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Asia 05

‘COUGHING & SPITTING‘ !
ODER: BRITISCHER ALS DIE BRITEN !
ODER: AUF DEN SPUREN RUDYARD KIPLINGS !

... von Quetta (Pakistan / nahe Afghanistan) durch
Pakistan nach Lahore (Pakistan / nahe Indien)

Donnerstag, 14. März bis Samstag, 16. März 1996:

Heute darf ich - nein ... MUSS ich nochmal richtig ausschlafen: Ich habe Großes (oder genauer: Anstrengendes) vor! Zunächst jedoch ...
... ‘English Breakfast (as usual)‘.

AS0240-QuettaPferd+Zuckerrohr


Anschließend marschiere ich zum ‘Hotel Muslim‘ (in dem das örtliche ‘Touri-Büro‘ residiert) & erstehe eine Pakistan-Landkarte mit einem vernünftigen Maßstab (‘die LP-Map kannste ECHT vajessen, wa !?‘).
Letzte, wiederum erfolglose Versuche ‘... irgendwo hier in Quetta ...

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... eine Postkarte aufzutreiben!?‘ Da ich selbst im GPO nur verständnislose Blicke ernte, beschließe ich mein unbändiges Mitteilungsbedürfnis zu unterdrücken ... ENDGÜLTIG!
Naja - zumindest bis Lahore ...
Reiseproviant für den langen Bahn-Trip einkaufen - zurück ins Hotel - Packen! Dem ‘Front-Desk-Man‘ (mit ‘Extremely British Accent‘) muß ich versprechen, ihm zu schreiben: ER will ALLES über Mongolia wissen! Hm - mal sehen ...
... wie weit ich komme?
Als ich am Bahnhof eintreffe ...

