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Buch    Asia 03       I

DURCHS WILDE KURDISTAN ...
...
BIS NACH ‘MULLAH-COUNTRY’ !

... von Erzurum über Dogubeyazit (Türkei) sowie Maku und Tabriz nach Teheran (Iran):

Karte-Story03Var

Montag, 4. März bis Mittwoch, 6. März 1996:

... Ich wache mit einem komischen Gefühl in der Darmgegend auf & verbringe die erste ‘Wach’-Stunde des Tages auf der Toilette - die beiden Äpfel vom Vortag (obwohl gar nicht mal so grün) zeitigen einen durchschlagenden Erfolg. Nach der ‘Sitzung’ fühle ich mich keineswegs erleichtert - eher schlapp ...
... ganz so, als hätte ich einen Infekt in der Darmflora.
‘Na - das kann ja heiter werden!’
Beim Frühstücks-Fernsehen erfahre ich, daß gestern in den Bergen von Ercinzan eine größere Militär-Aktion gegen mutmaßliche PKK-Kämpfer durchgeführt wurde: Die Kamera folgt (in geringem Abstand) den türkischen Soldaten, die durch Schluchten rennen - sich hinwerfen - robben - schießen - brüllen - weiter rennen - wieder schießen ...
Die Bilder erinnern an einen schlechten ‘Hollywood-Vietnam-Streifen’ & sind (wie alle Nachrichtenbeiträge im türkischen Fernsehen) mit pathetischer Musik unterlegt. Die Erinnerung an die samstägliche Bahnfahrt ist noch frisch & ...
... ich ertappe mich dabei, daß ich in den Gesichtern der gefilmten Soldaten bekannte Züge wiederzuerkennen versuche.
‘SHIT!’
Nach dem Frühstück ...
... Packen (nix wie weg aus diesem ‘Scheiß’-Land!) - Auschecken - zum (hoffentlich) letzten Mal US-Dollar in türkische Lire eintauschen - dann der Fußmarsch zum ‘Otogar’. Unterwegs erstehe ich zwei ‘therapeutische’ Bananen - die ja bekanntlich STOPFEN ...
... wenn man sie nur fest genug & an der richtigen Stelle reinschiebt (Hahaha!).
Um Zwölf Uhr trete ich meine letzte Türkei-Etappe an: Noch etwa 300 Kilometer bis zur Grenze. Mein heutiges Etappenziel ist Dogubeyazit - am Fuß des Mount Ararat und 35 Kilometer vor der türkisch-iranischen Grenze gelegen.
Das ergibt übrigens von Istanbul aus 1.800 Kilometer oder (rechnet man die 2.700 Kilometer von Köln nach Istanbul mit) eine Gesamtstrecke von bislang 4.500 ‘Overland’-Kilometern - naja, wenn man den erzwungenen Flug über ‘serbisches Feindesland’ großzügig vernachlässigt ...
Die knapp viereinhalb Stunden dauernde Busfahrt durch Ost-Anatolien erweist sich (dann) als das landschaftlich schönste Teilstück, das ich bislang während meiner Reise zurückgelegt habe: Von Beginn an geht es auf trockener, geräumter Landstraße durch eine bizarre Schneelandschaft - durch die hier herrschenden extremen Witterungsbedingungen ist die Straße allerdings arg ramponiert & der Busfahrer wird ein ums andere Mal zum Slalom um die großen, kraterförmigen Schlaglöcher im Asphalt genötigt.
Der Himmel ist wolkenlos & erstrahlt tiefblau - der Schnee glänzt in der ungehindert strahlenden Sonne wie Zuckerguß, der mittels eines Messers (mit breiter Klinge) unsauber auf einem Kuchen verteilt wurde (die ‘Zuckerguß-Kanten’ vermag augenscheinlich niemand so scharf zu ziehen wie der Wind!).
Kleine Steinhaus-Ansammlungen (Ortschaften!) sind in regelmäßigen Abständen von knapp dreißig Kilometern wie Perlen an der Landstraße aufgereiht. Die auf den Hausdächern gestapelten Heuballen (teilweise überkragend) scheinen die kleinen Hütten zu erdrücken - erweisen sich aber im bitterkalten Winter (der hier länger als ein halbes Jahr dauert) als hervorragende Wärmespeicher.
