedoch an den an den Bäumen hängenden Eimerchen gut als ‘man-made‘ zu erkennen) - die zunehmend kultivierten, landwirtschaftlich genutzten Flächen gehen schließlich in Kaffee-Pflanzungen über (etwa einen Meter hohe, buschige Sträucher in sattem Grün).
Die vorherrschende Farbe Grün ist schon ein wenig überraschend, beginnt doch erst in ein bis zwei Monaten die Wet Season - und nun (am Ende der Trockenzeit) hätte ich eigentlich mehr braune & erdfarbene Töne erwartet. Zwischen den riesigen Fincas (Guatemala hat laut AID - einer amerikanischen Hilfsorganisation - die ungerechteste Landverteilung dieses, unseres Globusses) zeigen sich immer wieder kleinere Mini-Plantagen der ärmeren Campesinos (meist in den unzugänglichen & schwer zu ‘beackernden‘ Steilhängen angelegt). Allerdings sind diese Plantagen zu klein & ertragsarm, um ihre Besitzer ernähren zu können ...
... & die Campesinos müssen (unter übelsten Sklavenbedingungen) während der Kaffee-Erntezeit als Pflücker auf den großen Fincas anheuern.
Ich habe von einem Priester gelesen, der sich für die Campesinos einsetzt & mit Staatskrediten ungenutzte, brachliegende Fincas kauft - die dann von den besitzlosen Bauern als ‘Collectivos‘ bewirtschaftet werden. Bezeichnenderweise datiert sein soziales Engagement aus einer Zeit weit vor seinem Entschluß Priester zu werden. Das (unverständlich! - für mich jedenfalls) hohe Ansehen der katholischen Kirche bei den ‘einfachen‘ Menschen in Lateinamerika bewog ihn nach einer zehnjährigen (erfolglosen) Lehrertätigkeit dazu, das Priesteramt anzustreben ...
... seinen Erfahrungen nach die einzige Möglichkeit, die Menschen zum Zuhören zu bewegen. In seinen alltags-orientierten Predigten sagt er schon mal: ‘Auch wenn ihr mich nicht versteht - Ihr müßt mir glauben, denn ich bin ein Priester!‘
Vor der letzten Präsidentschaftswahl war er in Guatemala so populär (bei den Armen & Rechtlosen, versteht sich!), daß er gute Chancen gehabt hätte, die Wahl zu gewinnen ...
... wenn er angetreten wäre! Er wußte aber nur zu gut, daß er (hätte er seine Kandidatur bekanntgegeben) keine Chance gehabt hätte, den Wahltag lebend zu erreichen. Schließlich gibt es in Guatemala acht (!) verschiedene, um solche ‘lukrativen Jobs‘ konkurrierende Todes-Schwadrone.
UN-BE-LIE-VA-BLE !!! ...
... but Very True !
Äh - ich schweife ab (obwohl: ... eigentlich nicht!).
Nach anderthalb Fahrtstunden erreichen wir Retalhuleu. Ich lasse mich an der ‘Street-X-Ing‘ nach Xela (Quetzaltenango) rauswerfen & verabschiede mich von dem ‘Canadian Gringo‘, der zunächst an die Pazifikküste will:
Bye - See Ya in Gua-City!
Ein ‘Kaltgetränke-Stützpunkt‘ (mit Bambus-Vorzelt) ist die Bushaltestelle. Eine schweißtreibende Fanta in der brüllenden Mittagssonne - anschließend fühle ich mich physisch soweit wiederhergestellt, daß ich zwei Fotos in Richtung Sierra de los Cuchumatanes schießen kann (die guatemaltekische Vulkanketten-Fortsetzung der mexikanischen Sierra Madre Okzidentale). Die Spitze eines Vulkans ragt aus einer Wolkenbank hervor - ob es sich allerdings um den höchsten Vulkan der Region, den 4.220 Meter hohen Mount Tajumulco handelt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.
Die kleine Tochter der Kiosk-Inhaberin fordert lautstark ihr Recht:
‘Senor - un Foto, un Foto!‘ - & ich tu’ ihr den Gefallen ...