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... bleibt mir noch eine gute halbe Stunde bis zur Abfahrt - rauchend (& immer die gleichen Fragen beantwortend) beobachte ich das bunte Chaos auf dem Bahnsteig (vornehmlich im Economy-Class-Bereich IST DIE HÖLLE LOS): ... diverse Grundnahrungsmittel, in 50-Kilo-Säcke verpackt stehen (zu meterhohen Türmen gestapelt) auf der Plattform, ... komplette Wohnungseinrichtungen warten auf das Eintreffen des Zuges, ... es gibt wirklich nichts was es HIER nicht gibt!
Kurz vor Elf Uhr fährt der Zug in den Bahnhof von Quetta ein - bereits nach einer Viertelstunde (überraschend schnell!) ist alles verstaut ... auch ICH! Wer sich nicht wehrt muß sein Gepäck auf den Schoß nehmen: Und ...
ICH wehre mich (reiner Selbsterhaltungstrieb!).
Gaaanz laaangsaaam ... führt die Bahnstrecke von 1.700 (Quetta) auf 2.500 Meter üNN (hinauf zum ‘Bolan-Pass‘, dem höchsten Punkt der gesamten Zugreise). Von der Landschaft krieg’ ich bis Sibbi (150 Kilometer östlich von Quetta gelegen) kaum etwas mit - da ich zunächst ein langes Gespräch mit zwei jungen pakistanischen Mitreisenden führe. Wir tauschen uns vornehmlich über die deutsch-pakistanischen Unterschiede in Gesellschaft & Politik aus - wobei mich der ‘Wortführer‘ (ein angehender Arzt im vierten Semester seines Medizinstudiums) systematisch nach meiner Meinung zu den ihn interessierenden Themen befragt:
... Benazir Bhutto & Helmut Kohl (was auch immer die beiden gemein haben !?), ...  Persönlichkeits- vs. Verhältnis-Wahlrecht, ... Politikverdrossenheit (auch & gerade unter der pakistanischen Jugend), ... uvm.
Er ist (zumindest ‘im Vergleich zu vergleichbaren US-amerikanischen Studienkollegen ...‘) ERSTAUNLICH GUT auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus informiert - das Gespräch ist sehr interessant & daher vergehen die ersten fünf Fahrtstunden bis Sibbi (wie gesagt: 150 Kilometer!) wie im Flug. Hier steigen meine beiden Gesprächspartner aus: ‘Hudar Hafiz!‘
Der Komfort ist in der Economy Class übrigens doch nicht ganz so schlecht wie befürchtet: Der Sitz sowie das obere Rückenlehnen-Teil sind leicht gepolstert (also: keine ‘Hard Seats‘ im engeren Sinne) & ... bezüglich Beinfreiheit muß ich mich mit meinem Gegenüber arrangieren. Fakt ist & bleibt jedoch, daß hier (zumindest für MICH) an Schlafen nicht zu denken ist!
Obwohl: WEIT UNANGENEHMER als der leicht eingeschränkte Sitzkomfort ist da schon ... dieser Typ da (in meinem Rücken), der ohne Unterlaß (dabei eine unbeschreibliche Geräuschkulisse produzierend) seinen schleimigen Rotz erst im Mund sammelt & ... schließlich in regelmäßigen Zeitabständen (haarscharf an meinem darob noch senkrechter aufrecht stehendem Haupthaar vorbei) durch das, immerhin heruntergekurbelte (!) Fenster ... AUSWIRFT !!!
‘WÜRG! Da ich dies (am Folgetag!) schreibe EKLE ich mich IMMER NOCH!‘ ...
... & ich muß mich zu ruhigem Durchatmen geradezu zwingen!
Östlich von Sibbi präsentiert sich das Terrain flacher & leicht abschüssig - was unseren Zug jedoch keineswegs veranlaßt sein konstantes Stundenmittel von 30 km/h spürbar zu erhöhen. Der Anteil kultivierter, landwirtschaftlich genutzter Flächen nimmt beständig zu: zunächst wird vornehmlich Rohrzucker & Getreide angebaut - je näher wir dem Indus (& seinem weitverzweigten Nebenfluß-System) kommen, umso eindeutiger dominieren Reisfelder die Szenerie. Der pakistanische Teil des fruchtbaren Punjab (der traditionell das gesamte ‘British-India‘ mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgte) ist nicht mehr weit.
Gegen Neun Uhr am Abend erreichen wir Jacobabad. Ich nutze jede Gelegenheit dem engen Abteil zu entfliehen, schlendere über den Bahnsteig & gönne mir (inmitten des atmosphärischen Chaos) ein leichtes Abendessen: Milchtee sowie sahnegefüllte Blätterteighörnchen mit Pistazien-Garnierung (‘Lecker!‘).
Zwei weitere Zug-Stunden später überqueren wir den Indus - der mich (zunächst) maßlos enttäuscht: Hatte ich mir doch den legendären Fluß viel breiter vorgestellt !? Meine Enttäuschung schlägt jedoch in wortloses Staunen um als wir nach zwei Kilometern die Brücke über den wirklichen Indus nehmen. Hm - das (vergleichsweise) mickrige Bächlein war nur ein unbedeutender Indus-Seitenarm.
Breite & langsam dahin-mäandernde Flüsse werden ja stets mit dem Begriff ‘majestätisch‘ beschrieben: HIER aber ist es angebracht!
Trotz stockfinsterer Nacht ist der Indus GUT AUSGELEUCHTET - die zahllosen Lichter der Verkehrs-Knoten-Stadt Sukkur (wo die Bahn- & Bus-Netze aus Quetta & Karachi sowie Lahore & Rawalpindi zusammentreffen) markieren deutlich beide Ufer des Flusses - das zwischen den hellerleuchteten Flußböschungen nur erahnbare Wasserband wirkt geheimnisvoll & friedlich zugleich:
HIER weist nichts (mehr) auf die unbändig-naturgewaltigen Kräfte hin ... die dieser Strom (flußaufwärts) in seinem reißenden, weil engen Bett im gebirgigen Norden Pakistans entwickelt & ... die ihn dort (über weite Strecken) absolut unbefahrbar machen!
Mit dem Erreichen des Bahnhofes von Sukkur exakt zwölf Stunden nach Antritt der Bahnfahrt ... haben wir (entfernungsmäßig) gerade mal das erste Drittel der Strecke von Quetta nach Lahore geschafft! Da die Bahngeleise ab nun jedoch (dem Indus Richtung Norden, sprich: Quelle ... folgend) kaum mehr nennenswerte Erhebungen überwinden müssen ...
... sollten wir während der Reststrecke wohl doch ein etwas höheres Stundenmittel erreichen (können) !? Was mir im Moment allerdings nur ein äußerst schwacher Trost ist:
MEIN RÜCKEN SCHMERZT! Und wenn ich mich im zunehmend beengter sich erweisenden Abteil umsehe (jeder versucht ‘sich irgendwie & irgendwo lang zu machen & ... auf die Nacht vorzubereiten‘) dann SEHNE ich Lahore herbei - aber:
Ein Ende ist noch lange nicht abzusehen ...

