CU0255-PlayaGiron'Schweinebucht'AntiUSImperialismo02
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CU0031-HavannaMeeresbrandungAmMalecon

Samstag, 28. Oktober:

... (NOCH) KÖLN

In der Abflughalle des Köln-Bonner Flughafens:
Die deutsche Sektion irgendeiner ’Deutsch-Cubanischen-Freundschaftsgesellschaft’ gibt sich die Ehre & ... am Gate B3 selbst ein Ständchen. Ein etwa zehnstimmiger Chor singt unisono (zu einfachster Klampfenbegleitung: G - C - D7) ...
... Revolutionslieder.
Gar nicht mal SOOO schlecht, vornehmlich aber kämpferisch & LAUT!
Im Flieger tummeln sich dann (wie erwartet) die typischen Charter-Passagiere:
Mittleren Alters (hm - eigentlich alt, aber auf jung machend) tragen sie ihre aus kurzer Hose, papageien-bunten Hawaii-Hemden, LUSTIGEM Strohhut & bronzefarben-glänzender Sonnenstudio-Bräune bestehende Urlaubs-Uniform zur (Premieren-) Schau.
Oder besser: über den Laufsteg! Denn niemand sitzt niemals nicht länger als HÖCHSTENS fünf Minuten still.
Da sich JEDE/R unmittelbar nach dem Abheben der CUBAN-AIR-Maschine mit mehreren Flaschen ’Havana Club Gold’ (Rum) eingedeckt hat, schließt sich (zwangsläufig) an dieses Opening ein nicht abreißendes Gerenne nach Cola & Orangensaft an! Beim Anflug auf Gander / Neufundland ist ’meine Reisegruppe’ (nicht unerwartet) schon ziemlich fertig!
Apropos ’fertig’:
Mein Sitznachbar ist nicht minder fertig ... & das obwohl er keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen hat. Bis zum ersten Zwischenstop am östlichsten Zipfel Kanadas gewährt er mir großzügig eine Schonfrist - nun aber geht’s SCHLAG AUF SCHLAG:
Er ist DER Abenteurer ... trieb sich ein halbes Jahr auf den Kleinen Antillen herum - bevor er mit einem ’Seelenverkäufer’ (unterbewußt durchwühle ich mein Handgepäck nach meiner ersten Reise-Lektüre ... B.Travens ’Totenschiff’) nach Französisch-Guyana übersetzte - wo dann sein Skipper ertrank (’... beim Tauchen! Schade eigentlich, war ein netter Bursche!’).
In der ehemaligen Kolonie der Grand Nation betrieb er schließlich ’das Geschäft seines Lebens’ ... indem er alte, abgefahrene Autoreifen mit riesigen Gewinnspannen (& Zustimmung der korrupten, einheimischen Behörden) aus Europa importierte. ’Was nebenbei bemerkt’, wie er mir stolz (auf sich) lächelnd erklärt, ’auch mit abgelaufenen Medikamenten FUNKTIONIERT! Die ham ja nix ... da unten! Die freun sich!’
Übrigens trägt die ’Sackgänger-Plaudertasche’ ein weißes Hemd, dezente (aber) Krawatte & einen dunklen Anzug (naja - halt das übliche Ganoven-Outfit). Das Jacket seines Zweiteilers wird während des Fluges etwa 987 Mal auf seinen Knien gleichermaßen neu & akkurat wie (vornehmlich)  sinnlos gefaltet.
Nun ist er auf dem Weg nach (’Bumsermann’-) Varadero ... mal zwei Wochen ausspannen, weil ... er arbeitet Schicht & so ...
’Übrigens haben amerikanische Wissenschaftler jetzt die Keilschrift der Mayas entziffert! Naja - man hat EINFACH alles in einen Computer eingegeben, der hat ein bißchen rumgerechnet & dann seine erstaunlichen Ergebnisse ausgespuckt. Und NUN ist bewiesen, daß die Verlierer bei den rituellen Pelota-Ballspiel-Turnieren NICHT geopfert wurden!’
IST JA IRRE! Ich bin ernsthaft beeindruckt!
... ’ & jede der nur zehn mal zehn Zentimeter großen Beerdigungsplatten erzählt DAS GANZE LEBEN eines Maya!’
UN-GLAUB-LICH! Tja - da fällt mir echt nix mehr ein!
... ’ & wenn wir mit einer Geschwindigkeit von 1.600 Kilometern pro Stunde fliegen WÜRDEN, dann WÜRD’ die Sonne überhaupt nicht mehr untergehen!’
WÜRG - HILFE - MUTTIIIEEE !!!
Ich frage MICH (weil ich noch rücksichtsvoll bin: Scheiß-Kinderstube!) ... WARUM DER MIR DAS ALLES ERZÄHLT ???
Gott-sei-Dank setzt unser kubanischer Adler kurz darauf zur Zwischenlandung in Holguin an ...
... & BEFREIT vernehme ich die Durchsage des Chef-Stewards:
Stop Smokin’ - Fasten Your Seat-Belts - & SHUT YOUR MOUTH, YOU BLOODY BASTARD! ... IN THE BACK ROW! ... BESIDE THIS NICE LOOKIN’ & MUCH TOO POLITE BEHAVIN’, YOUNG GERMAN ...
Naja - kann durchaus sein, daß ich mir den letzten Teil der Durchsage nur eingebildet habe!
In der Transferhalle des Provinz-Flughafens gibt ein verarmter Ex-Revolutionär (vermutlich ein Kampfgenosse von Fidel & Ché) SPONTAN für die Pauschaltouristen eine erste, kurze Kostprobe kubanischen Volksliedgutes zum Besten:
Besame Mucho ( ... mit dem Untertitel ’Tre-Dola-Song’, Hilde!) - auf einem einheimischen Farnblatt virtuos gepfiffen & mit sparsamer Gitarrenbegleitung untermalt!
Hm - es ist schon faszinierend, wie unauffällig der gemeine Pauschaltourist seine Videokamera in Anschlag zu bringen vermag!
Während des sich anschließenden Weiterfluges nach Havanna lächeln ALLE noch eine Spur breiter - teils (wegen) beseelt, (größten-) teils (wegen) betrunken, IMMER (äh ... ich eingeschlossen) DÜMMLICH!
Vor dem Flughafengebäude nahe der kubanischen Kapitale ergibt sich dann ein (eher zwangloser!?) erster Kontakt mit der lokalen Obrigkeit:
... in Person eines Polizisten auf seinem uralten (sowjetrussischen?) Drahtesel, der sich zwar extrem wort- & gestenkarg präsentiert, gleichzeitig aber verdammt bestimmt & autoritär auftritt (also ... ich meine natürlich den Polizisten!).
Exakt in DEM Moment, da ich mit einem jungen Cubano (mit Auto UND Sprit!) handelseinig werde & dieser erste Anstalten macht, mich gegen Zahlung von vier ’Bucks’ in mein Stadt-Hotel zu kutschieren ...
... stellt der waghalsige Gesetzeshüter (obwohl: er scheint über die Macht- & Kräfte-Verhältnisse in Cuba bestens informiert!) sein Fahrrad EINFACH QUER vor das stotternd anrollende Taxi!
Nachdem er Führerschein, Pass & Lizenz des vermeintlichen Taxifahrers kontrolliert hat, erklärt er unseren mündlich vereinbarten Dienstleistungsvertrag (wortlos!) für null & nichtig, bedeutet dem augenblicklich sich in ein kleines Häufchen Elend verwandelnden, jungen Latino mit einer starken, keinen noch so zögerlichen Widerspruch auch nur denken lassenden Geste, daß GENAU JETZT der letztmögliche Augenblick für ihn gekommen ist, repressionslos aus seinem Gesichtsfeld zu verschwinden ...
... & zitiert mich (anschließend) zu einer etwas abseitigen Privat-Belehrung!
Mein in regelmäßigen Abständen wiederholtes ’No Comprendo, Senor!’ hartnäckig ignorierend ...
... ERKLÄRT ER MIR DAS LEBEN! Und ohne auch nur ein einziges Wort verstanden zu haben, bin ich ihm (dennoch ... anschließend) aufrichtig dankbar.
Als Sahnehäubchen (womit er sich ENDGÜLTIG & ’bis ans Ende meiner Tage’ einen Ehrenplatz in meinem großen Herzen verdient) besorgt mir ’der kubanische Oskar’ schließlich noch (per Fahrrad!) ein ’Taxi Regular’ ...
... & für NUR elf ’Bucks’ strebe ich kurz darauf (polizeilich abgesegnet) meinem Hotel an der Rampa genannten Hauptstraße im Stadtteil Vedado entgegen!
Im Touristen-Taxi (einem Kleinbus der staatlichen Reisegesellschaft ’Havanatur’) erklärt mir die mich SOFORT adoptierende, persönliche Reisebegleiterin Ana (ich bin der einzige Fahrgast) ...  mal wieder ... natürlich ... DAS LEBEN - im Gegensatz zu ihrem Vorredner jedoch in Englisch & somit auch für mich begreifbar.
Ihr Schwerpunkt-Thema ’Kriminalität in Kuba’ würzt sie mit der ausführlichen Schilderung des Mißgeschicks zweier Schwedinnen, die vor genau einer Woche beim ’Kamera-Klau’ (?) schwer verletzt wurden. ’Geschieht ihnen Recht’, denke ich mir, ’wenn diese verzogenen Wohlstands-Gören nichts anderes im Sinn haben als arme Cubanos auszurauben!’
Ana wundert sich über meine Gelassenheit, wechselt das Thema & versucht mir meinen Karibik-Aufenthalt mittels einer anderen (dem Zyklus ’Die Unmöglichkeit des Reisens mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Kuba’ entlehnten) Alltags-Beschreibung zu vermiesen:
Ihr Freund plante mit dem täglich verkehrenden Zug von Havanna nach Santiago de Cuba (am äußersten, südlichen Zipfel der Insel) zu fahren - aber selbst zwei Monate vor dem gewünschten Reisetermin war es ihm unmöglich, ein Ticket für die begehrte (& IMMER ausgebuchte) Bahnfahrt zu ergattern ...
Ich spüre, wie jegliche Besorgnis von mir abfällt, werde zunehmend ruhig & beginne, mich auf die (da) kommenden vier Wochen zu freuen!
Ana begleitet mich noch bis zur Hotelrezeption, kritzelt ihre private Telefonnummer auf meinen Flugschein (’ ... falls Du irgendetwas wissen möchtest!?’) & notiert sich (sicherheitshalber!) meine Zimmernummer. Im Gehen belehrt sie mich, daß Sprachkurse an der Universität Havanna unverhältnismäßig teuer sind - aber sie verspricht mir, sich nach einer Uni-Dozentin umzuhören, die mir preisgünstigen Spanisch-Unterricht erteilt!
’ ... y Adios!’
Hotel St. John’s ... Zimmer 508 ... (endlich!) ALLEIN!
Auspacken - eiskalte, erfrischende Dusche - dann gönne ich mir (lang ausgestreckt auf dem Bett mich flezend) für zwei Zigarettenlängen einen US-amerikanischen Softporno im Tourist-Cable-TV-Pantoffelkino.
Kaputt - aber kaum müde ... & überhaupt nicht schläfrig!
Die Cafeteria des Hotels hat 24 Stunden geöffnet. Den knapp zwanzig Quadratmeter großen Gastraum beschallen zwei auf maximale Lautstärke eingestellte Fernseher - die natürlich unterschiedliche Programme wiedergeben !? Mir ist’s gleich:
ein Sandwich ’con Queso y Jamon’ sowie zwei ’Cerveza Nacional’ (für vier harte US-Dollar).
Gestärkt begebe ich mich schließlich (kaputt - aber kaum müde ... & überhaupt nicht schläfrig!) ... auf eine erste Erkundungsrunde um den Block. Mittlerweile ist es nach Mitternacht & bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit zeigt die Quecksilbersäule immer noch gute 25 Grad Celsius an.
Ich trotte (den zunehmend vernehmlichen Brandungsgeräuschen folgend) die Rampa in nördlicher Richtung entlang. Ob meines scheinbar zielstrebigen Fortbewegens ... werde ich nur zweimal von jungen Kubanerinnen ’angesprochen’ - eine der ’Senoritas de la Noche’ versucht (vergeblich!) mich am Arm festzuhalten.
Relativ unbeschadet ... erreiche ich nach wenigen hundert Metern den weltberühmten Malecon: die vierspurige Uferstraße mit ihrer weitläufigen, die gesamte Bucht von Havanna umschließenden Strandpromenade!
Vom offenen Meer bläst eine angenehm-frische Brise nicht nur mich an - dutzende Matrimonios Cubanos bevölkern (in der vom Mond nur schwach erhellten Nacht) die zum Verweilen einladende, halbhohe Quai-Mauer. Neben einem solchen (äh ... Pärchen), deren zwei umhertollende Kinder mir den Ort zusätzlich unverdächtig erscheinen lassen ...
... lasse ich mich nieder, schaue erstmalig seit Verlassen des Hotel-Foyers vom Boden auf & drehe mir eine Zigarette. Durchatmen & ... ANKOMMEN!
Eine halbe Stunde später begebe ich mich auf den Rückweg ins Hotel ... & werde JÄH von einem verdammt hübschen (& WIRKLICH blutjungen, Hans!) kubanischen Mädchen gestoppt, das sich mir einfach in den Weg stellt & mich mit Fragen überhäuft:
’Que Hora Es? Hay Una Cigarette, Por Favor? Eres Solo?’
Schließlich gibt sie mir durch kreisende Handbewegungen über ihrem nicht-vorhandenen Bäuchlein (oder genauer: über ihr enganliegendes & doch luftiges Sommerkleid, dessen schneeweiße Farbe sich mit ihrer kaffeebraunen Haut zum ’exotischen Karibik-Traum des gemeinen Mannes schlechthin’ verbindet ... äh ... ja! Wo war ich?) ...
... zu verstehen, daß sie Hunger hat!
Ich mache ihr (radebrechend ... & dies aus mehreren Gründen!) klar, daß ich doch schon SEHR MÜDE bin - reiche ihr (sie ist WIRKLICH eine Versuchung!) einen ’Yanquee’-Dollar & verabschiede mich dann ...
... SCHNELL.
Aus meinen mittlerweile fast geschlossenen Augenwinkeln kann ich immerhin noch erkennen, daß sie mir folgt ...
... bis sie SICHER weiß, in welchem Hotel ich verschwinde!
Hm - wenn ich nicht GENAU WÜSSTE (zu wissen glaube ... ?!) WIE ATTRAKTIV ’Dolares’ auf die einheimische weibliche (nicht nur auf die weibliche, aber auch auf die!) Bevölkerung wirken ...