LA0094-NaheRetalhuteuChicaAmBusStop

Dann geht alles rasendschnell: Ein Bus hält mit quietschenden Reifen. Jemand brüllt mir ein ‘Xela!‘ (oder so ähnlich) zu - & reißt mir gleichzeitig meinen großen Rucksack unterm Hintern weg (um mit diesem - dem Rucksack! - auf dem Dach des Busses zu verschwinden). Ich beeile mich, auf den anrollenden Bus aufzuspringen & werde von den übrigen Fahrgästen ‘nach hinten durchgereicht‘. Ich sichte eine halbe, freie ‘Hard-Seat-Bench‘ und nutze die Schlingerbewegungen des Busses (geschickt?), um mich meinem Ziel näherzubringen:
Ein Sitzplatz! Geschafft! Hallelujah!
In der folgenden Stunde prahlt der junge Busfahrer abwechselnd mit seinem unkontrolliert-aggressiven Fahrstil, seinen zum Fahrstil passenden (äußerst sportlich wirkenden) Moto-Cross-Handschuhen aus glänzend-schwarzem Leder sowie seiner Musik-Cassetten-Anlage,  deren Auslastung er (die linke Hand immer am Lautstärke-Regler) in linearer Abhängigkeit mit den erklommenen Höhenmetern Schritt halten läßt.
Es geht steil, steiler, am steilsten nach oben ...
... & zwar von etwa 500 auf 2.300 Meter über NN (was auch eine ungefähre Vorstellung von der Lautstärke der musikalischen Untermalung gibt).
Und auch die ‘rastlos durchraste‘ Landschaft wird zunehmend spektakulär:
Riesig sich auftürmende, schroffe Berge & Felsen - dazwischen steil abfallende Schluchten & tiefe Täler. Ein ums andere Mal spannen sich dicke, hunderte von Metern lange Stahl-Taue in hohen Bögen über die Schluchten - aber Menschen, die sich (an diesen entlang) über die Höhen der Täler gleiten lassen, bekomme ich nicht zu Gesicht (naja - vielleicht waren’s ja doch NUR Stromleitungen ... ?).
Nur sehr vereinzelt erblicke ich dramatisch & schwindelerregend in die steilen Hänge gebaute, kleine Siedlungen. Die Straße (gerade mal für ein Fahrzeug Platz bietend - äh, natürlich bezogen auf die Straßen-Breite) duckt sich an die steilen Berghänge ... & manchmal (unter mit Dynamit in die Felsen hineingesprengten Überhängen verlaufend) auch in diese hinein. Das Motorgetriebe des Busses wird bis aufs äußerste strapaziert.
Hier, vor Ort ... läßt sich gut nachvollziehen, daß die Truppen Pedro de Alvarados bei ihrem Eroberungsfeldzug Richtung Süden die aus der Ebene flüchtenden Quiche- & Mam-Stämme zunächst nicht bis in diese Höhenlagen verfolgen konnten & diese sich in Quetzaltenango versammeln lassen mußten ...
... wo sie dann allerdings 1524 in der großen Entscheidungsschlacht von den spanischen Conquistadores endgültig besiegt wurden.
Übrigens wurden damals die Entscheidungen von den jeweiligen Protagonisten noch selbst herbeigeführt - aber Tecun Uman (der Quiche-Häuptling) hatte in einem ungleichen Zweikampf der überlegenen ‘Feuer‘-Kraft de Alvarados nichts entgegenzusetzen.
EIGENTLICH ist es eine wunderschöne, tolle Panoramen bietende Busfahrt, bis ...
... ja - bis ich einem jungen Mädchen, das aussteigen will, schwungvoll Platz mache & dabei die scharfkantige Eisenaufhängung der Gepäckablage übersehe:
ZONNNNG! Und wieder einmal muß mein Schädel für meine Unachtsamkeit ‘den Schädel hinhalten‘!
In Sekundenschnelle steht der gesamte Bus etwa zwanzig Zentimeter ‘unter Blut‘. Aus vier Packungen Papiertaschentüchern bastel’ ich mir eine provisorische Druckkompresse ... & rauche erstmal einige Zigaretten (dabei blöd um mich grinsend). Meine Mitpassagiere sind allesamt sehr besorgt & jede/r einzelne begutachtet (AH’s und OH’s ausstoßend) meinen ‘offenen Kopf’. Bei Erreichen des ‘Minerva-Bus-Terminal’ im Nordwesten Xela’s (etwa anderthalb Stunden später) ...
... ist die Blutung dann erstmal versiegt & die Wunde mit einer dicken ‘Haar-Schorf-Kruste’ luft- & blutdicht verklebt.
Ich schultere meinen Rucksack & drehe eine ungewollt-laaange Xela-Sight-Seeing-Runde, bis ich (‘finally’ - nach etwa einer Stunde) erschöpft und eher zufällig den zentralen ‘Parque Centroamerica’ (die guatemaltekische Namens-Variante des mexikanischen ‘Zocalo’) finde.