... Wie befürchtet kriege ich während der nächtlichen Bahnfahrt natürlich keine Minute Schlaf: das gesamte Abteil RATZT - einer sägt schnarchend den Wald um die Shalimar Gardens (bei Lahore) kurz & klein - die ‘Cougher & Spitter‘ gehen ihrem ekelerregenden Geschäft auch schlafend nach.
Ich versuche (schlicht) mich so gut zu entspannen wie es unter diesen Bedingungen möglich ist ... & nutze jeden Stop des Zuges (etwa alle anderthalb Stunden), um auf dem Bahnsteig meine steifen Knochen zu lockern & mich mit süßem Milch-Tee zuzuschütten. Nach Sonnenaufgang (auf halber Strecke zwischen Muzaffaraghar & Multan - 300 Kilometer südlich von Lahore) wird’s etwas erträglicher:
Denn in der Folge kann ich mich durch die im Schneckentempo vorbeischleichende Landschaft sowie die erwachenden Dörfer & Menschen ablenken lassen.
Die Region zeigt sich fruchtbar & weitestgehend kultiviert - der positive Einfluß des Indus (& seiner Nebenflüße) ist unübersehbar. Die Dörfer werden zahlreicher & bestehen aus zwar kleinen, selten jedoch ärmlich wirkenden Anwesen:
Das ‘durchschnittlich-gemeine‘ Gehöft wird von einer karminroten Lehmmauer eingefaßt - im Inneren befinden sich zwei oder drei saubere Lehm-Wohnhäuser, ebensoviele Viehställe sowie eine Handvoll ‘haushohe‘, bauchige Tonbehälter, in denen Wasser & Getreide bevorratet wird - die Viehställe werden vornehmlich von (durchweg gut genährten) Wasserbüffeln & Rindern bevölkert. Sehr vereinzelt ...
... befindet sich auch eine bedauernswerte Kreatur der Gattung ‘Pferd‘ unter den Nutztieren - einem Vergleich selbst mit ‘Don Quixotes Rosinante‘ würde sie (es) aber kaum standhalten können: jede einzelne Einzel-Rippe tritt überdeutlich aus dem schwindsüchtigen Brustkorb hervor!
Natürlich sind auch Einzelhütten oder strohgedeckte (& an den Seiten offene) Holzpfahlbauten vertreten - trotzdem aber SCHEINT MIR das Leben der Menschen HIER, AUF DEM LAND ‘... nicht gar so freud- & chancenlos zu verlaufen‘ ...
... wie in den überbevölkerten, sozialen Randbezirken der großen Städte (was sich übrigens allerspätestens acht Stunden später, anläßlich der Einfahrt des Zuges in das Stadtgebiet von Lahore erschreckend bestätigen wird!).
Auf Kahnawal ...