Sonntag, 29. Oktober:

... HAVANNA

Mein erster Tag in Kubas Hauptstadt ist schnell erzählt.
’Time Lag’: erst um Halb Zwei Uhr (in der Nacht) zu Bett ... aber schon um Halb Sechs Uhr (am frühen Morgen) will mir mein Körper glauben machen, daß ich nun unwiderruflich WACH bin. Alle Versuche, noch die eine oder andere Mütze Schlaf zu erwischen, schlagen fehl.
Daher beobachte ich (rauchend!) durch mein Hotelzimmerfenster den Sonnenaufgang über der karibischen Stadt. Erste photographische Experimente!

CU0015-HavannaOldtimerInAltstadt


Schließlich Duschen & ...
... endlich ist’s Zeit zu Frühstücken!
Im Restaurant des St. John’s versuche ich mich dem Kellner vermittels meines in Deutschland crash-antrainierten Basis-Spanisch verständlich zu machen. Nun ja - ich bin NICHT verhungert: Gott-sei-Dank ist feste Nahrung für mich am frühen Morgen nicht so wichtig! Und doch ...
Café Solo - Café Grande - Café Criollo ?!?
Hm - gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten.
Und auf den Wiederholungstäter warten noch zusätzliche Komplikationen:
’Alguna Café, por Favor!’ wird hartnäckig ignoriert ...
... während das wie ein Befehl ausgesprochene ’Mas Café!’ augenblicklich zu einer neuen Tasse, frisch aufgebrühten Kaffees führt. Naja - man sollte nicht blind glauben, was in Sprachführern so alles als Spanisch ausgegeben wird ...
Ich besorge mir einen Stadtplan von Havanna & schwebe dann (zwecks Erkundung der Swimming-Pool-Bar) der Dachterrasse im 14. Stockwerk meines Hotels entgegen.
Hm - eindeutig mehr Bar als Pool!
Aber hier oben präsentieren sich mir (immerhin) spektakuläre Rund-Um-&-Weitblicke auf:
- Vedado, die Neustadt mit den großen Hotels & den teuren Restaurants,
- den monumentalen Gebäudekomplex des geschichtsträchtigen Hotel Nacional (unmittelbar neben dem St. John’s & ... zum Greifen nahe),

CU0003-HavannaHotelNacionalDeCuba


- den Malecon & die ohne Unterbrechung anrollenden Brandungswellen der Carribean Sea (dieser Küstenabschnitt bildet übrigens mit den Florida Keys die kürzeste Verbindung zwischen dem revolutionären Kuba & seinem imperialistischen Erzfeind),
- sowie Habana Vieja, die sich am fernen östlichen Horizont abzeichnende spanisch-koloniale Altstadt der Insel-Metropole.
Ein alkoholfreies Kaltgetränk später darf ich mir all diese grandiosen Aussichten ebenerdig (oder besser: fuß-läufig!) erarbeiten:
... I’M WALKIN’!
Die Wohnbezirke zwischen Vedado & Habana Vieja sind ziemlich heruntergekommen - augenscheinlich waren (& sind) die Gebäude entlang des Malecon dem ’revolutionären Zahn der post-imperialistischen Zeit’ schutz- & widerstandslos ausgesetzt.
Eine hochherrschaftliche Villa reiht sich an das nächste prä-revolutionäre Kolonialgebäude-Ensemble. Sämtliche (nunmehr) Bauruinen scheinen bewohnt - aber den Menschen (in den Fenstern lehnend & unter den schattigen Arkadengängen dösend) ist anzusehen, daß sie nicht der finanziellen Oberschicht des Landes angehören!

CU0010-HavannaMaceoReiterStandbildCU0024-HavannaKolonialerMarmorpalastCU0014-HavannaRevolutionäreLosungen

Naja - solche Termini & Klassifizierungen existieren zwar seit der Revolution (offiziell) eh nicht mehr ...
... aber kurze Zeit später führt mir die gut erhaltene und/oder schmuck restaurierte Altstadt umso deutlicher vor Augen, welche enorme Bandbreite zwischen den extremen Lebensbedingungen der Habaneros ’real existiert’.
Am östlichen Ende des Malecon thront, unmittelbar an der Hafeneinfahrt (& diese überschauend), auf einer Felsenzunge das Castillo de la Punta - das letzte, erhaltene Teilstück der nach Lissaboner Vorbild angelegten, ehemals geschlossenen Festungsanlage um Habana Vieja. Vor der Revolution als Standort der Elitetruppen Präsident Batistas fungierend ...
... war die Festung nach der erfolgreichen Vertreibung des Diktators der erste Arbeitsplatz von Commandante Ché Guevara.
Vor seiner Ernennung zum Industrieminister führte Ché an diesem symbolträchtigen Ort mit eiserner Hand (& fast im Alleingang) die Säuberung der Batista-Armee durch ...
... & erwarb sich spätestens hier den Ruf eines skrupel- & gnadenlosen, auch das ’schmutzige Revolutionsgeschäft’ nicht scheuenden, nur seinen & seiner Rebellen-Gefährten Idealen verpflichteten Pragmatikers!
Die martialische Trutzanlage bildet mit ihren anachronistischen, spanischen Kanonen (& Denkmälern zu Ehren der ehemaligen Festungskommandanten) einen krassen Gegensatz zum sich anschließenden, kleinen Park - dessen schattige Allee (eingefaßt von gut besetzten Parkbänken) unmittelbar auf das Museo de la Revolución (den ehemaligen Präsidentenpalast!) zielt.
Am Eingang des Museums präsentiert sich stolz jener sowjetische Panzer, der Commandante y Maximo Lider Fidel Castro dazu diente, HÖCHSTPERSÖNLICH die von der amerikanischen ’Centralo Inteligencia del Yanquee’ (CIA) unterstützte Invasion der Exil-Kubaner nahe der Schweinebucht niederzuschlagen.

CU0026-HavannaPanzerVorRevolutionsmuseum


Naja - wenn’s denn nicht stimmt, so ist es doch wenigstens gut erfunden - oder?
Im Park ergibt sich spontan ein zwangloser Kontakt zu zwei netten & informationsbegierigen Kubanern: Ramon hat fünf Jahre in Leipzig gearbeitet (& mußte gehen, als die Treuhand kam) - sein Freund lernt autodidaktisch Englisch & nutzt jede Gelegenheit, seine ’angelesenen’ Sprachkenntnisse einem Praxistest zu unterziehen.
Über die Diskussion der unterschiedlichen Lebensbedingungen in Deutschland & Kuba sowie die Auswirkungen des Zusammenbruches des Sowjet-Imperiums (auf unser beider Heimatländer) finden wir zum Wesentlichen:
Bei der grenzüberschreitenden & völkerverbindenden ’schönsten Nebensache der Welt’ angelangt ... begeistern & verblüffen wir uns gegenseitig durch die Benennung diverser Sportler-Persönlichkeiten aus dem jeweils anderen Land.
Sehr interessante & ERSTMALS ungezwungene ’Conversacion’:
Da ... weder Prostituierte (’Ssss - ssss!’), ... noch bettelnde Kinder (’Senor! Senor! Moneda!’), ... noch (die mit Abstand hartnäckigste Sackgänger-Sorte!) kapitalistisch-westliche T-Shirts (mit EINDEUTIGEN Aussagen) tragende ’Dauerlächler’, die mich schonungslos über meine desaströse Situation aufklären!
Übrigens mit den immergleichen Worten: ’Hello, MY FRIEND! You got a Problem! You need someone to Take Care of You!’ Hm - die quasi-zwangsläufige Komplettierung dieser Belehrung um den Halbsatz ‘... AND I’M THE ONE!’ wird (ebenso immergleich) meiner Phantasie überlassen - immerhin!
Wir verabreden die Fortsetzung unserer Unterhaltung für den nächsten Tag ... ‘um Drei Uhr - hier - vor dem Museum’.
Mal sehen ... A VER!?
Später nehme ich in der Bar des ‘besten Hauses Habana Viejas’ (des Hotel Inglaterra ... mit einer beeindruckenden mauro-klassizistischen Fassade) meinen ersten authentisch-kubanischen Mojito ...
... mit frischer Limone & einem spürbar großen ‘Havana-Club’-Anteil.
Der exponierte Standort des im Jahre 1875 eröffneten (& für Dollar-Touristen auf höchstes Kolonial-Niveau re-restaurierten) Hotels gestattet dem Gast eine ‘Buena Vista’ auf den atmosphärischen Parque Central sowie die monumentale Marmorstatue José Martis - des Nationalhelden & Anführers der ‘ersten (!) kubanischen Revolution’, die Ende des letzten Jahrhunderts zur Loslösung von den verhaßten spanischen Besatzern führte.
Anschließend schlendere ich durch ein zwar verwirrendes, scheinbar aber doch geordnetes Bühnenbild (vorbei an, dem ‘sozialistischen Realismus’ verpflichtete Schlangen geduldig & diszipliniert vor Eiscafés & Restaurants auf Einlaß wartender KubanerInnen) ... zurück zum Malecon.
Mittlerweile (später Nachmittag & High Tide) präsentiert sich die Karibische See in aufgewühltem Zustand. Eine tosende Brandungswelle nach der nächsten (?) schickt ihre Wassermassen gen kubanisches Festland ...

CU0066-HavannaMeeresbrandungAmMalecon


...  & ALLE Passanten werden von den meterhoch an & über die Promenadenmauer stürzenden Gischtkronen benetzt (teils ungewollt - die meisten Spaziergänger jedoch eindeutig Just-for-Fun-provokativ).
Kurzer ‘Dusch’-Kontakt mit einem offensichtlich der zweiten Kategorie zugehörigen Kubaner, der mir - ohne seinen Schritt zu verlangsamen ( ... quasi ‘en passant’) - zu meinem ersten kubanischen Joint verhilft. Äh - ja ...
DANN ...
... zurück ins St. Johns: DENN ...
... UN-END-LICH MÜ-DE!
Zwei Bier in der Snackbar. Ein weiteres, letztes ( ... & gehetztes!?) genehmige ich mir in meinem Hotelzimmer, wo ich (flach liegend zwar, aber doch ‘jederzeit zum Sprung bereit’) Harrison Ford (alias Dr. Richard Kimble) auf seiner ‘ausweglosen Flucht durch den Irrgarten des amerikanisch-kubanischen Touri-TV’ begleite ...
... bis H.F. al. Dr. R.K. MICH (da völlig erschöpft & kraftlos) zögerlich zwar, aber schließlich & letztlich doch ...
... zurücklassen MUSS!
Licht Aus & ...
... SCHNARCH!