LA0099-QuetzaltenangoDenkmalGralJRBarrios

Ich checke drei einfache ‘Hospedajes’, ziehe mich zur Entscheidung auf einen Pizza-Snack in ein ‘local Restaurant’ zurück & beglückwünsche anschließend die Besitzerin des Casa Kaehler zu ihrem neuen Gast:
einfaches, aber sehr großes Zimmer (mit zwei Betten und einem Fenster) - ‘shared, but clean Shower and Toilet’ - sowie eine sehr freundliche, immer lächelnde & hilfsbereite ‘Mama de Casa’, die letztlich den Ausschlag gibt (vor allem ihr ‘Giggeln’, wenn sie vereinzelt Gringo-Brocken in ihre Rede einfließen läßt ‘... hätt jätt’).
Sie ist übrigens ungefähr 50 Jahre alt!
Auspacken - dann verarzte ich meine Kopfwunde ...
... so wie ich es in zahllosen Western gelernt habe (hm - gar nicht so einfach, die Klinge eines Schweizermessers mit einem Feuerzeug zum Glühen zu bringen).
‘Übrigens - Svenja! Weißt Du, warum ich heute noch öfter an Dich denken muß als ich es (ungesunderweise) eh schon tue ... ?’
Schließlich unternehme ich einen ersten Erkundungs-Spaziergang durch die Viertel um den Parque Centroamerica & ‘cashe’ einen 100-$-Travellerscheck in Quetzals. Meine überschüssigen mexikanischen Pesos will hier niemand haben:
‘Solamente a la Frontera, Senor!’ ... wird mir stereotyp bedeutet.
Aber: Egal! Mein Weg zurück nach Europa führt ja unweigerlich über Mexiko-City ...

LA0016-MexicoCityZocalo+MexikanischeFlagge LA0005-MexicoCityCatedraleMetropolitana LA0012-MexicoCityHauptaltarInDerKathedrale

LA0017-MexicoCityZocalo+KäferTaxis LA0021-MexicoCityPalacioDeBellasArtes LA0026-MexicoCityMarmorStatueVorPalacioDeBellasArtes LA0028-MexicoCityBeethovenDenkmal

LA0034-MexicoCityAtmoPuenteAlvarado LA0044-MexicoCityFolterReliefCuauthemoc LA0040-MexicoCityKinderMilizen02

LA0046-MexicoCityPaseoDeLaReforma LA0047-MexicoCityCentroBursatil   LA0054-MexicoCityBrunnen+Diane LA0064-MexicoCityAztekenDenkmal

... gell, Carmen?’
Bei Einbruch der Dunkelheit wird im ‘P.CA.’ mit an militärischen Drill erinnerndem Zeremoniell der Fahnenappell durchgeführt. Die Militärmusik kommt allerdings NUR aus einem riesigen Ghetto-Blaster. Hauptakteure sind die einheitlich in schicke, lilafarbene Sweater gekleideten Schüler & Schülerinnen des Colegio San Jose (wie ich der Aufschrift auf den Sweatern entnehmen kann).
Einige, wenige ‘Early Evening Shots’ ...

LA0097-QuetzaltenangoCatedralViejoYNuevo

... dann zwickt mein Magen !?
Ich kehre in einem typisch guatemaltekischen Restaurant mit dem typisch guatemaltekischen Namen ‘Shanghai’ ein: gutes Vegetable-ChowMien & verhaltener Test des einheimischen Bieres (Marke: ‘Gallo’).
Obwohl - was heißt schon in Mittelamerika einheimisch?
‘Seit 1896 nach deutscher Braukunst hergestellt!’ ...
... steht auf dem Flaschenetikett.
Gegen 9 Uhr ziehe ich mich in mein Hotelzimmer zurück. Der Raum ist wirklich sehr gemütlich, die Wände allerdings sind pergament-dünn ...
... & so wird meine Bettlektüre (Carlos Fuentes: ‘Christoph, Ungeborn’) ... von links durch einen Americano & seinen Spanisch-Lehrer ... sowie von rechts durch die ‘Conversacion’ zweier Schwäbinnen akkustisch untermalt (nein: gestört!).
Um Halb Elf Uhr lösche ich das Licht und bette meinen angeschlagenen Schädel mit äußerster Vorsicht (& nur der rechten Kopfhälfte ‘Kontakt’ gestattend) aufs Kopfkissen: ‘Bienvenidos en Guatemala ...
... y Buenas Noches - Horacio!’
‘Muchas Gracias y ...
... Igualmente! Hasta Manana!’