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... folgt Sahiwal - nahe der interessanten, archäologischen Ausgrabungsstätte Harappa (der ersten Siedlung im Indus Valley etwa 2.500 BC).
Je näher Lahore rückt ...
... umso öfter stoppt der Zug, ... umso langsamer wird seine Geschwindigkeit (gerade so, als ob wir nicht zu früh im Hauptbahnhof Lahore eintreffen dürfen) & ... umso mehr Menschen steigen zu: Das Gepäck verschwindet in den Ecken & unter den Sitzen - während die Gepäcknetze als (offensichtlich beliebte) Behelfs-Sitzplätze zweckentfremdet werden.
In jeder noch so kleinen Bahn-Station erwartet uns das immergleiche Unterhaltungsprogramm:
- zunächst stürmen die Händler den Zug ... die mit möglichst ausgefallenen, immer aber lauten marktschreierischen Sprüchen ihre Waren (Getränke, Eis, Früchte oder Nüsse) anpreisen. Hm - der momentane Verkaufsschlager sind ‘Vogelgezwitscher-Wasserpfeifen‘ (die übrigens ZIEMLICH an den Nerven zerren),
- in deren Schlepptau folgen die Bettler ... entweder die stummen (& darüberhinaus zumeist auch noch blinden) ... oder die ‘Monologe religiösen Inhalts haltenden‘ ... oder aber die ‘A-Capella pakistanische Volkslieder schmetternden‘.
Die Vertreter dieser beiden ‘Besucher-Gruppen‘ rempeln & zwängen sich (zusätzlich zu den umherirrenden Passagieren ohne Sitzplatz & ‘Constantly Floating‘) durch die nicht-vorhandenen Zwischenräume in der erbärmlich schwitzenden, kompakten Menschenmasse: Es ist BRUTAL-HEISS ...
... die ihre Intensität noch entfaltende Vormittags-Sonne JAGT die Bahnwaggons gleichermaßen mühe- wie erbarmungslos in Temperatur-Regionen ... bei denen ‘in den Höhenlagen des Himalayas Wasser zu sieden beginnt ...‘
Die letzten zwanzig der insgesamt etwa 1.200 Bahn-Kilometer von Quetta nach Lahore werden (wie schon drei Tage zuvor ‘beim Anflug auf Quetta‘ erlebt) UN-ER-TRÄG-LICH in die Länge gezogen & ich bin (fast) geneigt, dem pakistanischen Zugführer Absicht zu unterstellen (ohne mir allerdings einen plausiblen Grund für dieses, sein Verhalten vorstellen zu können!?). ‘But ...
... finally!‘ Um Halb Vier Uhr (sprich: nach neunundzwanzig-stündiger Bahnfahrt) rollen wir ENDLICH in die Main Railway Station von Lahore ein!
Mein freundlicher Sitznachbar (mit dem ich seit Sonnenaufgang eine sporadische Konversation geführt habe) will mir unbedingt seine Heimatadresse in (Rawal-)Pindi geben: also reiche ich ihm meine Pakistan-Landkarte ...
... die er mit ‘selbst in tausend Jahren von keinem Schriftforscher der Welt je zu dechiffrierenden Schnörkeln und Kringeln über & über vollkritzelt‘. Er liest ES mir anschließend vor (naja, zumindest fährt sein rechter Zeigefinger die Zeichen entlang, gerade so als bestände ein Zusammenhang zwischen dem ‘Gekritzel‘ und seinen Worten) - ich nicke Verstehen heuchelnd & ...
... verabschiede mich herzlich von ihm (wissend, daß wir uns in diesem, in unsrem Leben mit Sicherheit nicht mehr ... obwohl: ‘Stranger Things Happen!‘)
Ich kreuze den Bahnhofsvorplatz durch das (erwartete) Verkehrschaos Richtung ‘Low-Budget-Hotel-Area Around McLeod Road‘ (die heutzutage, im ‘ent-kolonialisierten Pakistan‘ einen unaussprechlichen arabischen Namen trägt) - begutachte insgesamt fünf SEHR unterschiedliche Hotels & ...
... entscheide mich schließlich (spontan) für das teuerste! Das zwar (satte!) neun US-Dollar kostet - dafür aber auch ‘um mehrere Galaxien‘ besser ist als die anderen Absteigen: DAS HOTEL habe ich mir mit DER BAHNFAHRT redlich verdient!
Lockeres Gespräch (bei einer Tasse Tee) mit dem mittelalten Hotelmanager - der mir erzählt, daß er schon einige Male in ‘Germany‘ (Wiesbaden) war. Zwar rufe ich mir zwischenzeitlich die eindringlichen Warnungen meines Reiseführers (Don’t Accept Offers of Tea or a Smoke from Anybody!) vor der als ‘Rip-Off-Centre‘ berüchtigten Station Area Lahore ins Gedächtnis ...
... was soll’s!? Ich fühle mich zwar ziemlich kaputt - aber auch (‘Coz I Made It!‘) ausgesprochen GUT!
Anschließend ... Tür zu - endlich allein (eine Weile will ich mal ‘niemanden riechen müssen‘) - Auspacken - Duschen (Very Essential!) - zwei Stunden VERDÖSE ich (Room-TV!) bei einem ‘unsäglichen indischen Actionfilm‘ (den ich mir nur anschaue, weil ich EIGENTLICH jeden Moment Theo Lingen und/oder Eddi Arent auf dem Bildschirm erwarte) - Tagebuch-Schreiben - sowie (ein wenig) ‘Scott Fitzgerald‘.
Gegen Acht Uhr am Abend raffe ich mich (wider eigenes Erwarten) nochmal auf & marschiere mitten durch den ‘Friday Evening Hazzle‘ hindurch Richtung ‘Mall‘ (siehe morgen!). Erschnuppern von India-Feeling a la Pakistan - bevor ich mich ‘für den erfolgreich absolvierten Abschluß‘ (äh ... der Bahnfahrt & des Tages) in einer eher ruhigen Restaurant-Oase mit einem oppulenten Barbecue-Abendessen belohne:

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‘Assorted Chicken-, Mutton- & Beef-Grills‘ sowie Gewürzreis mit Yoghurtsauce & Salat - dazu (noch) Cola. Hm - ich bin nur noch schlappe dreißig Kilometer vom ‘indischen Bierhimmel‘ entfernt!
Früh zurück ins Hotel - bereits nach wenigen Seiten ‘The Great Gatsby‘ fällt mir plötzlich das Buch aus der Hand. In Erinnerung an die letzte, kurze (& doch so lange) Nacht lasse ich es für heute gut sein ...
... & gestatte mir ein paar Runden ‘Aufhol‘-Schlaf ...