Montag, 30. Oktober:

... HAVANNA

Wieder relativ FRÜH wach!
Naja - nach fast zwölfstündigem ‘Zeitzonen-Aufhol-Schlaf’ (ab Acht Uhr am Vorabend) ist dies eigentlich kaum verwunderlich ...
... & noch weniger erwähnenswert (was ich hiermit ... äh: trotzdem mache).
Duschen - dann ‘Guten-Morgen’-Lektüre (Toni Morrisons ‘Teerbaby’) - schließlich Frühstück im Hotel-Restaurant.
Meinem ersten Eindruck zufolge scheint Cuba doch nicht (Gott-sei-Dank?) ganz SOOO amerikanisch zu sein ... wie erwartet / befürchtet:
Naja - etwa 80 Prozent meiner Frühstückskosten entfallen auf den Einzelposten Café Negro Grande. Hm - ich werde wohl (will ich nicht frühzeitig die Heimreise antreten ... müssen) auf Café con Leche umstellen (müssen) ...
Heute ...
... steht ein gewaltiger City-Sight-Seeing-Fußmarsch auf meinem Tagesprogramm:
finales Ziel meiner ‘ganz großen Stadt-Schleife’ (& Belohnung für die zu erwartenden Strapazen) ist die atmosphärische Altstadt der kubanischen Kapitale, wo ich mir in einer einfachen & ebensolchen (atmosphärischen?) Pension eine bescheidene(re) Unterkunft für die kommenden Tage suchen will.
Zunächst folge ich der Calle 23 (stadtauswärts &) in Richtung Nuevo Vedado. Ich passiere (meinen Schritt vorübergehend beschleunigend) das Habana Libre - vor 37 Jahren im Beisein Batistas als Hilton International eingeweiht & ...
... immer noch die erste Hoteladresse Havannas:
‘Hm - sieht von außen gar nicht SO edel aus!’
In der Folge präsentiert mir die karibische Metropole am Golf von Mexiko ein geordnetes & gepflegtes Vorstadt-Flair. Die Häuserzeilen entlang der Straße wirken bei weitem nicht so heruntergekommen wie die am Malecon zwischen Vedado und Habana Vieja ‘erlittenen’:
Das Viertel macht einen lebhaften & belebten Eindruck. Die gesichteten Touristen kann ich allerdings an den Fingern meiner rechten Hand abzählen. Stattdessen vermitteln zahlreiche Lebensmittel- & Konsumgüter-Ausgabestellen (äh ... Geschäfte!) den wenigen ‘geneigten’ Touristen einen beredten Einblick in den Alltag (die ‘planwirtschaftlich-organisierte Mangelverwaltung’) der Inselbewohner.
Nicht unerwartet reiht sich ein Hospital an die nächste staatliche Krankenstation (allerdings leiden die medizinischen Versorgungs-Einrichtungen seit dem Zusammenbruch des ‘großen sowjetischen Bruders’ unter chronischem Mangel an Medikamenten) ...
... & die beeindruckende, flächendeckende Konzentration von Schulen & Kindergärten komplettiert den Staatssektor ‘Bildung & Gesundheit’, den Castro & seine Mitstreiter bereits während des Guerillakrieges zum (zivilen) Hauptziel ihrer Revolution erklärten & auf dessen Erreichung die Staatsführung auch heute noch vermittels großflächiger Plakatwände (zu Recht!) mit Stolz verweist.
Die Bewohner des Stadtteils gehen ihren gewohnten & geregelten Aktivitäten nach. Von mir wird kaum Notiz genommen & ich kann mich ungestört durch die Straßen treiben lassen (ohne das Gefühl haben zu müssen, daß meine Anwesenheit irgendjemand anderen stört).
Vor dem bombastischen Marmorportal des städtischen Zentral-Friedhofs treffe ich auf eine junge US-Amerikanerin, die mich um ein gemeinsames Foto mit ihrem Cuban Boy-Friend bittet.
Im sich anschließenden, kurzen Gespräch bezeichnet sie ihren fünfmonatigen Kuba-Aufenthalt als (dem offiziellen US-Behörden-Sprachgebrauch nach) ‘Completely Illegal’. Sie erklärt mir (mit unüberhörbarer Empörung in ihrer Stimme), daß die Regelungen für Kuba bereisende US-Bürger nach Reagan noch verschärft wurden (UN-BE-LIE-VA-BLE!). Sie ist stock-sauer auf den ‘Links-Demokraten’ Clinton (sowie dessen Kapitulation vor den mächtigen Exil-Kubanern im nahen Florida), sieht für die nähere Zukunft eine weitere Eskalation ...
... & für ihre persönliche Lebenssituation (als mit dem ‘unmittelbar vor der eigenen Haustüre seine häßliche Fratze präsentierenden Staatsfeind Nummer Eins’ liierte ... & damit heimatlose UN-PER-SON) SCHLIMMES voraus.
Als ich schließlich durchs Portal das weitläufige Friedhofsgelände betrete ...

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... bemerke ich hier (im Kuba Fidel Castros) kaum einen Unterschied zu den bekannten Bildern von Friedhöfen in anderen lateinamerikanischen Staaten. Allem Augenschein nach ist ‘der gemeine Cubano’ in erster Linie ‘Kathole’ ...
... & erst mit gehörigem Abstand fühlt er sich seiner zweiten Profession als ‘Revolutionär’ verpflichtet:
Aus allen Himmelsrichtungen strahlt mir blütenweißer Marmor entgegen. Beliebtestes Modell der heimischen (gleichermaßen phantasielosen wie dennoch phantasievollen ... ?) Steinmetzgilde ist der in allen denkbaren Varianten über den Grabstätten immer zu schweben scheinende & über teilweise enorme Spannweiten verfügende Engel. Ein weiteres beliebtes Motiv sind die verzweifelt sich ans Kreuz klammernden & nicht loslassen könnenden Hinterbliebenen (beides - Kreuz & Zurückgelassene - natürlich ebenfalls aus kostbarem Marmor gehauen). Die Statuen & Skulpturen weisen teilweise gigantische Abmessungen auf!
... & würden auch als offiziöses Denkmal so manchem Platz in Havannas Altstadt zu beeindruckender Zier (& der dargestellten Persönlichkeit zur ihr ganz offensichtlich gebührenden, überragenden Bedeutung im Lauf der Weltgeschichte) gereichen.
Naja - das Ausmaß der an diesem exponierten Ort betriebenen Toten-Verehrung ist NATÜRLICH eine Frage des die Finanzkraft der Nachkommenschaft wiederspiegelnden Familien-Prestiges & ...
... (wie fast immer) ‘für die anderen’.
Atmosphärischeres (weil meine Erwartungen weit mehr befriedigend) erwartet mich am Südtor: hier befindet sich ‘die revolutionäre Sektion’!
Ein von den Ausmaßen her zwar ähnlich gewaltiges, der künstlerischen Ausführung nach jedoch eher schlichtes Marmor-Monument ‘co-memoriert’ die im Guerillakrieg umgekommenen Kampfgenossen Fidels & Chés. Das ‘Grabmal für den unbekannten Soldaten’ weist zwar keinen der Gefallenen namentlich aus - die vertikal am Monument angebrachten, einheitlichen Grabplatten (& einzig sichtbaren Hinweise auf die ins Monument eingelassenen Urnen & Särge) sind jedoch wohl-geordnet & lückenlos durchnumeriert.
Hm - ziemlich eindrucksvoll, DAS!

CU0046-HavannaZentralFriedhofCU0047-HavannaZentralFriedhof

Auch wegen des, die vor meinem geistigen Auge ablaufenden Bilder konterkarierenden strahlend-sonnigen Wetters ... & der (trügerischen?) lautlos-friedvollen Atmosphäre an diesem ‘revolutions-geschichtsträchtigen Ort’!
Kurze Zeit später tauche ich endgültig ins revolutionäre (heutzutage schon wieder NUR historische?) Kuba ein. Durch ein dünnbesiedeltes Stadtgebiet (nur vereinzelt zeigen sich rechts & links der Calzada de Zapata die immergleichen Plattenbau-Wohnsilos) MARSCHIERE ich zur Plaza de la Revolución:
dem zentralen Veranstaltungsort & Schauplatz der alljährlichen (vor meist mehr als einer Million Claqueuren stattfindenden) ‘Primero-Mayo’-Rede des Maximo Lider!
Die riesige & enttäuschend unatmosphärische Asphalt-Freifläche (einem überdimensionierten Parkplatz nicht unähnlich) ist von einer Unmenge Militärs & sonstiger uniformierter Wachposten umstellt. Am südöstlichen Ende des Platzes thront auf dem höchsten Punkt einer von Revolutionärshand künstlich aufgeschütteten Anhöhe eine steil in Richtung (zwischenzeitlich wolkenverhangenem) Himmel weisende, schmutzig-weiße Dreieckssäule. Vor dieser befindet sich eine monumentale Statue für Jose Marti (den die kubanische Nation begründenden Volkshelden des ausgehenden 19. Jahrhundert). Und über die gesamte Breite des Denkmal-Sockels erstreckt sich (wiederum vor diesem) ein ausladender, der vollzählig versammelten politischen Führung Platz bietender Redner-Balkon.
Menschenleer (wie am heutigen Tag) wirkt dieser aus Wochen- & Tages-Schauen sattsam bekannte ‘Hort revolutionärer Jubelfeiern’ eher ...

CU0050-HavannaPlatzDerRevolution


... TROSTLOS!
Naja - halt so wie die üblichen, mausgrauen sozialistischen Arbeiter- & Bauern-Aufmarschplätze in der ehemaligen ex-DDR (‘... I Remember Magdeburg!’).
Einzig das am gegenüberliegenden Ende des Platzes sich über die gesamte Höhe der Häuserwand eines mindestens 10-stöckigen Gebäudes ertreckende ‘Che-Guevara’-Relief gibt mir einen Hinweis, daß ich mich auf der anderen (richtigen?) Seite des Eisernen Vorhangs befinde.

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Für den Bruchteil einer Sekunde diskutiere ich (mit mir selbst) die Frage, ob das sich vor mir ausbreitende ‘Monument-Gebäude-Platz’-Ensemble wohl in die Rubrik ‘militärische Einrichtungen’ fällt & mithin strengstes Fotografier-Verbot besteht !?
Dann aber HALTE ich kurz entschlossen (trotz Kribbeln im Bauch ... Was soll’s!) voll & großformatig DRAUF!
Hm - allerdings muß ich gestehen, daß ich ein eventuelles Herbeistürzen diverser Ordnungshüter NICHT offenen Auges abwarte. Vielmehr lasse ich das Herabsinken meiner Kamera (nach erfolgtem Schnappschuß) gleichermaßen harmonisch wie übergangslos in eine beschleunigte FORT-Bewegung einmünden ... äh, ja!
DIESE wiederum ... ist der Beginn eines verdammt langen & schweißtreibenden Fußmarsches (entlang der Calzada de Ayestaran & vorbei am zentralen Überland-Bus-Bahnhof sowie der Avenida Salvador Allende) nach Habana Vieja.
Die einzige Abwechslung & willkommene (von wegen ‘schweißtreibend’) Unterbrechung bietet ein etwa halbstündiger, trommelfeuerartiger Wolkenbruch - den ich jedoch Dank der hinreichend vorhandenen Arkadengänge entlang der sich wieder repräsentativer präsentierenden Straßen nahezu unbeschadet überstehe. Wobei (um eventuellen Fehlinterpretationen präventiv entgegen zu treten) mein Hauptaugenmerk NATÜRLICH ganz entschieden ‘... der Unversehrtheit meiner verweichlichten Kameraausrüstung’ gilt.
In Havannas Altstadt angekommen, sehe ich mich nach meiner nächsten Unterkunft um. Morgen Vormittag muß ich mein Pauschalzimmer im Hotel St.Johns räumen & ...
... ‘es darf schon etwas billiger sein!’
Ich begutachte zwei Pensionen der Low-Budget-Kategorie & stelle dem Mann an der Rezeption des Hotel New York für den nächsten Tag den Abschluß eines Mietvertrages in Aussicht.
‘Hm - ich Idiot, ICH! Die HUSTEN mir was!’
... siehe morgiger Tagebucheintrag!
Anschließend (die Sonne macht erste Anstalten, hinter den wenigen Wolkenkratzern der ‘Neustadt’ unterzugehen) schleppe ich meinen Kadaver zurück zum NOCH-Hotel in Vedado & gebe willenlos dem einzigen Wunsch nach, der mir verblieben ist:
Hochlegen meiner blasigen Füße!
Naja ...
... ein kubanisches Bier gönne ich mir schon (auch) ...
... ABER DER FERNSEHER BLEIBT AUS!
Stattdessen widme ich mich voller Hingabe meiner Toni-Morrison-Lektüre. Schon nach den ersten zwanzig Seiten kann ich mich dem Lese-Rausch (-Sog?) nicht mehr entziehen - ein wirklich tolles Buch!
Zu meiner alltäglich-abendlichen ‘Leccion Espanol’ muß ich mich regelrecht zwingen - oder genauer: ERPRESSEN! ‘Ohnedem gehst Du mir heute Abend nicht mehr vor die Zimmertüre - basta!’
Also - gegen Zehn Uhr ist es vollbracht & ich lasse mich vom Aufzug aufs Hoteldach chauffieren: Hier ...
... an einem der letzten freien, um eine gähnend-leere Tanzfläche (?) angeordneten Tische der Dachterrassen-Bar, genieße ich im Beisein dreier Mojitos (Nein - NICHT Moskitos!) sowie passiv-aktiver Mithilfe einer halben Schachtel kubanischer Zigaretten (Marke ‘Montecristo SIN Filtre’) die angenehm temperierte Nacht unter einem prall mit irreal-leuchtenden Sternen angefüllten Karibik-Himmel.
Bis ...
... tja - bis diese Tanzgruppe erscheint:
Ein gutes Dutzend Jungen & Mädchen im geschätzten Alter von 6 bis 18 Jahren!
Zunächst wird den anwesenden (etwa zwanzig) Hotelgästen traditioneller indianischer Volkstanz aus präkolumbianischen Zeiten geboten ...
... oder handelt es sich etwa DOCH um authentische westafrikanische Tänze, die auf spanischen Sklavenschiffen den Weg in die Neue Welt gefunden haben?
Anyway ...
Obwohl ich keins der ungesprochenen Worte verstanden habe (eine kurze Einführung durch die anwesende Gruppenleiterin wäre nicht schlecht gewesen!) ... findet die folkloristische Ballett-Darbietung meine ungeteilte Aufmerksamkeit & (wenigstens zu Anfang - noch!) mein uneingeschränktes Wohlwollen!
Sechs offensichtlich aufeinander aufbauende Tanz-Sequenzen (mit für den Laien kaum unterscheidbarer, nahezu identischer Choreographie) werden nacheinander aufgeführt. Jeder neue Tanzakt wird von einer anderen Tänzerin eingeleitet ...
... die sich bäuchlings solange auf dem Boden wälzt, bis ein knabenhafter Zeremonienmeister an sie herantritt, ihr aufhilft & nacheinander erst deren linkes & dann das rechte Schulterblatt kontrolliert (... woraufhin auch immer? Verletzungen? Beschädigung der Spaghetti-Träger ihres Tops? Ladezustand ihrer Schulterbatterien?). Mit einem Küßchen des Meisters (links & rechts) auf die stark geschminkten Wangen der wie in Trance verharrenden Tänzerin, wird diese augenblicklich zu neuem Leben erweckt.
Dann rafft sie ihre Röcke & wirbelt mit ekstatischem Hüftschwung (& immer größere Kreise auf der zusehends schrumpfenden Tanzfläche ziehend ... HILFE!) zu den aus einem ‘little Ghettoblaster’ ertönenden Klängen eines weiblichen Background-Chores, über dem die pathetische Stimme eines männlichen Solo-Sängers tiri- & jubiliert.
Der das jähe Ende eines jeden Tanzaktes markierende Höhepunkt ist erreicht, wenn auch dem letzten sich verzweifelt in eine dunkle Ecke drückenden Touristen die unbarmherzig (‘... wie eine Kettensäge Baumriesen am Amazonas metzelnd!’) jegliche Atemluft abschneidenden, wallenden Kostüm-Schöße sprichwörtlich ‘um die Ohren fliegen’!
Kurzum: insgesamt eigentlich ZIEMLICH ... äh ... SAUGUT!
Wie gesagt: ZUNÄCHST! DANN aber ...
... legen die älteren Tänzerinnen der Mädchentruppe, also die etwa 16- bis 18-jährigen, ihre ‘Cuban-Brazilian-Carnaval-UN-Dresses’ (Gruß an Ursula A.!) an & WACKELN in der Folge (Tits-‘n’-Asses-First) NUR NOCH über die Mini-Tanzfläche im offenen 14. Stockwerk meines Hotels ...
... etwa 40 Höhenmeter oberhalb ‘Brodeling & Brotheling Habana’!
MAG JA SEIN ... daß ich FÜR SOWAS einfach schon zu alt bin (oder waren die Mojitos schlicht nicht stark genug - für mich & meine ‘Having-Fun-Abilities’?).
Sei’s drum: Fakt ist, daß ich kurze Zeit darauf meiner URPLÖTZLICH einsetzenden UN-END-LI-CHEN MÜ-DIG-KEIT nachgeben MUSS ...
... & nur noch einen Wunsch habe: ‘Nun aber ZIEMLICH RASCH zu Bett zu gehen!’
Tja - & GENAU DAS tat ich dann auch ...
... SEHR bald!
Äh ... ich Langweiler, ICH!