... IRGENDWIE kann ich mich gar nicht aufs Tagebuch konzentrieren, da ich gerade mal wieder meine Reiseplanung für Guatemala ‘komplett über den Haufen werfe’. Ich sitze (wie gestern) im Restaurant El Kopetin (hier ‘hat’s die größten Kaffeetassen der Stadt: Muy Importante!’) & lese meinen Lonely-Planet kreuz & quer. Letzter Stand meiner Planungen (keine Ahnung, für wie lange?):
Ich werde nun wahrscheinlich doch einen Abstecher in den Nordosten Guatemalas unternehmen (Livingston & der El-Peten-Dschungel inklusive der ‘world-famous Maya-Ruins at Tikal’) & ...
... zum Ausgleich halt irgend-wo-anders (Gua-City ... Kolumbien?) etwas ‘Tiempo’ einsparen. Aber nun zum Freitag!
Früh wach - Duschen (äußerst vorsichtig - von wegen ‘Open Head’) - Frühstück im El Kopetin mit laaangem Tagebuch-Eintrag (Ich Quasselstrippe - ICH!).
Gesättigt (& mit hochwasser-verdächtigem Kaffee-Pegel in meinen Augen) schlendere ich anschließend vom Parque Centroamerica in nordöstlicher Richtung. ‘Dort irgendwo’ ... sollen laut Aussage meiner Zimmerwirtin die Busse nach San Francisco de los Altos starten. Dieser Ort (2.600 Meter über dem Meeresspiegel gelegen) ist berühmt für seinen ‘Freitag-Markt’: An diesem Wochentag strömen tausende Bauern aus den umliegenden Hochland-Dörfern auf dem zentralen Platz vor der Kathedrale (& in den angrenzenden Straßen) zusammen und formieren sich zu einem ‘Mercado Muy Color’ & ...
... heute ist: Na, na?
Genau: Freitag!
Nach etwa zwei Kilometern Fußmarsch durch zunächst idyllische, enge Altstadtgassen (später an der stark-befahrenen, vierspurigen Calzada Independencia entlang) erreiche ich den östlichen Verkehrs-Knotenpunkt Quetzaltenangos:
die Plaza ‘La Retondo’.
Inmitten eines unübersichtlichen Kreisverkehrs befindet sich auf einer großen, runden Verkehrsinsel die ‘Homenaje a la Marimba’ - ein aus Stein gehauenes, überdimensionales Marimbaphon ...
... das von einer nicht minder überdimensionalen Marimba-Spielerin mittels ihrer musikalischen Füße ‘sichtbar zum (lautlosen) Klingen’ gebracht wird.

LA0103-QuetzaltenangoHommajeALaMarimba

Eine kurze Rundfrage bei den umstehenden Passanten sorgt dafür, daß alle wissen, wo ich hin möchte & fortan halten alle nach ‘meinem’ Bus Ausschau. Und somit habe ich Zeit, ein paar Atmo-Shots ...
... aber schon werde ich von den freundlichen ‘Locals’ in einen Bus geschoben.
Überigens - ‘Local Bus’: DER ‘Point of Purchase’ für den gemeinen, guatemaltekischen Straßenhändler! Denn - jeder muß (notgedrungen) zuhören & ... keiner kann den Präsentationsort verlassen.
Heute wird die Wundersalbe ‘Rayo’ angepriesen & deren Multifunktionalität demonstriert sowie detailliert geschildert. Die Mega-Salbe hilft gegen alle muskulären & Gelenkschmerzen, kann auf offene Wunden aufgetragen werden, hilft weiterhin gleichermaßen gegen Insektenstiche & Verbrennungen & ...
... der Clou: man kann sich mit ihr auch die Zähne putzen!
‘Einfach PHANTASTISCH!’ ...
... denken (außer einem) so ziemlich alle Bus-Insassen:
Naja - drei Quetzal pro Tube ist ja nun wirklich auch fast geschenkt, oder ...?
Zwischendrin hält der Verkäufer (der zwar überhaupt nichts Priesterliches an sich hat - offenes Hemd, Goldkettchen, riesige Sonnenbrille & eine, wie ein Kulturbeutel aussehende Umhängetasche - aber: man glaubt ihm ... & KAUFT!) immer mal wieder eine überdimensionale, eingeschweißte ‘100-Quetzal-Banknote’ triumphierend in die Runde - eindeutig eine verkaufsförderliche Maßnahme ...
... deren Bedeutung sich mir allerdings verschließt!
Eine gute halbe Stunde geht’s (zunächst schwach, später steil) hügelanwärts. 17 Entfernungs-Kilometer & 300 Höhenmeter sind’s bis San Francisco de los Altos. Am Bus-Terminal (angekommen) ‘ist die Hölle los’:
Dutzende Busse, die Be- & Entladen werden (die Busdächer sind teilweise dreistöckig bepackt) - Hunderte ‘Locals’, die Frauen meist in ihren bunten Landestrachten (‘Quechquemitls’: Capes, ‘Enredos’: eine Art Umhängetuch, das mehrmals um den Körper geschlungen wird, ‘Huipils’: lange, ärmellose Ponchos) - sowie Essens- & Getränkestände en masse.
Ein kurzer ‘Rund-Um-Orientierungs-Blick’ - dann erklimme ich die steil zur schneeweißen, großen Kathedrale ansteigende Straße. Das Gedränge wird mit jedem zurückgelegten Meter dichter. Etwa eine Stunde streune ich durch die engen (& heute ausgesprochen bunten) Gassen - verweile dann am, auf einem großen Nebenplatz stattfindenden Viehmarkt - & mache eine Reihe (hoffentlich atmosphärischer) Fotos.