... Es gelingt mir heute bis Neun Uhr durchzuschlafen - vermutlich hätte ich sogar noch ein bis zwei Stunden ‘draufgelegt‘ ... aber die Außenwelt läßt mich nicht:
- einerseits dringt die sehr laute Geräuschkulisse des Hotels (es gibt anscheinend kein Hotel, in dem nicht an irgendeiner Stelle irgendetwas renoviert wird!) durch die lediglich mit einem Moskitogitter ausgestatteten, ansonsten aber offenen Fensterluken ungefiltert in mein Zimmer,
- zum anderen nerven die ständig hupenden ‘ankommenden-abfahrenden-wartenden Busse‘ des nahegelegenen, staatlichen Bahnhofs (wie jeder Asiat LIEBT auch der Pakistani sein ‘Horn‘).
Trotzdem fühle ich mich gut erholt & unternehmungslustig! Bei strahlendem Sonnenwetter schlendere ich die bereits vertraute McLeod Road (ostwärts) meinem ersten Wanderziel entgegen: der britisch-kolonialen Flaniermeile The Mall (die nun den Namen ‘Sharah-e-Quaid-e-Azam‘ trägt).
Es dauert eine Weile bis ich mich in dem Verkehrsgewirr aus Autos, Bussen, Motor- & Fahrrädern sowie Rikschas (in den Varianten Auto-, Pferde- & Wasserbüffel-Droschke) & ... Fußgängern zurechtfinde.

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Überall scheint Bazaar angesagt (wie bereits in Quetta erlebt immer hübsch nach den verschiedenen Handwerkskünsten getrennt) & auch die Fahrbahnen sind in das irre-laute Verkaufstreiben eingeschlossen.
An der Kreuzung McLeod- & Abbot-Road befindet sich der Auto- & Motorrad-Zubehör-Markt - natürlich mein Viertel! Ich bin überrascht, wie selbstverständlich  das ‘Hakenkreuz‘ in Asien als scheinbar vollkommen unbelastetes ‘Synonym-Emblem für deutsche Wertarbeit‘ verwendet wird: Ohne jegliche Scheu präsentieren sich mir eine Vielzahl solcher ‘deutscher Motorrad-Abzeichen‘ ...
... & ich fühle mich augenblicklich an Hildes Erwähnung eines indischen Bierbrauers  erinnert - der die überragende Qualität seines Produktes (ohne Worte!) ‘mit einem schlichten & doch so vielsagenden Hakenkreuz‘ auf dem Flaschenetikett anzeigt ... unglaublich !?
Nach zwanzig Minuten erreiche ich die Mall & ... suche vergeblich nach einer Bank, die mir mein drängendstes Problem abnehmen könnte: denn samstags haben alle Banken ZU! Den Freitag (‘islamischer Sonntag‘) eingeschlossen scheinen die Wochenenden in Pakistan gaanz laang zu sein. Gott-sei-Dank aber gibt’s an jeder Straßenecke eine private Wechselstube ...
Nachdem ich der Mall (in nördlicher Richtung) bis zur Queens Road gefolgt bin überblicke ich den Charing Cross - das kolonial-historische Zentrum Lahores. Im nahegelegenen ‘Hotel Falettis‘ befindet sich das Touristenbüro, wo man einen guten Stadtplan von Lahore (inklusive ausführlicher Erläuterungen eines freundlichen Angestellten) sowie Informationen zu den Verkehrsverbindungen in die Northern Areas & zur pakistanisch-indischen Grenze für mich bereithält.
Nach der Erledigung meiner organisatorischen Pflichten ... nehme ich den halbkreisförmigen, riesigen Platz etwas näher in Augenschein:
- aus einer gepflegten Rasen-Fläche (natürlich!) erwächst das ‘Summit Minarett‘, eine etwa fünfzig Meter hohe, schlanke Steinsäule, die Staatspräsident Zulfikar Ali Bhutto der Stadt Lahore 1974 anläßlich der ‘Second Islamic Summit Conference‘ stiftete,