Dienstag, 31. Oktober:

... HAVANNA

Bin nicht ganz so früh wach wie während der letzten Tage:
Rauchen - Duschen - Aufstehen (man beachte die Reihenfolge!). Dann Frühstück ...
... jedoch nicht im Hotel-Restaurant (zu wenig & zu teuer), sondern in der angeschlossenen Cafeteria (zwar auch zu wenig, ... aber billiger).
Schließlich schnür ich mein Bündel & lege die knappen 4 Kilometer von Vedado ...

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... nach Habana Vieja (mit Rucksack!) unter der sich schon nahe am / im Zenith befindlichen Vormittagssonne zwar nicht in rekordverdächtiger Bestzeit ...
... aber immerhin: I MADE IT!
Das (‘Keuch!’) ist dann aber auch schon die einzig erwähnenswerte Erfolgsmeldung!
Im Hotel New York eröffnet MAN mir, daß alle Zimmer belegt sind - obwohl der gleiche MAN mir gestern versprochen hatte:
‘Una Habitación? Si - Nada Problemas, Senor!’
SHIT!
Aber die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit der Cubanos spart auch einen Misanthropen wie mich nicht aus & ... unerwartete Rettung naht!
An der Rezeption des New York lerne ich Danilo kennen - einen kubanischen Mikro-Elektroniker, der von 1981 bis 1987 in Berlin-Ost (Hauptstadt der DDR) gearbeitet hat & (wie er mir kurze Zeit später sichtlich stolz berichtet) nach Beendigung seines ‘sozialistischen Freundschafts-Einsatzes’ persönliche Dankesworte (inklusive Handschlag!) sowohl von Honecker als auch von Fidel entgegennehmen durfte.
Danilo eskortiert mich zum Hotel Isla de Cuba (‘entre nous’: der Name des Hotels sagt mir eh weitaus mehr zu als meine vermeintliche Erste Wahl!), hält mit der Frau am Empfangsschalter einen kurzen spanischen Schwatz & ohne Probleme erhalte ich ein ansprechendes, billiges Zimmer ...
... inklusive diverser aufpreisloser Extras (wie ‘Air-Condition’ & Kakerlaken).
Das steinalte Gebäude (in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts erbaut ... genauer kann ich es nicht in Erfahrung bringen) ist auf den ersten Blick unübersichtlich bis extrem labyrinthisch. Die Gästezimmer sind um mehrere verwinkelte & glasüberdachte Patios angelegt. In die oberen Stockwerke kann man nur mit Hilfe eines Aufzuges gelangen (der vom Hotelpersonal bedient werden MUSS, welches allerdings nur selten zur Verfügung steht). Zu meinem Zimmer im zweiten Stock SOLL zwar auch ein, über mehrere verschiedene Treppen (& höherliegende Etagen!) führender Aufgang existieren (!?) ...
... bis ich diesen umweglos & fehlerfrei BEHERRSCHE (beherrschen werde - ich greife vor!) ist meine Zeit im Isla de Cuba jedoch schon FAST abgelaufen.
Die laut Reiseführer ‘billigste Unterkunft Havannas’ (naja - sieht man einmal von den per Mundpropaganda angebotenen Privatzimmern der an US-Dollars SEHR interessierten Einheimischen ab) DÜRFTE als extrem atmosphärisch bezeichnet werden ...
... WÜRDE sie sich nicht so un-GLAUB-lich schmuddelig & abgewirtschaftet präsentieren. Trotzdem:
Der sehr zentrale Standort inmitten der brodelnden Altstadt sowie die phantastischen Ausblicke vom Gemeinschafts-Panorama-Balkon im zweiten Stockwerk auf das nahe Capitolio (die originalgetreue, wenn auch etwas kleinere Kopie ‘des bau-identischen US-Washingtoner Teils’) & den spanisches Kolonial-Flair versprühenden Parque Central macht die spartanische Ausstattung meines neuen Domizils mehr als wett! Dankbar & (mit mir?) zufrieden ...
... lade ich Danilo auf einige tiefschwarze & dampfende Heißgetränke in ein nahes Straßen-Café ein!
Ich fühle mich sehr gut & während der beiden folgenden Stunden tauschen wir uns ausgiebigst über das naheliegende Thema ‘Gott & die Welt’ aus:
Danilo berichtet über ...
... seine Erfahrungen & Erlebnisse in der ex-DDR,
... seine nicht ganz so reibungslos vonstatten gegangene Rückkehr nach Kuba - sprich: seine Probleme (& die letztendliche Einsicht der Unmöglichkeit), in seinem erlernten Beruf eine adäquate Anstellung zu finden,
... seinen neuen Job als (bei ‘TEAM-Reisen’ / BRD fest angestellter) Tauchlehrer & Reiseleiter für vornehmlich deutsche Pauschal-Touristen,
... die Alltagsprobleme (vornehmlich die Mangelwirtschaft, die all diejenigen trifft, die keinen Zugang zu privaten Dollar-Quellen haben) sowie die politische Situation in Kuba - Danilo hält das Reiseverbot für das größte, wenn auch nicht einzige Problem, das den Bürgern von ihrer politischen Führung zugemutet wird (hm - DIESE KRITIK kommt mir doch IRGENDWIE bekannt vor ...!?).
Danilo redet sehr gut & gerne Deutsch. Zwischendurch streut er (auf meine ausdrückliche Bitte hin) jedoch immer wieder kleinere Spanisch-Exkurse ein, anhand derer er mir die Feinheiten & Unterschiede der / zwischen spanischer & kubanischer Aussprache erläutert. Tja ...
... & spätestens ANSCHLIESSEND weiß ich dann auch, warum mich hier KEINE SAU versteht !?!
Gegen Ende unseres Gesprächs gibt mir Danilo noch einige nützliche Tips (Sehenswürdigkeiten & Unterkünfte) für meine geplanten nächsten Reiseziele Guanabo, Pinar del Rio, Holguin & Santiago de Cuba (... hm, wenn ich mich DA nicht mal wieder übernehme?).
Die drei letzten Tage meines Kuba-Aufenthalts MUSS ich (unbedingt!) für einen Besuch in seinem Heimatdorf Cojimar reservieren. Er will mir den hübschen Fischerort zeigen & mich mit dem wirklichen Leben in Kuba (sowie seinen Freunden) bekanntmachen.
Wegen der Lebensmittel-Rationierungen gäbe es zwar mit dem Essen (oder genauer: der Essensbeschaffung) Probleme. Wenn er aber ein paar Dollar in Pesos tauschen könne (offizieller Kurs 1:1 - nahezu ebenso offizieller, aber Schwarzmarkt-Kurs 1:25), wäre seine Frau in der Lage uns fürstlich zu bewirten.
Hm - eigentlich geht mir das alles ein bißchen zu schnell:
A VER !?
Danilo bemerkt mein Zögern & lädt mich erstmal für den folgenden Nachmittag zu sich nach Cojimar ein. Er will mich um ‘Tres de la Tarde’ im Hotel abholen & noch zum Hauptbahnhof begleiten, wo ich (mit seiner Unterstützung!) keine Probleme haben dürfte, eins der begehrten Tickets für den Zug nach Santiago de Cuba zu ergattern.
Wir verabschieden uns & ich trolle mich in mein neues Hotel (zurück):
ERSTMAL ‘ne Duftmarke setzen! (also - erstmal nur im übertragenen Sinn!).
Duschen - Rauchen - Lesen.
Schließlich lausche ich eine halbe Stunde dem, nur durch wenige, eigentlich überflüssige Salsa-Nummern (entweder instrumental oder reine A-Capella-Gesänge) unterbrochenen ‘Maschinengewehr-Stakkato-Kommentar des offen-HÖR-lichen Chefideologen der staatlich-kubanischen Musik(?)-Station RADIO REVOLUCIÓN’ ...
... äh - Aussprache mit jeweils MINDESTENS 8 (Ocho!) ‘R’ pro Wort!
Um Halb Sechs Uhr treibt’s mich hinaus aus meiner Klause. Ich nutze die letzten Sonnenstrahlen des Tages, um ein paar ‘Habana-Vieja-Atmo’-Fotos zu schießen.

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Nach Einbruch der Dunkelheit suche ich mir schließlich an der Plaza-de-Armas ein nettes Straßen-Restaurant ... & mach’s mir gemütlich:
Test dreier unterschiedlicher Rum-Cocktails sowie (in einer eher unbedeutenden Nebenrolle) leichtes Abendessen ...
... bestehend aus ‘Sopa de Pollo’ & ‘Arroz a la Cubana’ (mit Spiegelei, Koch-Bananen & sauscharfen Chili-Raspeln: ‘Sssehr Lecker!’).
Während des Essens streunt eine zerzauste & unübersehbar hungrige Promenaden-Köter-Mischung mit traurigen Augen & tropfendem Zahn um meinen Tisch. Mein verzweifelter Versuch, ihn mit der Suppeneinlage aufzupäppeln, scheitert jedoch jämmerlich: Ich nehme zu meinen (& des Küchenchefs) Gunsten an, daß sich das geschwächte Hundchen ob der ungewohnt-riesigen Hühnerfleisch-Brocken schlicht den Magen verrenkt hat !?
Naja - so jedenfalls (UNGEFÄHR!) deute ich seinen vorwurfsvollen Blick, den er mir kurz darauf zuwirft ...
... bevor er (wortlos!) mich (grübelnd!) zurückläßt !?
Übrigens: meine momentan bevorzugt gepafften Zigaretten heißen ‘Partagas - Superfinos’. Und obwohl der Name für die besten Export-ZIGARREN der Tabakinsel steht, schmecken diese ‘Abfall-Torpedos’ WIE LUMPEN ...
... nur ein bißchen stärker! BRRR!
Während des Rückwegs zum Hotel beschließe ich (spontan), auf einer der etwa 50 Marmorstufen (hinauf) zum Capitolio ... eine Zigarette (siehe oben) sowie eine ‘Feel-Good’-Dosis der angenehm-frischen, karibischen Abendluft zu inhalieren.
ABER ...
... dieser (zumindest auf den ersten Blick gänzlich unverfängliche, ja: ‘fromme’) Wunsch findet GANZ ENTSCHIEDEN NICHT die Zustimmung des wachhabenden Museumspersonals ...
... das sich sputet, uns (ich bin nicht der einzige Touri, der auf diese Idee gekommen ist!) davon in Kenntnis zu setzen, ‘... daß Sitzen hier NICHT ERLAUBT ist! Also - jedenfalls NICHT ABENDS!’
Eine Erklärung für dieses Verbot erhalte ich zwar nicht, darf aber (wer sollte mich DARAN hindern) darüber spekulieren:
Am naheliegendsten erscheint mir ein direkter Zusammenhang zu der Tatsache, daß unmittelbar an der gegenüberliegenden Straßenseite die kubanische Geheimpolizei ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat ...