LA0107-SanFranciscoAltosMarkt+BunteTrachten LA0106-SanFranciscoAltosCampesino+Schwein LA0105-SanFranciscoAltosCampesinas+Markt

LA0111-SanFranciscoAltosMarkt+TuchverkäuferLA0110-SanFranciscoAltosMarkt+Hutverkaufsstand

Hans - ich höre Dich schon wieder sagen:
‘Mensch, Horst - Du mußt näher ran, eh! Voll-Format!’
Ich hab’s versucht - Really! ...
... A Ver!
Am frühen Nachmittag seile ich mich wieder Richtung Bus-Bahnhof ab - eine Cola gegen die Hitze & (zurückhaltender) Augenflirt mit einem etwa zweijährigen Mädchen auf der anderen Seite des Getränkestands. Schließlich gebe ich ihr ein Bonbon ...
... & erstmalig strahlt sie mich mit großen, dunklen (& doch leuchtenden) Augen an.
Gleichzeitig aber beschleicht mich ein ungutes Gefühl: Ich habe von Lynchjustiz der einheimischen Bevölkerung gegenüber wahllos ausgesuchten Ausländern gehört, die (nachdem mehrere guatemaltekische Kinder mutmaßlich von Ausländern entführt wurden) ihre Kollektivschuld mit dem Leben bezahlen mußten - sprich:
Ermordet wurden!
Tja, Hans - kein Reiseland für Dich!
Überhaupt: ‘The Guatemaltecs are CRAZY about Their Children!’
In jedem Bus verkündet ein Hinweisschild in großen Lettern & in englischer Sprache (obwohl sonst alles in Spanisch verfaßt ist):
The Safety of YOUR Children is OUR Business!
Hm - wenn überhaupt, dann kann es sich nur um die (minimal größere) Sicherheit der IM BUS befindlichen Kinder handeln. Denn falls sich ein Kind auch nur in die Nähe der Straßen wagt, über die die Busse mit immer gleichbleibender Maximalgeschwindigkeit dahinrasen ...
... so ist es scheinbar selber schuld & nicht mehr Kind, sondern Freiwild!
Schließlich erklimme ich einen Bus mit Fahrtziel Xela. Der Rückstau am Markttag ist immens & wir müssen eine gute Stunde warten, bis sich die Blechlawine langsam (& endlich) in Bewegung setzt. Die Zeit wird mir allerdings nicht lang ...
... darf ich mich doch über den ‘Busfahrer-Idioten’ ärgern, der trotz offensichtlich längerer Wartezeit den Motor seines Gefährts natürlich nicht abstellt!
Anyway ...
Zurück in Xela gönne ich mir zunächst eine ‘relaxing Hour’ auf einer schattigen Steinbank des Zocalo ... äh ... wenn ich ‘Zocalo’ schreibe, meine ich natürlich den Parque Centroamerica (hm - mit Vierzig fällt es halt nicht mehr so leicht, sich ständig umzustellen!?).
Nettes Gespräch mit einem englisch-sprachigen ‘Local’, der mich über Deutschland, Religion, Familie ... sowie die Situation Homosexueller (!?) in Mexiko & Deutschland ausfragt: Naja - er ist verheiratet & hat fünf Kinder - ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder ...
... & so meint er ‘eins & eins zusammenzählen’ zu dürfen!
Ich erkläre zwar, daß ich nicht schwul bin - aber das Thema läßt ihn nicht mehr los (eigentlich ist mir auch egal, was er über mich denkt!).
Als ich später die Erfahrungen der Bürger Guatemalas mit den USA anspreche, weicht er aus ...
... & brummelt nur (kaum hörbar):
‘Yes - American Companies are good & important for our Country!’
Nicht gerade das, was ich hören wollte - aber wahrscheinlich repräsentiert er auch nicht unbedingt den typischen land-, besitz- & rechtlosen Campesino ...
Anschließend gehe ich (auf einen Kaffee) in die Depro-Stimmung verbreitende ‘Pasaje Enriquez’ - ein als elegante Shopping-Mile geplantes, palast-ähnliches Gebäude-Arrangement mit aufwendigem Glaskuppel-Dach. Mangels Nachfrage nach Luxusgütern bei der einheimischen Bevölkerung stehen jedoch alle Verkaufsflächen leer & das Gebäude verrottet langsam (aber ‘offen’-sichtlich). Das einzig halbwegs lebendige in dieser Bauruine ist ein Cafe, welches in diesem Surrounding allerdings auch nicht mehr Charme zu versprühen vermag als die durchschnittliche deutsche Kleinstadt-Bahnhofsmission.
Vorbei an der schmucken ‘Gutenberg Druckerei’ (‘Emprenta G.’) ...