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- umgeben ist die Säule von (jeweils fünf) in die vier Himmelsrichtungen weisenden, großen & mit arabischen Schriftzeichen versehenen Marmorplatten (eine für jedes der zwanzig an der Konferenz teilnehmenden Länder),
- im Kellergeschoß (unter dem Monument!) ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem die Gastgeschenke der Teilnehmer-Delegationen untergebracht sind. Mir fällt auf, daß unter den Ausstellungsstücken erstaunlich viele palästinensischer Herkunft sind (naja - eigentlich darf dies nicht erstaunen: schließlich hatte die ‘PLO‘ gute Gründe bei ihren ‘islamischen Freunden‘ um Unterstützung für ihre berechtigten Anliegen zu werben).
Im Jahre 1974 stand Bhutto (noch) im Zenith seiner präsidialen Macht ... & wohl niemand hätte damals für möglich gehalten, daß sein Nachfolger Zia-ul Hacq ihn nicht einmal fünf Jahre später trotz weltweiter Proteste & Gnadengesuche (wegen angeblicher Anstiftung zum Mord an einem politischen Gegner) hinrichten lassen würde. Tja - HEISSES PFLASTER PAKISTAN! ...
... & heute bekleidet Bhuttos Tochter Benazir (bereits in zweiter Legislaturperiode) das Amt der Staatspräsidentin.
Etwas abseits dieses ‘gigantomanischen Denkmals jüngerer pakistanischer Geschichte‘ befindet sich ein kleiner, recht unscheinbarer Pavillon ... der zwar ein Relikt aus britischen ‘All-India’-Kolonialzeiten ist ... dem jedoch (unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung Pakistans im Jahre 1947) durch Staatsgründer & ex-Gandhi-Wegbegleiter Mohammed Ali Jinnah ‘neues islamisches Selbstbewußtseins‘ eingehaucht wurde: Jinnah ließ die Marmorstatue von Queen Victoria kurzerhand entfernen ... & ersetzte sie durch eine ‘Hinterglas-Marmor-Replik des Koran‘.

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Das gesamte Areal ist wegen dringend erforderlicher Reinigungsarbeiten heute übrigens geschlossen - aber ein freundlicher Wachmann macht für den ‘Nice lookin’ German Guy‘ eine Ausnahme: ‘Shukria!‘
Soviel anschauliche Kolonial- & Staatsgeschichte machen hungrig: Mein Körper macht mir unmißverständlich klar, daß er JETZT ... SOFORT ...
In einem kleinen, atmosphärischen Keller-Restaurant hält man alle (ein erfolgreiches Absolvieren meines weiteren, heutigen Besichtigungsprogramms erst ermöglichenden) Energiespender für mich bereit:
ein Gemüse-Omelette - Fritten & Ketchup (‘Aaah - lecker!‘) - Toast - sowie zwei riesige Tassen dieses augenblicklich jeglichen Schlaf aus den Augen vertreibenden, tiefschwarzen, starken & vorzüglich mundenden Heißgetränks namens ... ‘Nescafe‘.
(naja - immer noch besser als Milchtee!).
Gesättigt & (trotzdem!) nach lohnenden Fotomotiven Ausschau haltend flaniere ich anschließend die Mall in südlicher Richtung entlang ... werde aber zunächst anderweitig fündig: in einem Buchladen entdecke ich nicht nur (endlich!) Postkarten, sondern auch eine englisch-sprachige Taschenbuch-Ausgabe von Rudyard Kiplings Roman ‘Kim‘ ... der ja (wie wir alle wissen, woll ?) zumindest teilweise im britisch-kolonialen Lahore spielt.
Der ‘High Court of Punjab‘ ist streng bewacht (was nach den letzten Zeitungsberichten über Bombenanschläge in dieser Region auch nicht überraschen darf) - ein ‘Ganz-Baukörper-Foto‘ kann ich erst schießen, nachdem ich den fast zwei Meter hohen Sicherheitszaun erklommen habe. Das sich auf der gleichen Straßenseite der Mall anschließende, nächste historische Gebäude ist die beeindruckende (um 1850 von den Briten erbaute) Hauptpost ...