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... & DUMM in der Gegend rumhockende, völlig uninteressante Touris würden nur das freie Schußfeld (der Spionage-Kameras?) auf demonstrierende Regimegegner einschränken !? ODER ...
... läßt sich noch eine andere (wohlwollendere) Erklärung denken - Fragezeichen!
Was soll’s: Hier bleibt für mich nichts mehr zu tun, also ...
... marschiere ich zurück ins Hotel.
Ich zwinge mich zu einer langen Spanisch-Lektion (schließlich will ich morgen vor Danilos Frau nicht ‘wie ein kompletter Idiot’ dastehen!) & gönne mir (nach erfüllter Pflicht) auf meinem Panorama-Balkon mit Ausblick auf den nächtlichen & sehr belebten Parque Central noch einige Seiten Ferien-(‘Fun-’)Lektüre.
Recht früh ...
... wünsche ich mir eine ‘Gute Nacht’ - wohl ahnend, daß es vermutlich keine ‘Stille Nacht’ werden wird - denn den Parque Central als ‘ruhigste Ecke Havannas’ zu bezeichnen wäre ... äh ... übertrieben:
Da aber der mit Abstand größte Teil des an meine müden Ohren dringenden Verkehrslärms nicht von Autos produziert wird (‘... ein dreifaches VIVA auf die Benzinknappheit im post-sowjetischen Kuba!’), sondern NUR von unablässig die Klingeln ihrer Drahtesel betätigenden Fahrradfahrern (was für einen bekennenden Autohasser wie mich keine ‘Störung im eigentlichen Sinne’ darstellt) ...
... schlafe ich dennoch recht zügig ein!
Übrigens: zu den Klängen erbärmlich schnulzender (chloroformhaltiger?) kubanischer Volksweisen sowie (trotz größter Anstrengung meinerseits) absolut undechiffrierbaren & doch unzweideutig spanisch- / kubanisch-sprachigen Zwischenkommentaren ...
... DIE (doppel-übrigens) ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht zaubern:
Entschlummere ich doch in der, ein entschieden angenehmes Gefühl befördernden Hoffnung, daß es sich bei dem ‘Kauderwelsch’ um geheime Propaganda-Botschaften handeln möge, die den Nichts ahnenden Yanquee im Schlaf mit entschieden revolutionärem Gedankengut infizieren (mögen ...)!
Also: BUENAS NOCHES!
 ... y Despertar Revolucionario!

Mittwoch, 1. November (äh ... Allerheiligen):

... HAVANNA

Die Nacht ist plötzlich SEHR SCHNELL rum: Denn ich werde durch einen Riesen-Radau geweckt & stehe AUGENBLICKLICH senkrecht im Bett!
Im Hotel wird mit einer derartigen Lautstärke & Intensität gehämmert & geklopft, als sollte das gesamte Haus abgerissen werden. Dabei werden nur ein paar Rohbau-Zimmer im historischen, hinteren Bereich des Gebäudes in einen vermietbaren Zustand gebracht !?
Gleichzeitig (zusätzlich: denn Baulärm ALLEINE reicht ja noch nicht!) pflegen sowohl die Handwerker wie auch das Hotelpersonal einen Umgangston, der mit der Redewendung ‘sich (& den Hotelgästen) die Ohren vollbrüllen’ keineswegs übertrieben, sondern durchaus wahrheitsgemäß beschrieben ist.
Hm - ich sehe die Sinnlosigkeit eines erneuten Einschlafversuchs ein, begebe mich ins Badezimmer & gehe die dringlichsten morgendlichen Verrichtungen an - sprich:
Ich versuche meiner nächtlichen Kakerlaken-Ausbeute (drei besonders schönen, fett-glänzenden Exemplaren) ‘einen würdigen Abgang’ zu verschaffen. Aber aus der geplanten See-Bestattung wird nichts ...
... die Klospülung funktioniert nicht!
Naja - eigentlich haben diese Idioten eine derart fürsorgliche Behandlung auch gar nicht verdient - denn sie verhalten sich derart BLÖD, daß sie sich letztlich selbst unschädlich machen (falls sie überhaupt schädlich sind!?).
Durch unkontrollierte, vibrierend-hektisch ausgeführte Bewegungen (ich will nicht deutlicher werden ... aber schaue ich mich am Parque Central um & schätze VORSICHTIG den durchschnittlichen Kondom-Befall pro Quadrat-Busch, so kommt mir ein vager Verdacht, anläßlich welcher Gelegenheit die ‘Cucarachos Cubano Mucho Macho’ diese Bewegungen ausgeführt haben KÖNNTEN ... ).
Äh - ich schweife ab!
Jedenfalls ...
... geraten sie DABEI in eine hilflos-extreme Rückenlage & ich brauche sie am nächsten Morgen (nachdem die letzten, finalen Zuckungen abgeebbt sind) nur noch einzusammeln.
‘Hm - bilde ich mir nur ein, daß auf ihren Gesichtern (die doch eigentlich von einem verzweifelten Todeskampf gezeichnet sein müßten) ein beseeltes, ja befriedigtes Lächeln liegt ... ?’
Nach dem Duschen (Gott-sei-Dank ist nur die Quelle der Toilettenspülung ausgetrocknet) schlendere ich zum Hotel Inglaterra: Frühstück - mit Blick auf das nahe Nationaltheater. DANN ...
... ab zum Hauptbahnhof!

CU0072-HavannaHauptbahnhof


Dieser befindet sich am südlichen Rand der Altstadt & ...
... selbst wenn ich dessen Standort vorher NICHT vermittels meines Stadtplanes bestimmt hätte, wäre es trotzdem schier unmöglich diesen zu verpassen:
einfach ‘... immer den Lemmingen nach!’
Hm - ich spüre deutlich, daß es höchste Zeit wird, Havanna den Rücken zu kehren - ZUUU viele Menschen, die zudem ALLE irgendein Geschäft mit mir abschließen wollen. Ich stelle fest, daß ich unbewußt schon wieder beginne, eine negative ‘Aura Mimosa’ (Laßt mich BLOSS in Ruhe!) um mich herum aufzubauen. Jeder spricht Dich an & will etwas (von Dir) ...
... nicht NUR die allgegenwärtigen Chicas (‘Pssst! - Pssst!’), aber ... die auch!
Mein Fernweh ist aber nicht nur Selbstschutz, sondern auch Schutz der ‘eigentlich durchweg immer freundlichen Kubaner VOR MIR’! Denn im nachhinein habe ich jedesmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen (erwartungsvoll & mit einem einnehmenden Lächeln auf den zur Frage bereiten Lippen an mich herantretenden) Passanten aus einer ‘Laune der unendlichen Un-Lust’ heraus abblitzen lasse ...
... & IGNORIERE!
Dem Einzelnen fällt es vermutlich nicht leicht, nachzuvollziehen, WARUM ich so abweisend (... so ein OFFENSICHTLICHES ARSCHLOCH!) bin - obwohl:
Schaut er/sie sich um, so müßte sie/er (nur eine Spur Unvoreingenommenheit vorausgestzt) erkennen können, daß er/sie nicht die einzigen sind, mit denen ich mich ‘auseinandersetzen’ muß!
‘Und außerdem besitze ich halt nicht diese unbändige Lebensfreude, diesen nie versiegenden Quell aus am Menschen an (und für) sich interessierter Neugier & ...
... ein derart sonniges Gemüt WIE DU - WOLLIE!’
Apropos Chicas ... äh ... Wollie:
Was mir die Zurückhaltung IN DIESEM PUNKT hier in Kuba übrigens extrem erleichtert, ist die mich einigermaßen überraschende Feststellung, daß mir von zehn (ach was: von zwanzig!) Cubanas allerhöchstens EINE (!) wirklich gefällt & mich ‘in Versuchung führen KÖNNTE !?’ (äh ... siehe später!).
Tja - ein nahtlos kaffeebrauner Körper ALLEIN ist es (noch) nicht!
AUWEIA ...
... wenn DAS JEMALS JEMAND LIEST !?
Wo war ich? Ach so ja:
... ab zum Hauptbahnhof!
Nach einer halbstündigen Rundfrage-Aktion in der Bahnhofshalle erfahre ich, daß für den über harte Währung (na, was wohl?) verfügenden Kunden in einem etwas abseitigen, vollklimatisierten & mit bequemen Leder-Fauteuils ausgestatteten Nebengebäude ein separater Fahrkarten-Schalter existiert.
Hier wird mir übrigens bestätigt (was ich übrigens schon weiß!) - daß (nämlich) ‘der gemeine Peso-Kunde’ (also etwa 99 Prozent der einheimischen Bevölkerung!) bis zu zwei Monate auf eins der begehrten Bahntickets warten muß!
Naja - schlechtes Gewissen (wieder mal & wie eigentlich immer). Aber: Irgendwie muß ich’s ja innerhalb meiner knapp bemessenen vier Wochen Richtung Süden SCHAFFEN - WOLL !?
Zurück ins Hotel & auf MEINEN Gemeinschaftsbalkon. Bis zu meiner Verabredung mit Danilo bleibt mir noch ein wenig Zeit, die ich mit Toni Morrison verbringe.
Um Halb Drei Uhr (schon!) klingelt das Telefon.
Unaufgefordert erklärt mir Danilo, daß er diese ‘Unart’ (eine für einen Kubaner vollkommen untypische PÜNKTLICHKEIT) aus Deutschland mitgebracht hat & (ganz offensichtlich ‘kokettiert er ein wenig’) ... nicht mehr los wird.
Anyway ...
Wir klettern in ein klappriges ‘Taxi Privado’ & für den vorab ausgehandelten Pauschalpreis von fünf Dollar kutschiert uns der Cochero (durch den nicht enden wollenden Tunnel unter dem Hafenbecken der Metropole hindurch) nach Cojimar, dem Austragungsort der ‘Panamerikanischen Spiele’ des Jahres 1991.
In einem Häuserblock des ehemaligen Athletendorfs bewohnt Danilo mit Theresa (seiner zweiten Frau) eine kleine Zweizimmerwohnung, auf die die beiden augenscheinlich sehr stolz sind. Stellt sie doch nach kubanischen Maßstäben fast schon eine Luxuswohnung dar:
Denn sie ist nicht nur neu & sauber, sondern verfügt sogar (bei der chronischen Energieknappheit auf der karibischen Insel DER LUXUS SCHLECHTHIN) über eine regelmäßige & zuverlässige Versorgung mit Elektrizität ...
... was (Surprise!) im mit einem nahen Militär-Kasino (!) gemeinsam genutzten Sonder-Stromnetz seine ebenso einfache wie ‘einleuchtende’ Begründung hat !?
Die Villas Panamericana, bestehend aus zehn riesigen Wohnsilos (die sich quer zum etwa 200 Meter entfernten Sandstrand aneinanderreihen) sowie einer großen Sportarena & einem Touristen-Hotel, wurden 1990 von ungezählten Brigaden kubanischer Arbeiter in weniger als einem Jahr (nach Feierabend!) aus dem Boden gestampft & zählen zu den sehr raren kubanischen Vorzeige-Wohnsiedlungen.
Zunächst einmal kümmern wir uns um DAS WICHTIGSTE!
Wir gehen einkaufen. Und im (einzigen) Lebensmittelgeschäft des Wohnkomplexes lerne ich ‘den ganz normalen kubanischen Alltagsfrust’ am eigenen Leib kennen:
Anstehen in einer endlosen Schlange - nicht nachvollziehbares, ausgewähltes Einlassen Einzelner (hm, auch wir werden bevorzugt behandelt, da Danilo von einem ‘Dollar-Touri’ begleitet wird) - sehr unfreundliches Personal - mehr als geduldige (& trotzdem lächelnde) Kunden!
Nach (letztlich doch) erfolgreicher Beendigung unseres Shopping-Ausflugs tragen wir (stolz!) die erstandenen ‘Schätzchen’ (Fleisch, Bohnen & Reis) in Danilos Wohnung.
Als dieser sich kurz darauf unter die Dusche zurückzieht, erhalte ich die Gelegenheit zu einem ersten ‘Espanol-Sóló’-Konversations-VERSUCH mit Theresa ...
... & obwohl wir uns beide von Beginn an sympathisch sind, muß ICH (NATÜRLICH DER KOMPLETTE IDIOT!) schon nach kurzer Zeit resignierend feststellen, daß wir ohne unseren Dolmetscher ‘ziemlich schnell am Ende sind’!
Als Danilo zurückkehrt, beginnt Theresa mit der Vorbereitung des Abendessens & wir (die Männer!) machen uns an UNSEREN Job:
der da lautet ‘Eroberung der Welt’ ...
... oder genauer (erst mal) ‘Conquering (& Sight-Seeing) the City of Cojimar’.
Wir folgen der Dorfstraße in Strandrichtung. Auf halber Strecke müssen wir UNBEDINGT Maria (Danilos Ex-Frau) & seiner Tochter ‘Hallo!’ sagen.
Na klar - machen wir doch!
Maria hat die gesamten sechs Jahre zusammen mit Danilo in Ost-Berlin verbracht & beantwortet (hm - mein zweites, fehlgeschlagenes ‘Experimento en Conversación Espanol’) wie selbstverständlich jeden meiner unsicher vorgetragenen spanischen Brocken STOISCH in akzentfreiem Deutsch ...
Äh - nicht daß etwa der falsche Eindruck entsteht, daß MICH SO ETWAS FRUSTRIEREN KÖNNTE !?
Weiter geht’s zum ‘Hemingway-Denkmal’ & anschließend zum sanft in der leichten Brise schaukelnden (wie eine Reliquie gepflegten) Boot des Literatur-Nobelpreisträgers. Zusammen mit der ehemaligen Dorf-Stammkneipe Hemingways (& glaubt man den Beteuerungen der hiesigen ‘Profi-Trinker-Innung’, dann hatte Hemingway VERDAMMT VIELE Stammkneipen in Kuba!) bilden diese Attraktionen unbestreitbar das ‘Highlights’-Trio des ansonsten recht unspektakulären & verschlafen (im positiven Sinn) wirkenden Fischerdorfes Cojimar.
Nirgendwo sonst in Kuba wird das Andenken an den großen amerikanischen Schriftsteller übrigens so in Ehren gehalten wie hier! Nicht ohne Grund - hat er doch in dieser Gegend die produktivsten seiner insgesamt 18 kubanischen Jahre verbracht ...
... & sein wohl berühmtester Roman ‘Der alte Mann und das Meer’ entstand in seinem kleinen, kubanischen ‘Zweit’-Anwesen - hier in Cojimar!
Genug der Nostalgie! Wir wenden uns aktuelleren Themen zu: & reden ...
... über die politische Situation in Kuba,
... das immer noch (seit nunmehr fast vierzig Jahren) andauernde US-amerikanische Wirtschaftsembargo,
... die Auswirkungen der vor zweieinhalb Jahren in Kraft getretenen Aufhebung des strikten Dollar-Besitz-Verbotes für Cubanos,
... über die Konsequenzen eines möglichen Todes Fidel Castros & dessen potentielle Nachfolger. Danilo schließt zwar kategorisch aus, daß Raoul Castro (der als unberechenbarer Hitzkopf gilt) jemals seinen Bruder wird beerben können, weiß auf meine Nachfrage ‘Wer denn sonst?’ allerdings auch keine Antwort,
... & immer wieder fragt mich Danilo, was man in Deutschland über Kuba denkt !?
Hm - daß die Deutschen mit sich & ihrer ‘historischen Stunde’ immer noch so sehr beschäftigt sind, daß sich NIEMAND (wenigstens niemand mit Einfluß) um die Probleme anderer Länder schert (& schon gar nicht um ‘sozialistische Bruderländer der ehemaligen ex-DDR’) ...
... naja: DAS sage ich denn doch nicht SO DIREKT!
Nach der Rückkehr in Danilos Wohnung folgt ‘der gemütliche Teil’. Mein Amigo Cubano holt einen knatsch-bunten Schuhkarton hervor, kramt umständlich in diesem herum, zieht vorsichtig ein (unter ästhetischen Gesichtspunkten) GRAUENHAFTES Foto nach dem anderen heraus & reicht es (sie) mir:
Danilo ...
... in Ost-Berlin, ... bei Gewerkschaftsausflügen in Prag & im Thüringer Wald, ... während einer Brigade-Versammlung, ... anläßlich seiner Aufnahme in den FDGB, ... bei seiner Auszeichnung (durch Fidel C. & Erich H.) als einer der sieben besten ‘befreundet-ausländischen Arbeiter in der DDR’, ... & so weiter (& kein Ende).
OBJEKTIV betrachtet: einfach ‘grauenhaft’!
Denn die Fotos sind überbelichtet, vergilbt, teilweise fehlen den porträtierten Personen (eigentlich lebensnotwendige) Gliedmaßen ...
... und DOCH stellen sie (die ‘Katastrophen-Fotos’) den größten Schatz Danilos dar & sind Erinnerung an eine Zeit (die er zwar nicht müde wird, mit ‘Gott-sei-Dank-VORBEI!’ zu kommentieren), auf die er augenscheinlich aber (trotzdem) SEHR STOLZ ist!
Irgendwie kann ich Danilos Gefühlslage SEHR GUT nachempfinden ...
... & nehme billigend in Kauf, daß meine persönliche Schmerzgrenze durch seine Bilderschau & die ellenlangen Erläuterungen arg strapaziert wird!
Trotzdem: Nach zwei Stunden bin ich derart ZUUU, daß ich alles andere als enttäuscht bin, als schließlich Freunde Danilos vorbeischauen: & zwar ...
- Johannes, ein Berliner Musikveranstalter (eins seiner Karriere-Highlights war übrigens die Organisation einer Deutschland-Tour der kubanischen Ausnahme-&-Vorzeige-Jazz-Band ‘Irakere’), der vor drei Wochen in Havanna eine Kubanerin geheiratet hat & nun den langen Weg durch die kubanisch-deutschen Institutionen gehen muß, um seiner Frau seine deutsche Heimat zeigen zu können,
- weiterhin seine frischgebackene kubanische Ehefrau,
- sowie ein befreundetes kubanisches Pärchen aus Cojimar.
Der größte Teil der in rasendem Tempo (rücksichtslos?) geführten Unterhaltung bedient sich naturgemäß der spanischen Sprache, was die (ebenso zwangsläufige) Konsequenz hat, daß ICH so gut wie NICHTS verstehe.
Trotzdem fühle ich nicht eine Spur Unwohlsein! Ja - ich genieße es geradezu, den authentischen (& sehr extrovertierten) kubanisch-spanischen Tonfall auf mich wirken zu lassen ...
Anläßlich eines der seltenen, eingeschobenen ‘Deutsch-Exkurse’ gibt mir Johannes wertvolle Tips für meine weitere Reise in & durch Kuba ...
... & schildert (auf drastische Weise) die Veränderungen in Kuba während der letzten drei Jahre:
EINE Auswirkung der Legalisierung des Dollar-Besitzes auf der sozialistischen Insel war dessen dramatischer Kursverfall. Vor drei Jahren brachte der Dollar noch 120 statt aktuell 25 Pesos ...
... & somit sind die Zeiten passé, da es den männlichen Touristen möglich war, ‘eine Chica Cubana für eine Cola abzuschleppen ...’
Wir trinken gemeinsam eine Flasche Wein, ein für Kubaner nahezu unbezahlbares Gastgeschenk Johannes’. Letztlich muß ich mein Abendessen (Arroz con Frijoles - Carne con Patatas y Bananas - Agua Minerale) dann ziemlich hastig in mich hineinschaufeln: wir haben uns verquatscht & mein Taxi ist auf 9 Uhr vorbestellt.
‘Hola - Taxi, Senor!’
Mir bleibt gerade noch Zeit für eine flüchtige Verabschiedung des kubanischen ‘Five-&-A-German-Half’-Pack. Dann geht’s auch schon (im ‘Fiat 500’) ...
... AB!
Nach erfolgreicher Rückkehr in die Karibik-Metropole gönne ich mir in meinem Hotel am Parque Central noch zwei ‘Hatuey Fria’ (mein zur Zeit bevorzugtes Cerveza Nacional), eine knappe Stunde RRRADIO RRREVOLUCIÓN sowie ein (langes!) Kapitel Reiseführer-Studium.
Ich fühle mich GUT ...
... bin aber keineswegs traurig, morgen (erstmal) die kubanische Hauptstadt verlassen zu müssen: Der ‘revolutionäre Süden’ der Insel ( ... da, wo alles anfing!) ruft & ich spüre deutliche, erste Anzeichen von aufkommendem Reisefieber!
HASTA MANANA y ... A VER !