LA0117-QuetzaltenangoGutenbergDruckerei

... zurück ins Hotel - wo ich auf zwei junge, deutsche Traveller-Pärchen treffe (eine der beiden Frauen stammt übrigens gebürtig aus Erftstadt-Lechenich: ‘El mundo es pequeno!’), die heute aus Huehuetenango angereist sind ...
... & mir vom Besuch dieser langweiligen, touristischen Stadt abraten (obwohl ‘Huehue’ ursprünglich als nächstes Etappenziel eingeplant war: On Vera ...!?). Dann langer Erfahrungsaustausch mit Jens (einem bayerischen Bergführer: in Rosenheim lebend, gebürtiger Frankfurter) über Nepal & die Himalayas ...
Im hübschen, blumenreichen Innenhof ‘meines Casas’ genieße ich (in der Abendsonne) eine kurzweilige Stunde lang ‘meinen Fuentes’. Gegen Sieben Uhr meldet sich (knurrend & ungehalten) ‘mein Magen’:
Pizza Grande in der nahen ‘Pizza Pasteleria Bombonier’.
Einziges Manko: ‘No Alcoholics served!’ ...
... aber die Pizza ist ‘Muy  Bien Y ... MUY, MUY GRANDE’.
Ich muß alles geben - aber:
Lieber den Magen verrenkt, als dem ‘Dueno’ was geschenkt ...
Hinterher unternehme ich einen langen (& ... DRINGENDST nötigen) Verdauungs-Spaziergang durch die stockdunklen Gassen von Xela.
NICHT ‘lookin’ for trouble, but’ ...
... ab & an muß ich meine Nerven ein wenig kitzeln!
‘Nein, Kathrin - keine Dummheiten ...
... das habe ich Dir doch versprochen!’
Im Hotel lese ich (zum Tagesausklang) noch ein sehr langes Kapitel ‘Christoph, Ungeborn’: das Buch fesselt mich zusehends! Carlos Fuentes ist wirklich ein interessanter Erzähler sowie ein einfallsreicher Wort-Akrobat & Sprach-Jongleur.
Dann lösche ich das Licht - hieran knüpft sich übrigens der einzige Kritikpunkt am ansonsten sehr schönen Zimmer im Casa Kaehler: denn ...
... um das Licht zu löschen, muß ich das Bett verlassen!
Aber ...
... naja: WELCHE UNBILDEN nimmt man auf Reisen nicht alle so auf sich !?

... Sehr früh wach & NOCH früher raus als sonst!
Und warum?
Ich habe gestern meinen brasilianischen Reisewecker, zu dem ich (zugegeben) noch kein allzu großes Vertrauen entwickelt habe, nach der riesigen ‘Afri-Cola’-Digitaluhr am Parque Centroamerica gestellt ...
... & prompt (natürlich) eine falsch-gehende Öffentliche Uhr erwischt.
Daher zwinge ich die nette Bedienung im El Kopetin, das Restaurant schon um Viertel vor Sieben Uhr aufzusperren - was sie allerdings freundlich lächelnd macht (naja - ich bin dabei mir den Status eines Stammkunden zu er-frühstücken’!).
Hm - & ich hatte mich schon gewundert, warum kein einziger Mensch in den Straßen zu sehen ist?
IGUAL! ... äh ... zugegeben eine mehr als gewagte Übersetzung des ‘always fitting: Anyway’ ins Spanische.
Gutes Frühstück & lange Tagebuch-Session - zwischenzeitlich bei Candlelight, da ein Stromausfall Quetzaltenango lahmlegt. Ich erwische allerdings ‘so gerade noch’ die letzte Tasse heißen Kaffees & so ist mir der Stromausfall ziemlich egal.
Gegen Zehn Uhr schlendere ich zurück ins Casa Kaehler:
Packen - Auschecken - Zahlen! Wobei sich der letzte Punkt dieser Aktivitätenliste (nicht GANZ unerwartet) als ‘Problema muy Grande’ erweist ...