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... deren Manager (ein Reisefan, den ich zufällig im Foyer kennenlerne) mich auf einen Tee in sein Büro einlädt, wo er sich von mir einen ausführlichen Bericht über meine bisherige Reise geben läßt:
Wie ...? Welche Etappen ...? Wieviel Kilometer (bzw. Stunden) ...? Welches Gepäck ich mitführe ...? Und natürlich will er auch meinen Namen & meine Adresse!
Hm - warum auch immer?
Im Gegenzug frage ich ihn über Pakistan aus: ‘... ob sich der Norden Pakistans, die Bergregion um die Stadt Gilgit & den Nanga Parbat für einen Abstecher von Lahore aus lohnt?‘ ‘Sure - you HAVE to go! It’s beautiful up there!‘
Zwar war er selbst noch nie nördlicher als Rawalpindi - aber: Er kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt, der ...
Nach einer knappen Stunde verabschiede ich mich - letztlich war seine zur Schau gestellte Wichtig-, weil Geschäftigkeit (Telefonat hier, Anweisung an eine Mitarbeiterin da) doch ETWAS NERVIG. Mein Weg führt mich weiter Richtung südlicher End- & Höhe-Punkt der Mall ...
Zunächst passiere ich den Old Campus der Universität sowie das unmittelbar gegenüber (auf der anderen Straßenseite) befindliche National Museum of Punjab. Beide Gebäude stammen übrigens aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert & sind (ebenso wie die GPO) im britisch-kolonialen, malerisch den azurblauen Himmel kontrastierenden ‘Red-Brickstone-Style‘ erbaut.
Vor dem Museum überrascht mich schließlich eine ganz besondere Augenweide (von der ich erst in dem Moment, da ich SIE so unerwartet erblicken darf WEISS, daß ich SIE vermißt habe): Auf einer niedrigen Mauer haben sich drei, im aller-wahrsten Sinne des Wortes ‘BEZAUBERNDE pakistanische Schönheiten‘ niedergelassen ... jung, lächelnd & unverschleiert!
Mein Herz geht mit einem vernehmlichen ‘PLOP‘ auf - ein breites, zufriedenes (& hoffentlich nicht allzu blöd wirkendes) Lächeln legt sich auf mein Gesicht ... & mir schießt durch den Kopf: Da WAR doch was ...?
Nach drei bis auf die Fingerkuppen runtergerauchten Zigaretten löse ich mich (zwar ungern, letztlich aber doch) von dieser ‘fata-morgana-haften Erscheinung‘ & betrachte stattdessen ausgiebigst (& sämtliche mir zur Verfügung stehende Brennweiten austestend) die alte ‘Zamzama‘-Kanone ... die auf einem verkehrsinsel-ähnlichen, kleinen Platz (am südlichen Ende der Mall) zu thronen scheint.
Sie ist das Wahrzeichen Lahores ...

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... & wird seit Erscheinen des Kipling-Romanes selbst in offiziellen Tourist-Info-Broschüren nur noch (kurz & knapp) ‘Kims Gun‘ genannt.
Die Mall endet an einem zum Universitätsgelände gehörenden Park, in dem anläßlich des Cricket-World-Cups (der in diesem Jahr gemeinsam von Indien, Sri Lanka & Pakistan ausgerichtet wird ...

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... & dessen Finale am morgigen Tag hier, in Lahore ausgetragen wird) an diesem Wochenende ein großes Musik-&-Tanz-Festival  stattfindet. Ich lasse mich auf dem Rasen nieder - schaue & höre den einheimischen Künstlern zu & ...
... kann mich (eine kurze Weile!) auch von der mich umgebenden ‘Atmosphäre einer vollkommen ausflippenden, weil enthusiasmierten Zuschauer- & -hörerschaft‘ mitreißen lassen - diese zunächst uneingeschränkt positive Stimmung weicht jedoch schnell einem zweischneidigen Gefühl:
Hm - wieviel ungebremste Lebensfreude ein solches Publikum bei einer solchen kulturellen Veranstaltung auch immer vermitteln mag ...
... es bedarf keiner allzugroßen Phantasie sich vorzustellen, daß dieser (vermutlich mentalitätsbedingte!?) Enthusiasmus sich anläßlich religiös-politischer Veranstaltungen & Demonstrationen AUCH ein Ventil als ‘gewalttätiger Fanatismus gegenüber den verhaßten (indischen) Hindu-Tempeln & verhaßten (indischen) Hindu-Menschen‘ suchen KANN. Ich muß zugeben, daß mich die Atmosphäre SCHON ein wenig ängstigt (auch wenn das wahrscheinlich niemand ‘meiner mich umgebenden pakistanischen Freunde‘ verstehen würde).
‘Naja - vielleicht liegt’s ja auch nur an Deinen miesen Zensuren im außerschulischen Leistungsfach Begeisterungsfähigkeit ...? Aber - was will man auch schon von jemand erwarten, der an Weiberfastnacht (freiwillig!) Köln den Rücken kehrt ... äh ... um nach Asien aufzubrechen ... ?‘
Hinter dem Park befindet sich ‘... ein wirklicher Hort der Ruhe & Besinnung‘:

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Das Government College - die Eliteschule (& Kaderschmiede) des pakistanischen Punjab. Bereits der äußerliche Eindruck ...
... kurzgeschorener ‘Lawn‘ vor terrassenförmig angelegten & blumengesäumten Rundwegen - ein dahinter / darüber zu ‘schweben‘ scheinendes, rotes Backsteingemäuer mit zahllosen Erkern & Türmen ...
... vermittelt sowohl britische Solidität wie auch (pakistanische) Traditionsverbundenheit. Die beeindruckende Anlage erinnert mich stark an das Internat im ‘Club der toten Dichter‘ - allerdings läßt das tolle Wetter die Bildungsanstalt weit weniger bedrohlich erscheinen.
Ich schare ein paar der Auserwählten (die hier auf eine steile Karriere in ‘Politik & Hochfinanz‘ vorbereitet werden) um mich. Die Jungs ... natürlich gibt’s hier keine Mädchen (obwohl: vielleicht haben die ja ihre eigene Eliteschule - hier in Pakistan - also die Mädchen - ihre eigene Elite-Schule? ‘Ich meine ja bloß!‘) ... reden selbstsicher, aufgeklärt & kritisch. Sie sind sehr interessiert am Fremden (& ‘am Fremden‘) - wirken dabei jedoch in keinster Weise überheblich oder altklug.
Angesichts der nun doch spürbar zunehmenden ‘asiatischen Hektik‘ fühle ich mich in der College-Anlage ausgesprochen wohl ...
... & im Anschluß an das lockere, nette Gespräch schaue ich mir (auf einer Parkbank entspannt rauchend) noch die auf dem ‘Vor-Schul‘-Rasen stattfindende (samstägliche) Sportschau an: NAMND-ALLAH-SEITS!
Übrigens: Heute wird Hockey & Tauziehen geboten ...
Es ist spät geworden. Das Sonnenlicht wird immer schwächer & mir wird klar, daß ich alle weiteren Lahore-Highlights (das alte Fort, die Badshahi Moschee, der Minar-e-Pakistan-Turm, die Altstadt, ganz zu schweigen von den gute zehn Kilometer außerhalb des Stadtzentrums beheimateten Shalimar Gardens) ...

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... für heute getrost vergessen kann. Aber für Lahore habe ich ja eh EIN PAAR TAGE (?) eingeplant - also:
‘Keine europäische Hektik - Mann eh!‘
Langer Fußmarsch (durch in den Straßen sichtbar zunehmende Samstag-Abend-Betriebsamkeit) zurück zum Hotel - unterwegs Einkauf von ‘Basic Survival Food‘ für einen ruhigen Abend ‘daheim‘ - Duschen - Postkarten schreiben (‘Hi - You Home-Stayers!‘) - ein bißchen Fernsehen (südamerikanischer ‘Fußballzauber‘ auf ESPN ... bis plötzlich der Fernseher selbsttätig auf eine pakistanische Seifenoper umschaltet - ZAP!) - schließlich giere ich noch zwei lange Kapitel ‘Great Gatsby‘ in mich hinein (ich lese schneller, da ich noch in Lahore mit ‘Kim‘ beginnen will).
Um Elf Uhr steht plötzlich der Zimmer-Service mit einem sich unter Speisen & Getränken biegenden, riesigen Tablett vor meiner Türe. Zwar WEISS ich, daß ich nichts bestellt habe - zusätzlich WEISS ich nun aber auch, daß ‘irgendwo in diesem hellhörigen Etablissement noch was abgeht!‘
Und wirklich: Bis Ein Uhr nachts bin ich ungewollter (bis eindeutig unwilliger!) Zeuge von ... beständigem ‘Türen-Knallen‘, ... überlautem pakistanischen ‘Musik-Gedudel‘ sowie ... (allem Anschein nach megaphon-verstärkten!) gemischten Gesprächsrunden unmittelbar vor meinem LEIDER über keine Fensterscheiben verfügenden, offenen (praktisch also in meinem) Raum.
Ich versuche mich mit ‘mehreren Breitseiten dröhnend-lautem Phil-Collins-Müll‘ zu revanchieren (mittlerweile ist mein wieder eingeschalteter Fernseher selbsttätig von ESPN auf MTV umgesprungen) ... was jedoch niemanden zu stören scheint! Außer: mich selbst (natürlich!).
Ich weiß zwar nicht WIE - aber schließlich gelingt es mir DOCH die Geräuschkulisse zu ignorieren & ... ich schlafe ein:
9000 Kilometer östlich von Deutschland, wo jetzt gerade ... UNGEFÄHR exakt um diese Uhrzeit (also: vier Zeitzonen zurück!) das ‘Aktuelle Sportstudio‘ von Günter Jauch anmoderiert wird ...
... äh - ja: Genau!

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