Donnerstag, 2. November:

... HAVANNA

Da ich mich über Nacht entschieden habe, den langen Trip bis an die Südspitze der Insel DOCH ‘in einem Rutsch’ zu machen (Ich will mich spüren!) ...
... begebe ich mich nach Erledigung meiner morgendlichen Pflichten (Duschen - Frühstücken - Tagebuch) zum ‘Special-Ticket-Counter’ am Hauptbahnhof & ‘verlängere’ den am Vortag gekauften Fahrschein nach Camagüey (570 Kilometer südlich von Havanna) bis Santiago de Cuba, das sich exakt 1000 Bahnkilometer von Kubas Hauptstadt entfernt befindet.
Die Zugfahrt soll UNGEFÄHR 15 Stunden in Anspruch nehmen (naja - so ganz genau kann man das in ‘Difficult-&-Hard-to-Travel Cuba’ nie wissen!).
Der Preis für das Bahnticket entspricht mit 35 US-Dollar übrigens ziemlich exakt dem doppelten Monatsgehalt eines staatlich angestellten kubanischen Arztes - womit ich nicht zum Ausdruck gebracht haben wollte, daß ich das Ticket für überteuert halte ...
Die Sonne knallt heute bereits am frühen Vormittag (ganz besonders) erbarmungslos!
Selektive Wahrnehmung?
... weiß ich doch, daß die Temperaturen im von den Bergen der Sierra Maestres eingekesselten Santiago de Cuba um zehn Celsius-Grade höher liegen sollen & das unangenehm-heiße Klima zusätzlich durch die volle, von Süden blasende Atlantik-Breitseite mit einer (jede Tag-&-Nacht-Aktivität zur Qual werden lassenden) extrem hohen Luftfeuchtigkeit belastet ist.
Diese Gedanken (vergeblich!) aus meinem Kopf zu verbannen suchend ...
... strebe ich dem so angenehm-luftigen, kleinen Straßen-Café an der Plaza de Armas entgegen, in dem ich vor zwei Tagen mit Danilo ‘... den Beginn einer wunderbaren Freundschaft’ feierte.
Unterwegs schieße ich (bei schon alles andere als optimalen Spät-Morgen-Lichtverhältnissen ... & einer bloßen Chronisten-Pflicht folgend) die vorerst letzten stimmungsvollen Habana-Vieja-Gebäude-&-Ruinen-Portraits.

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Im Café angekommen sehe ich mich sofort wieder der üblichen Touri-Anmache ausgesetzt: ... Kinder plärren ‘Moneda - Moneda!’, ... junge Frauen flüstern mir ihr eindeutiges ‘Hello Mister - Sssst - Sssst!’ zu, ... ein gleichermaßen aufdringlicher wie hartnäckiger Zeitungsverkäufer wittert in mir den potentiellen ‘Lebenszeit’-Abonnenten der ‘Granma’ (der einzigen & staatstragenden kubanischen Tageszeitung, die in ihrem Impressum die Partida Communista de Cuba als Herausgeber nennt).
Naja - halt die üblichen ‘Belästigungen’, die man in Kauf nehmen MUSS, wenn man in den Trikont reist ...
... & doch: selbst MEIN steinhartes Herz läßt sich noch anrühren!
Als ein altes, gebrechliches Mütterchen schweigend, nur mit verstohlen geöffneter Hand (jedoch starr auf den Boden blickend) ihre zittrig-eckige Runde um & zwischen den Bistro-Tischen zieht, spüre ich, wie sich ein Kloß meine Speiseröhre hinaufschiebt. Ich kann nicht anders & MUSS ihr einfach eine Dollar-Note in die ausgestreckte Hand legen.
Nur gut, daß ich ihr nicht (wie zunächst erwogen) mehr gebe - denn schon der eine Dollar bringt sie mächtig aus der Fassung. Und beobachten zu müssen, wie sich ihr glanzlos-trauriger Blick über fassungslos-ungläubiges Staunen in ‘die dem Geber zustehende & (daher?) bezeugte Dankbarkeit’ verwandelt (inklusive Tätscheln der Spenderhand) ...
... verschafft mir MITNICHTEN ein gutes Gefühl, sondern beschämt mich & bereitet mir geradezu körperliche Schmerzen!
Gut möglich, denke ich, daß die Alten & Schwachen (wie bei allen Umwälzungen) als erste ‘hinten runter fallen’ & daß dieses alte Mütterchen gegen die agressive Bettel-Taktik der Kinder & Jugendlichen OFT GENUG nicht zum Zuge kommt ...
‘Tristemot’ am Rande:
Beim Verlassen des Cafés kreuzt die Alte noch einmal meinen Weg. Ich wünsche ihr ein freundliches ‘Adios - Senora!’ ...
... sie aber erkennt mich nicht, streckt ihre zittrige Hand aus & flüstert (kaum hörbar): ‘Moneda!’
Hm - oder aber sie erkannte ihr ‘Opfer’ & war weit cleverer, als sie auf den ersten Blick ... (Nein! DAS weigere ich mich ganz entschieden zu glauben!).
Gegen Ein Uhr kehre ich ins Isla de Cuba zurück. Während ich gerade meinen Rucksack packe, klingelt plötzlich das Telefon:
Danilo erwartet mich an der Rezeption!
Umständlich erklärt er mir, daß Johannes (der Berliner vom Vorabend) ein Problem hat. Er hat sich nämlich jetzt DOCH entschlossen, so lange bei seiner Frau in Kuba zu bleiben, bis der genehmigte Einreiseantrag seiner Frau bei der deutschen Botschaft in Havanna eingetroffen ist. Der kubanische Beamte im Habana Libre (Standort der staatlichen ‘Zentrale für die Angelegenheiten von Individualtouristen’) besteht jedoch für eine Verlängerung der morgen ablaufenden Aufenthaltsgenehmigung (für Johannes) auf der obligatorischen Hotelbestätigung.
Da aber Johannes (natürlich!) bei der Familie seiner Frau wohnt & die beiden morgen Vormittag (natürlich?) nach Santiago de Cuba reisen möchten & somit (natürlich!?) keine Zeit mehr besteht ... eventuell über andere Kanäle ...
‘Horst - kannst Du nicht ... ?’
‘Klar Danilo - wenn DU diese Story der Tante an der Hotelrezeption erklärst. Äh - Du weißt ja: MEIN SPANISCH!’
Danilo redet mit Engelszungen auf die bedauernswerte Angestellte ein, aber die junge Frau bleibt hart & rückt keine Blanko-Hotelkarte raus. Das einzige, was sich auch MEINEN rudimentären Spanisch-Kentnissen erschließt, ist ihre mehrfach hervorgepresste Beteuerung, ‘... sie möchte ihren Job nicht verlieren!’
Also wird Johannes letztlich nichts anderes übrig bleiben, als 17 US-Dollar (nämlich den regulären Preis für eine Übernachtung im Isla) für die begehrte Hotelkarte zu löhnen & ... auch wenn Danilo enttäuscht & sauer ist:
Ich gestehe (mir & NUR mir), daß sich mein Mitleid mit Johannes (dem Musikmanager) in engen Grenzen hält.
Danilo duldet keinen Widerspruch ...
... als er mich davon in Kenntnis setzt, daß er mich NATÜRLICH zum Bahnhof begleiten wird!
Also: VAMOS!