... denn in Guatemala kann NIE NIEMAND NICHT KEIN Wechselgeld rausgeben!
Ich will meine Rechnung über 84 Quetzal mit einer ‘100-Quetzal-Banknote’ begleichen. Naja - DAS ALLEINE wäre noch kein Problem ...
... allerdings weigere ich mich standhaft das (offensichtlich von mir erwartete) ‘El Resto es para Usted!’ zu sagen.
Hm - betretenes Schweigen - hilfloses Achselzucken - zaghafte Versuche (‘ob ich denn wirklich nicht vielleicht doch noch irgendwo, im Rucksack ... ?’). Die Oma wird zum Wechseln losgeschickt, flucht lautstark vor sich hin & ...
... ich sehe mich (ihrem ‘raumgreifenden Schritt fassungslos nachstaunend’) auch den ‘late-late-Afternoon-Bus’ zum Lago Atitlan verpassen.
‘Gott-sei-Dank’ ... naht im letzten Moment Rettung:
Für mich & vor allem ‘die Oma’ durch (Nein! - nicht durch Yum-Kax, den allseits verehrten ‘Maya-Gott des Kornes’) ...
... eine junge Amerikanerin, die meinen ‘Hunny’ in kleine Scheine wechselt.
Sie war schon ÜBERALL (in Guatemala & Belize) - warnt mich vor dem sehr touristischen Chichicastenango (dessen ‘Sonntags-Markt’ ich eigentlich auf meinem morgigen Tagesplan vermerkt hatte) - & legt mir die alte Maya-Stadt Tikal im äußersten Norden des guatemaltekischen El-Peten-Dschungels ans Herz ...
... trotz der enormen Entfernung & der beschwerlichen Anreise (wenn man, wie ich, auf den Flieger verzichten MUSS).
Irgendwann führen wir unser Gespräch (übergangslos) in deutscher Sprache weiter. Ihre Mutter ist gebürtige Deutsche & (auch) sie spricht ‘ihre Muttersprache’ nahezu akzentfrei. Naja - sieht man mal vom (vermutlich mit den männlichen Genen weitergegebenen) ‘American-Chewing-Gum-Sound’ ab ...
Gegen Elf Uhr marschiere ich die schon bekannte Strecke zum ‘La Retondo’ (also dorthin, wo ‘die Frau die Marimba mit Füßen tritt’ - remember?) & erwische sofort einen ‘Local Bus’ nach Los Encuentros, dem Verkehrsknotenpunkt zwischen Guatemala-Ciudad, Quetzaltenango, Chichicastenango & dem Lago de Atitlan.
Obwohl wir bereits auf 2.300 Metern ‘Altura’ starten, klettern wir fortwährend durch überwiegend un-kultiviertes Nadelwald- & Dschungel-Gelände. Plötzlich zeigt sich der 4.220 Meter hohe Vulkan Mt. Tajumulco in voller Pracht & Größe (hinter einer tief unter dem Highway liegenden weiten Ebene).
Seine ebenmäßig-kegelförmige Geometrie scheint am Reißbrett entworfen. Leider ist in dem mit Passagieren vollgepfropften Bus nicht mal daran zu denken, sich zu bewegen ...
... geschweige denn, die Kamera aus der zwischen meinen Beinen eingeklemmten Fototasche hervorzukramen. Also heißt es mal wieder:
Präg’ Dir DIESEN ANBLICK GUT ein!
Die Straße steigt & steigt immer weiter an. Wir befinden uns DEUTLICH oberhalb 3000 Höhenmetern & fahren schließlich (uns plötzlich mitten in den schnell dahinziehenden Wolken befindend) durch einen wie verzaubert wirkenden Nadelbaum- & Felsen- (Märchen-)Wald. Etwa zwanzig Kilometer bevor wir Los Encuentros erreichen, zeigt sich vor uns ein chaotischer Verkehrsstau:
‘Carretera In Reparacion’ ...

LA0118-NaheLosEncuentrosCarreteraInReparacion

... ein mehr als zehn Kilometer langer Straßenabschnitt ist nur einspurig befahrbar. An den jeweiligen Enden des gesperrten Straßenstücks bildet sich nicht nur ‘im Handumdrehen’ ein endloser Stau ...
... sondern gleichzeitig auch die entsprechende ‘Survival’-Infrastruktur.
Ich verlasse den Bus, genehmige mir eine Cola & eine Tüte Cashew-Kerne (quasi als Lunch) & schaue mir das ‘stehende Treiben’ von draußen an - so kann ich übrigens auch meinen Rucksack im Auge behalten, der sich auf dem Busdach befindet.
Nach einer Stunde geht’s endlich weiter: die Straße führt nun in sanften Schwüngen hügelabwärts. Die Zigarettenpause in Los Encuentros ist verdammt kurz ...
... schon rattert der Bus nach Panajachel (am Nordufer des Lago de Atitlan) heran. Bis Solola (letzte reguläre d.h. ‘Nicht-Touri’-Stadt) verläuft die Straße weiterhin leicht abschüssig.
Die letzten acht Kilometer bis zum Seeufer tauchen wir dann allerdings (dramatische Serpentinen nachzeichnend) mitten hinein in den Schlund des ex-Vulkans:
der Lago de Atitlan entstand nach der letzten Eiszeit, als sich der Vulkankrater mit Schmelzwasser füllte.
Der so entstandene See ist (aufgrund seiner Entstehungsgeschichte nicht unbedingt verwunderlich) mit 320 Metern Tiefe alles andere als ein seichtes Gewässer & die umliegenden, bis unmittelbar ans Seeufer heranreichenden Berge (die stellenweise senkrecht ansteigen) sind mit den ehemaligen Vulkantrichter-Innenwänden identisch.
‘EL TIEMPO NO ES MUY BIEN!’ & ...
... das ist noch geschmeichelt:
Dunkelgraue bis schwarze Wolken ziehen nicht, nein: LIEGEN (keine Hoffnung auf Besserung zulassend) über dem See & versperren den Blick auf das gegenüberliegende Ufer sowie die dort befindlichen (Really ...?) Vulkane San Pedro (2.995 Meter hoch), Toliman (3.158 Meter hoch) & Atitlan (3.537 Meter hoch).
Äh - ‘leichte Verstimmung’ ergreift (& zwar: massiv!) Besitz von mir.
Erstmal ... brauch’ ich ‘ne ‘Poofe’!
Ich grase die Hospedajes der beiden zentralen Calles Real y Santander ab ...
... aber heute scheine ich vom Glück verlassen zu sein:
Entweder ‘Completo’, oder ‘Muy Caro’, oder aber ‘No Muy Bien’.
Meine Verstimmung nimmt zu (in mir klingt alles nach/wie ‘Fis’!).
Obwohl ...
... es ist Samstag Nachmittag & viele Hauptstädter wollen das Wochenende hier am See verbringen, also: ‘PACIENCIA Y DESPACIO’!
Da es ja IMMER IRGENDWIE weitergeht, lösen sich auch heute letztlich alle Probleme (naja - wenigstens DIE bezüglich der Unterkunft!) in einem großen, leeren Nichts auf: Im Traveller-Treff Mario’s Rooms bietet man mir einen einfachen Zwei-Bett-Raum (mit Holzwänden & einem großem Fenster sowie potentiellem Seeblick) für umgerechnet 5 Dolares an - Toilette & Dusche sind ‘draußen vor der Tür’.
Ich ziere mich noch ein wenig, aber ...
... hm - naja: Okay!
Zunächst einmal bringe ich meine Schmutzwäsche zu einer nahegelegenen ‘Lavanderia’ (im Hospedaje hat’s keine Laundry-Facilities & ... in meinem Zimmer kein Wasser).
Trotz des Scheiss-Wetters unternehme ich einen (desdawegen eher mißmutigen) Spaziergang zum Seeufer. Die Atmosphäre erinnert mich ‘... an den Tag nach Reinhards Freitod im Ammersee!’ (‘Oder war es doch ein Unfall, Esther?’).
Tja - und DANN ...
... beginnt es zu REGNEN!
Ich flüchte mich in ein Seeufer-Restaurant & widme mich Carlos Fuentes sowie einem teuren, großen (& doch viel zu kleinen) ‘Cerveza Gallo’. Währenddessen nimmt die Intensität des Regens stetig zu. Gegen Sechs Uhr ‘platsche’ ich (fatalistisch ‘Raindrops keep fallin’ on my Head’ vor mich hin pfeifend) zurück in meinen ‘Basic Room at Marios’.
Am weit geöffneten Fenster hockend, verbringe ich die nächsten beiden Stunden lesend, rauchend & trinkend. Vorausschauend (wie ich in Krisensituationen sein kann ...) habe ich mich unterwegs noch mit einer Ein-Liter-Pulle Bier versorgt:
das momentan GENAU RICHTIGE MASS (‘aller nassen Dinge’)!
IRGENDWANN ... nerven mich meine beiden amerikanischen Zimmernachbarinnen (hinter der hauchdünnen Spanplattenwand: also eigentlich IN meinem Zimmer) in einem unerträglichen Maß: Ich erfahre (ob ich will oder nicht) ALLES über ...
... die besten ‘Shopping-Bargains in Central- & Southern America’,
... die ‘Cargo’-Preise beim Verschicken der Klamotten zurück in die ‘Verunreinigten Staaten’,
... das UNVERSCHÄMT HOHE Preisniveau HIER in Mittelamerika (im Vergleich zu Südamerika),
... aso, aso !!!
‘AAAH! WO (um ALLES-IN-DER-WELT!) ist meine Winchester ...???’
Einem Nervenbündel gleich suche ich Zuflucht im Hotel-Restaurant ...
... & Beruhigung bei einer ‘Sopa del Dia’ (‘Zitter!’) sowie ‘Espaguetis a la Bolognese’ (weit weniger Probleme: ‘Wickel - Wickel - Wickel!’).
Beim anschließenden Verdauungsspaziergang entlang der sehr touristischen Calle Real (Panajachel wird von den Locals übrigens nur ‘Gringotenango’ genannt) schallt mir plötzlich ein fünf-kehliges ‘HELLO, GRINGO!’ entgegen:
Die ‘Bayern-Erftstadt-Connection’ hockt (in fröhlicher Runde) in einem Terrassen-Restaurant beisammen ...
... bei ‘Cerveza Obscura’ sowie heißem Orangensaft mit Zimt (‘BRRR!’).
Der ‘Deutsche Club’ ist mittlerweile um ein weibliches, ‘fünftes Rad am Wagen’ auf Handstärke angewachsen. Netter Plausch ...
... wobei ‘die Neue’ auffallend interessiert an meinen Lippen hängt:
‘Guatemala Can be SO Lonesome!’
Nach einer kurzweiligen Plauder-Stunde setze ich mich in meine Hospedaje ab & lese (mittlerweile herrscht wieder Ruhe) ein Kapitel ‘Christoph, Ungeborn’ ...
... bei angenehmen Temperaturen, am offenen Fenster & in (mittlerweile) sternen-klarer Nacht!
Und genau DARAN knüpft mein frommer ‘Gute-Nacht’-Wunsch an:
HOFFENTLICH ...
... wird sich das Wetter (hier - am Lago Atitlan) morgen von einer schöneren Seite zeigen! Übrigens:
Meine ERSTE Nacht IN einem Vulkan ...
... ‘Y BUENAS NOCHES!’

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