CU0033-HavannaCervantesDenkmal


Unterwegs reicht er mir zunächst mein am Vorabend (bei meinem hektischen Aufbruch) in Cojimar zurückgelassenes Feuerzeug. Dann versucht er, mir die fünf US-Dollar unterzuschieben, die er mir am Vortag mangels Wechselgeld nicht rausgeben konnte (überflüssig zu erwähnen, daß ich mich an den Kosten für das Abendessen bei Danilo natürlich beteiligt habe).
Ich wehre mich (nicht ohne Grund - siehe folgender Absatz!) ...
... & kann ihn schließlich überreden, ‘... mir von der übrig behaltenen Kohle am Bahnhof ein Bier auszugeben’.
Tja - ich fühle mich (zu Recht!) MIES:
Hatte ich doch am Vorabend (nach meiner Rückkehr ins Hotel & auf dem Balkon den Tag Revue passieren lassend) für möglich gehalten, daß mich Danilo nur ABZOCKEN wollte ( ... 5 - in Worten: fünf Dollar !?).
Vermutlich leide ich immer noch am nicht überwundenen ‘Steve-Holden-Casablanca-Syndrom’ (Du erinerst Dich, Hans?), das mich hier in Kuba immer noch NUR an das Schlechte im Menschen glauben läßt !?
Ich gelobe (feierlich!), MICH ZU BESSERN !!!
Im Bahnhofs-Café versorgt mich Danilo mit Tips & Hotel-Adressen für Süd-Kuba. Nachdem die (seiner Meinung nach) dringendsten organisatorischen Themen besprochen sind, verquatschen wir die restliche Zeit bis zu meinem Aufbruch mit / zu (meiner Meinung nach) interessanten kubanischen Alltags-Themen.
Beispielsweise:
Welches Ansehen haben katholische Kubaner in der öffentlichen und / oder der veröffentlichten (durch die Parteilinie bestimmten) Meinung ... & wie haben sich die noch vor drei Jahren bestehenden, großen Vorbehalte verändert (im Vergleich zu heute, da ALLES im Umbruch begriffen ist & sich öffnet) ... ?
Schließlich verlangt mir Danilo mehrere Versprechen ab:
EINMAL, Acht zu geben (wie ‘Ocho’ - nur anders) ... & mindestens ZEHNMAL, mich in der letzten Woche vor meiner Heimreise bei ihm in Cojimar zu melden!
Bis dahin will er versuchen, einen Trip nach Pinar del Rio (der 175 Straßenkilometer westlich von Havanna gelegenen, kubanischen Tabak-Metropole) zu organisieren.
A VER !? ...
... & vorbehaltlos herzliche Verabschiedung!
Ich begebe mich in die ‘Dollar-Kunden-Wartezone’ des Hauptbahnhofs La Habana. Zu meiner großen Überraschung werden wir (ein weiterer deutscher Tourist & seine ‘vermeintliche Chica’ bilden gemeinsam mit mir das heutige, schwach-besetzte Privilegierten-Trio) kurz darauf pünktlich zum Zug eskortiert ...
... & dieser (eine weitere, nicht mehr zu toppende Überraschung) verläßt kurze Zeit später & ebenfalls PÜNKTLICH (in gemächlichem Tempo zwar, aber unzweideutig sich vorwärts bewegend) das Bahnhofsgelände!
Ich muß gestehen, daß ich von diesen, sich quasi ‘überstürzenden’ Ereignissen schon ein wenig enttäuscht bin! Hatte ich mir doch von dieser Zugfahrt ‘... das Eintauchen ins unorganisiert-chaotische, WIRKLICHE Kuba’ ... naja, halt ein Stück ‘Abenteuer Pur’ ... ERHOFFT!
Hm - ich will nicht voreilig NEGATIV urteilen ...
... obwohl das Opening schon erschreckend desillusionisierend ist!
Vermutlich hat die gesamte Belegschaft der kubanischen Staatsbahn in den frühen Achtziger-Jahren einen mindestens sechsjährigen (!) ‘Lehrgang in (falsch verstandenen) Sekundär-Tugenden in - na, wo wohl (!?) absolviert ...
... gell - Danilo !?’
Dann aber doch noch eine erfreulich positive, weil negative Überraschung:
Meine mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit gehegte VERMUTUNG, daß man mit Dolares ÜBERALL in Kuba ALLES kaufen kann (weil: ‘... von einem Touri nimmt KEIN ANSTÄNDIGER KUBANER NIEMALS NICHT KEINE PESOS an!’) ...
... erweist sich als FALSCH!
Der Zug (Surprise!) ist DOLLAR-FREIE ZONE! Und ICH bin der einzige Passagier an Bord, der weder Proviant noch ‘Moneda Nacional’ mitführt!
Freundlicherweise wechselt mir ‘der andere deutsche Touri’ (& daher bin ich bereit, wenn auch widerwillig, die ‘Chica’ zurückzunehmen) einen US-Dollar zum ‘offiziellen Schwarzmarktkurs’ in 25 kubanische Pesos. Und mit DIESER Barschaft könnte ich die anstehende, etwa 15-stündige Bahnfahrt LOCKER überstehen, wenn ... ?
Ja - wenn ich (wie ausnahmslos ALLE übrigen Mitreisenden) ein privates Trinkgefäß dabei hätte! Die geschäftigen Zugbegleiter verkaufen nämlich neben Sandwiches (Bauchspeicheldrüsen-Wurst in Beinahe-Brot) auch Kaffee.
Da zur Zeit jedoch die Plastikbecher in Kuba AUS sind (hm - eigentlich ‘ne dufte Sache ... so ‘ne Mangelwirtschaft ... äh - ich meine: ... ökologisch betrachtet!), wird das ‘schwarze Gold’ nur in mitgeführte, passagier-eigene Trinkgefäße ausgeschenkt. Aber ...
... auch DAS ist kein Problem: in ‘Cuba - La (Bl-?)Amable!’
Ich mache eine ebensolche (nämlich freundliche) Zug-Angestellte ausfindig, die mir ohne Zögern ihren Kaffeebecher ausleiht:
‘Muchas Gracias, Senora!’
Zwei Stunden gewährt mir die rapide schwächer werdende karibische Sonne (noch), das kubanische Hinterland südöstlich von Havanna visuell zu atmen. Dann legt sich ein schwarzer, ALLES zudeckender Mantel über die Bahngeleise (& das umliegende Terrain) ...
... & ich gondele (der Zug schaukelt wie ein Schiff in arger Seenot) zur musikalischen Begleitung meiner ‘konservalen Weggefährten Pat Metheny & John Scofield’ (augenlos, aber mit weit geöffneten Ohren) durch die stock-finstere kubanische Nacht.
Vollkommen unvorbereitet ereilt mich während der frühen Stunden dieser Nachtfahrt dann ein erster, heftiger Anfall von Selbstzweifeln:
Heimweh ... nach ‘meinen Mädels’ - verbunden mit der in meinen innersten Innereien bohrenden Frage, ‘... ob denn meine Kündigung bei der REWE auch bestimmt kein Fehler war ???’
AUWEIA! Das kommt ja NOCH früher ...
... als ich (schlimmstenfalls!) erwartet habe!
Aber: Abgesehen vom bestialischen Schweißgestank im Abteil (zu dem ich vermutlich auch ‘mein Scherflein’ beitrage, denn: Kein Nutzvieh nicht im Zug!) ...
... mit zunehmender Müdigkeit fühle ich mich doch zunehmend (wieder) wohler.
Letztlich (weil nahezu besinnungslos) bin ich gar in der Lage, die Bahnfahrt (mäßig), vor allem aber die Ankunft im Bahnhof von Santiago de Cuba (uneingeschränkt) zu GENIESSEN.
Letzteres vornehmlich unter dem Aspekt ‘... GLÜCKLICH, eine Strapaze überstanden zu haben - & zwar IRGENDWIE doch (wenn auch nur knapp) lebend!’
Mit dem beindruckenden Naturschauspiel ...
... eines ALLES in gleißendes Licht tauchenden Sonnenaufgangs über der weiten Bucht von Santiago de Cuba (während wir uns über endlose Gleis-Serpentinen im Schritt-Tempo die Sierra Maestres hinunterwinden) ...
... befinden wir uns jedoch schon LÄNGST im Folgetag - also!

Freitag, 3. November:

... SANTIAGO DE CUBA

DER Tag wird schnell erzählt sein. Denn: bedingt durch die 15-stündige (natürlich nahezu schlaflose) Nacht-Zugfahrt fühle ich mich während des gesamten Tages (nicht unerwartet) ...
... verdammt SCHLAPP!
Wie ich bereits nicht an mich halten konnte zu erwähnen ...
... äh: Der Sonnenaufgang über dem karibischen Meer verdient SCHON die Bezeichnung SPEKTAKULÄR!
Nachdem aber der Zug (während der letzten zehn Kilometer vor Erreichen seines Bestimmungsortes) so ziemlich an jeder der erschreckend zahlreich entlang der Bahngeleise postierten Mülltonnen ein ums andere Mal einen nervig-langen Zwischenstop einlegt, bin ich letztlich doch (& nur noch) FROH ...
... als ich gegen Halb Acht Uhr ENDLICH aus meinem stickigen Abteil heraus (& auf den Bahnhofsvorplatz von Santiago de Cuba) trete!
Dort erwartet die Nicht-Kubaner (also UNS, die man an den Fingern einer Hand abzählen kann) eine um mindestens EINE Zehnerpotenz stärkere Übermacht Touristen-Schlepper, die ihre ‘Opfer’ mit gelangweilter (bis geschäftsmäßiger) Gleichgültigkeit auf die bereitstehenden Pferdedroschken (Santiagos weitverbreitetes ‘City-Taxi-Surrogat’) verladen ... WOLLEN!
Aber: NICHT MIT MIR!
Zielstrebig steuere ich (frisch berucksackt und: ‘Rückstoß-Prinzip?’ ... unglaubliche physische Reserven frei machend) mit einem eleganten Schlenker das nächstgelegene Straßen-Café an (das nächstgelegene OFFENE Straßen-Café. Wie gesagt: es ist Halb Acht Uhr am frühen Morgen!) ...
... & warte dort bei Pollo Fritas sowie zwei Mega-Cola (ein weiteres Surrogat für ‘irgendwas, an das ich keine Erinnerung mehr habe’ - außer: daß ES so früh im Café noch nicht zu haben ist ... ?) so lange ab, bis sich die Menschenmassen auf dem Bahnhofsvorplatz verflüchtigt haben.
Und SO komme ich zu meinem ersten kubanischen ‘Halven Hahn’ ...
... der mir umso vorzüglicher munden will (?), als sich die junge Frau am Grill als Doppelgängerin (oder doch kubanische Zwillingsschwester ... ?) von Simone, unserer allseits beliebten ‘Umleitungs’-Kellnerin entpuppt. Dieses hier, so fern von Köln mich so unerwartet anheimelnd-heimsuchende Gefühl von Vertrautheit ...
... schlägt sich (natürlich!) in der Höhe ihres Trinkgeldes nieder & bringt mir mein erstes kubanisches ‘Muchisimas Gracias!’ ein.
Apropos ‘kubanischer (?) Halver Hahn’: Johannes hat mir in Cojimar erzählt, daß zur Zeit (& im krassen Gegensatz zu früher) auf Kuba eine unerklärliche Hähnchen-Schwemme existiert, über deren Ursache (& Ursprung?) sich die zuständigen staatlich-offiziellen Stellen beharrlich ausschweigen.
Der ‘Cubano Pequeno en la Calle’ vermutet einen Geheim-Deal mit Kanada ...
... & richtig: wenn ich mich recht entsinne, dann hatte der soeben verschlungene ‘Flattermann’ auf seinem rechten Oberschenkel eine Tätowierung, die einem außergewöhnlich gezackten (& mir zunächst äußerst rätselhaft erscheinenden) Baumblatt nachempfunden war !?
Hm - ich frage mich nur, was Fidel den ‘Dry Canadians’ wohl als Gegenleistung angeboten hat? Obwohl: Ich würde lügen, behauptete ich, daß mich diese Frage wirklich QUÄLT ...
Nachdem die Luft rein ist, begebe ich mich (erstmal) auf Zimmersuche. Aber der Stadtplan in meinem Reiseführer ist schlichtweg KACKE ...
... & so muß ich mich ein ums andere Mal bei gemächlichen Schrittes umherschlendernden (& das unhektische Tempo der Stadt offensichtlich geniessenden) Passanten vergewissern, daß ich mich WIRKLICH auf dem Weg zur zentralen Plaza de Cespedes befinde.
Eine schweißtreibende, halbe Wanderstunde später habe ich mein Ziel (?) erreicht. Die Reiseführer-Empfehlung Hotel Casa Grande hält bereits auf den ersten Blick, was der Name vermuten (oder eher: befürchten!) läßt:
Ein feudal-modernistischer Neo-Prunkbau, dessen Fassade & architektonische Accessoires (Balkone, Erker, Giebel, ein sich über die gesamte Gebäudefront erstreckendes & mit Steinskulpturen sowie Live-Mariachi-Bands verschwenderisch ‘verziertes’ Open-Air-Terrassen-Restaurant) den verzweifelten Versuch unternimmt / unternehmen ... sich in die gut erhaltene (restaurierte) Kolonialarchitektur des durch die alte spanische Kathedrale sowie das alte Rathaus ...

CU0156-SantiagoDasAlteRathaus


... dominierten, park-ähnlichen & sehr atmosphärischen Platzes einzupassen.
VERGEBLICH!
Wie ich spätestens nach Nennung des geforderten Zimmerpreises (42 US-Dollar für eine Übernachtung im schmucklos-kargen ‘Dienstmädchen-Einzelzimmer’ ... ohne Frühstück!) attestieren MUSS!
Ziellos, weil sich mein Reiseführer über billigere Alternativen ausschweigt (das einzig aufgeführte Hotel Imperial ist & bleibt unauffindbar), streife ich durch die Altstadt, die mit rasant zunehmender Sonneneinstrahlung schließlich wie ausgestorben wirkt. Nahe der Plaza Dolores (am östlichen Rand des alten Stadtkerns) werde ich schließlich fündig:
Im Hotel Libertad, mit schönem (wenn auch leicht schmuddeligen) Patio-Garten, der an definitiv bessere Zeiten des Hauses erinnert ... bietet mir die ‘No-Senor!-Hablo-Solamente-Espanol!’-Angestellte (ein weiterer Pluspunkt!) ein zwar einfaches, aber immerhin mit Klimaanlage (!) ausgestattetes Zimmer für 800 Pesos an.
Erstmalig seit meiner Ankunft in Kuba bin ich gezwungen, auf meine mehr als dürftigen Wechselkurs-Kenntnisse zurückgreifen zu müssen. Ich rechne hektisch, aber die freundliche Empfangsdame kommt mir zuvor:
‘Son Ocho Dolares Treinta y Cinco Centavos, Senor!’
Äh ... ‘Correcto, Senora!’ Denn ...
... erfreut stelle ich fest (hm, also: ... etwa zwei Stunden, beziehungsweise 112 ‘Dreisprünge’ später), daß mein weit ungünstigerer Tipo de Cambio nur in den ‘Dollar-Touri-Regionen’ des Inselstaates Gültigkeit besitzt & daß ich diese NUN (wenigstens vorübergehend) hinter mir gelassen habe.
Ich nehme (natürlich!) das Zimmer - lüfte dann (nur oberflächlich ... ?) den Inhalt meines Rucksacks - & verbringe die nachfolgenden vier Stunden (halb dösend, halb schlafend ... bei eingeschalteter AC) in einer ‘absolut stabilen Horizontallage’.
Gegen Ein Uhr unternehme ich erste, zaghafte Versuche, wieder ins bewußte Leben zurückzukehren: Rauchen - Duschen - Rauchen - Zähneputzen - (wieder) Rauchen ... wobei jeder einzelne Akt dieser Neuaufführung des Hemingway-Klassikers ‘Tod (Tot) am Nachmittag’ durch die an mich selbst gerichtete stereotype Frage:
Soll ich WIRKLICH? ...
... eingeleitet wird. (Sehr viel) später ...
... ist es (denn doch) VOLLBRACHT!
Ich durchwandere das weitläufig-labyrinthische Hotelgebäude, lasse die schummrig beleuchtete Hotelbar rechts liegen, trete unternehmungslustig hinaus auf die sonnenüberflutete Straße ...
... aber schon nach wenigen Schritten ist mir klar:
IRGENDETWAS STIMMT HIER NICHT !?
Es dauert eine Weile, bis ich den Grund für die grundlos mir entgegengebrachte Freundlichkeit der (allerdings ausschließlich männlichen!) Passanten errate:
Mein ‘Fuck-Chirac’-T-Shirt!
Nach einigen ‘Schaulauf-Runden’ kann ich mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, daß entweder niemandem in Kuba der französische Staatspräsident ein Begriff ist und / oder ‘... der im Lesen nicht so geübte Cubano’ Probleme hat, den Eigennamen ‘Chirac’ VISUELL vom einschlägig-bekannten, allgegenwärtigen Sammelbegriff ‘Chicas’ (sowohl für Mädchen als auch & speziell für ‘leichte Mädchen’) zu unterscheiden.
Mehrfaches, zustimmend breites Grinsen (& eindeutige Handzeichen) der mich sonst keines Blickes würdigenden ‘extremen Machismo-Kubaner-Spezies’ lassen den zweiten Erklärungsversuch als den wahrscheinlicheren erscheinen.
Hm - ich bin vom ‘ach-so-hoch-gelobten kubanischen Bildungssystem maßlos enttäuscht’ ... & beschließe, das kompromittierende T-Shirt nach meiner Rückkehr ins Hotel GANZ, GANZ UNTEN in meinem Rucksack zu verbuddeln (& es GENAU DORT bis zum Ende meiner Reise zu belassen).
Äh ... FUCK !?
Leicht gefrustet, suche ich das Oficina de Turismo auf (in einer Seitengasse der Plaza de Cespedes) ...

CU0157-SantiagoKathedrale+CityAtmo


... wo sich drei mittelalte Kubanerinnen rührend um mich kümmern & mich mit Info-Material zu Santiago de Cuba (sowie einem guten Stadtplan) vollpacken.
Auf der schattigen Terrasse des Casa Grande (mit Blick auf die ALL-MÄH-LICH zu Leben erwachende Plaza) verschaffe ich mir dann zu Bier & dem bislang mit Abstand besten, hier in Kuba genossenen Sandwich (ein Riesen-Teil mit Schinken & Käse, Salat & Tomaten sowie Gurken & Oliven zum, für Havanna-Verhältnisse Spottpreis von nur 1,80 US-Dollar) einen ersten Überblick über die potentiellen Aktivitäten der kommenden Tage.
Mir geht’s GUT & ...
... auch MEINE Lebensgeister erwachen (langsam).
Ich mische mich unter die den Abend auf der Plaza entspannt ‘herbei-sitzenden’ Menschen & grüble noch, ob ich mir deren Tagesprogramm zu eigen machen soll ...
... da fällt SIE mir zum erstenmal auf (hm - oder doch: ich ihr?):
Sie hat eine wohlproportionierte, nein - ich untertreibe: Sie hat eine super-tolle Astral-Figur (ehrlich!) ... trägt ein hauteng sich an ihren kaffeebraunen Körper anschmiegendes, schwarz-weiß-gerautetes Baumwollkleid ... & bewegt sich mit diesem geschmeidigen & doch stolz-lasziven Gang, der ‘die weiße Frau’ immer NUR arrogant wirken läßt!
Sie schlendert (scheinbar ziellos) an mir vorbei & setzt sich (scheinbar unentschlossen) etwa 50 Meter entfernt (mit zwar mir zugewandtem Gesicht: mich aber nicht direkt anschauend) auf eine freie Parkbank. Ich denke mir (naiv wie ich bin) NATÜRLICH nichts, rauche (allerdings SCHON ein wenig nervös: zugegeben!) meine Zigarette bis auf die Fingerkuppen runter & ...
... & schlendere dann (nein: nicht mit stolz-laszivem Gang! Wohl aber leicht benommen - obwohl ich mir um meine absolute Chancenlosigkeit ‘bei dieser Frau’ keinerlei Illusionen mache) in der exakt entgegengesetzten Richtung davon!
Nach zwei Stunden planlosem ‘Gettin’ Used to ... while Walkin’ the Streets of Santiago de Cuba’ ... habe ich SIE längst vergessen. Die nächtliche & schlaflose Bahnfahrt steckt mir unüberfühlbar noch in den zunehmend müden Knochen. Ich will zurück ins Hotel: ‘Genug für heute - Blinder Eifer schadet nur!’
In Sichtweite meines Hotels setze ich mich (eine letzte ‘Open-Air’-Zigarette für heute paffend!) auf eine Parkbank der äußerst martialisch sich präsentierenden Plaza Dolores: im Zentrum des asphaltierten Platzes steigt eine Steinsäule kerzengerade in den Abendhimmel, an deren Spitze prangt ein überdimensionaler Stahlhelm, die Skulptur wird aus allen vier Himmelsrichtungen von je einer schweren Kanone ‘bewacht’ ...
Kurzum: ‘A Nice Place to take a (Nic-)Breath!’

CU0170-SantiagoKleinerStadtPark


Mein kurzer ‘Ekel’-Blick hinauf & entlang der Kriegssäule hat kaum (wieder) den Boden erreicht, da sehe ich SIE zum zweitenmal - aus der Ferne (noch) & bevor sie mich bemerkt: ‘... poch - Poch - POCH!’
Sie kreuzt in Begleitung eines jungen Mannes ziellos über den Platz. Schließlich wird sie mich mit einem weit schweifenden Rund-um-Blick gewahr (die beiden sind schon fast am gegenüberliegenden Ende der Plaza angekommen). Daraufhin fordert sie ihren Begleiter auf (eine knappe, aber - für mich! - deutlich sichtbare Anweisung erteilend) die Richtung zu ändern & ...
... dirigiert ihn auf die Parkbank unmittelbar links neben mir.
Und es vergeht keine Minute, da spricht er (Jaco) mich an!
Wir diskutieren (übrigens in Englisch) die ganz normalen & unverfänglichen ‘Themen, die die Welt bewegen’. So will Jaco beispielsweise von mir wissen, ... wie ich über das US-Wirtschaftsembargo gegen Kuba denke ... & welche Unterschiede meiner Meinung nach zwischen dem wiedervereinigten Deutschland & Kanada (seinem augenscheinlich uneingeschränkten ‘Nationen-Favoriten’) bestehen.
Währenddessen ... äh ... tauschen WIR (also: sie & ich!) ... äh ... Blicke ...
Unverhofft (& doch - na klar: erhofft!) stellt Jaco mir seine Begleiterin vor ...
... & fragt mich, ob ich mich an GA-BRI-ELLLLLA erinnere (was ich wahrheitsgemäß verneine) !?
Sie habe mich vor ein paar Tagen in Havanna gesehen - arbeite dort als Tänzerin - spräche zwar kein Wort Englisch, dafür aber ausgezeichnet Italienisch ...
‘Hm - ah - yeah - this is Very Interesting!’
Während WIR uns über SIE unterhalten, spricht Gabriella kaum ein einziges Wort, aber - äh ... IHRE BLICKE!
‘Ach, Gabriella - wenn Du doch nur meine Augen ... & nicht NUR die wässrigen Dollarzeichen in ihnen sehen könntest !!!’
Im Laufe der sich anschließenden Unterhaltung erzähle ich, daß ich vorhabe, mir am Strand von Siboney (15 Kilometer südöstlich von Santiago de Cuba) für ein paar Tage ein kleines Cabana (eine Strandhütte) zu mieten. Jaco ist begeistert & versucht, mich auf eine Abreise schon am morgigen Vormittag festzulegen - denn:
‘Gabriella hat eine Woche Urlaub & so könnten wir doch zusammen ein paar Tage am Strand verbringen - oder?’ Ob er UNS begleiten will, läßt er durch geschickt-zweideutige Formulierungen offen (naja - ‘kurzfristig erkranken’ kann Jaco ja immer noch !?).
Mich aber REITET DER TEUFEL: Übermüdung?
... oder doch schlicht GEILHEIT?
Anyway ...
Ich mache auf ‘cool’ & verabrede mich (mit wem? ... mit ihr oder beiden?) für übermorgen - ‘... so gegen Drei Uhr nachmittags ... HIER!’
Als ich mich kurz darauf ins Hotel zurückziehe, strahlt mich Gabriella ein letztes Mal entwaffnend offen (vielversprechend?) an & beide erinnern mich (den Park schon verlassend) noch je zweimal, scherzend zwar, aber doch zweifelsohne ernsthaft gemeint, an UNSERE Verabredung ...
Wieder in meinem Hotelzimmer ...
... VERBIETE ICH MIR vor Sonntag an Sonntag zu denken !!!
‘A VER ...’
Ich lese das letzte Kapitel des Toni-Morrison-Romans, ziehe mir meine ‘Usual Spanish-Night-Lesson’ rein & beschäftige mich mit Ansel Adams’ ‘Zonensystem’ (schließlich will ich Kuba auch fotografisch beackern).
Unterbrochen werden diese Abendbeschäftigungen nur durch regelmäßige, sich insgesamt auf zwei komplette Stunden addierende Power Cuts - sprich:
Ausfall von ... Deckenlicht (Fuckin’-Havanna-Club-Rum! ‘Hilfe - Ich bin Blind!’) UND ... der ach-so-überlebenswichtigen Klimaanlage (‘Ay, ay, ay! Es MUCHO Calor en Cuba Sur!’).
Naja - der letztlich finale, weil anhaltende ‘(Nervous) Energy-Break-Down’ ist immerhin ein guter Grund, mit zwei eiskalten Bieren in der eh IMMER schwach beleuchteten Hotelbar den Abend ausklingen zu lassen ...

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