Am Ortsrand existiert jeweils eine Gemeinschafts-Weide (einfachste Bodenbedecker wie Flechten & Disteln zieren die einzig schnee-geräumte Fläche im größeren Umkreis), die den extrem ‘zottelhaarigen’, dunkelbraunen Hochlandschafen ein kaum vorstellbares Überwintern im Freien ermöglicht. Die Dorf-Kinderschar (in einfachen, aber bunten Kleidern) nimmt, inmitten der Herde umhertollend sichtbar ‘spielend’ ihre Aufgabe als Schafhirten wahr ...
... & winkt jedem vorbeifahrenden Fahrzeug freundlich-lächelnd hinterher.
Ich weiß: EINE TRÜGERISCHE IDYLLE! ...
... denn das Leben in dieser Region ist VERDAMMT HART & ÖDE!
Die Straße führt in weiten Schwüngen durch die Schneelandschaft - mehr als einmal frage ich mich, wie & wo (?) es denn jetzt noch weitergehen kann. Die Berge türmen sich gigantisch vor dem Bus & meist erkennen wir erst sehr spät, durch welche Schlucht die Straße weiterführt. Es gibt unzählige, lohnende Fotomotive - aus dem fahrenden Bus heraus aufgenommen wären sie aber vermutlich verschenkt (& so schließe ich ein paar der ‘One-Hundred-Dollar-Shots’ fest in meinem Kopf ein:
So zum Beispiel ...
... eine alleinstehende Solo-Hütte mit rosa-farbenem Anstrich & grünen Fensterläden, mit einem nach Form & Größe exakt passend gestapelten, hellbraunen Heu-Dach als ‘Schlafmütze’ sowie vor eine schneeblind-machend-gleißende, endlose & langsam ansteigende Gletscherfront plaziert).
AS0155-DogubeyazitMountAraratSchließlich öffnet sich die enge Schlucht - wird zum Canyon & letztlich zu einem breiten Hochplateau (zwischen zwei sich gleichmäßig entfernenden Gebirgsketten). Hinter dem nördlichen Gebirgszug taucht der Mount Ararat auf - der Ort, an dem der Überlieferung nach ‘Käptn Noah’ nach der großen Flutkatastrophe sein Schiff (namens ‘Arche’) AUF LAND SETZTE.
Zunächst sieht man ihm seine 5.165 Höhenmeter noch nicht an (da wir uns auf einer Hochebene befinden) - während der nächsten halben Stunde führt die Straße jedoch konstant bergabwärts & ... als wir im Tal von Dogubeyazit LANDEN, kann der Ararat seine wahre Größe nicht mehr verheimlichen:
Auf etwa halber Höhe ist er zwar wolkenverhangen, sein stumpfer Gipfel aber ragt majestätisch aus den Wolken heraus & malt sich eindrucksvoll in den mittlerweile nur noch blaß-blauen Spätnachmittags-Himmel.
Ich befrage den Busfahrer nach dem Weg zum Hotel Isfahan - woraufhin mir Halis (ein türkischer Mit-Passagier) anbietet mich zu begleiten: sein Hotel liegt in der gleichen Richtung ... auf halbem Weg. Dort angekommen handelt Halis mit dem befreundeten Hotelmanager einen Special Price für ein eigentlich viel zu luxuriöses Zimmer aus ...
AS0158-DogubeyazitHauptstrasse... & nach nur mäßig langer Grübelphase vergesse ich das im Lonely-Planet empfohlene, einfache Hotel Isfahan.
Ich habe Lust, mich mit Halis zu unterhalten - & nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstreut habe, trinken wir in der Hotel-Lobby erstmal Tee.
Er erzählt mir von seinen Geschäften: Halis besitzt in Istanbul ein Speditionsunternehmen (Hauptgeschäftsfeld sind Zink-Erz-Transporte vom Iran in die Türkei) & morgen muß er geschäftlich an die Grenze. Ein Freund wird ihn mit seinem PKW direkt zur iranischen Grenzstation fahren - dieser kennt ein paar ‘Abkürzungen’ durch die zeitaufwendigen iranischen Grenzformalitäten & ... Halis bietet mir an, daß ich ihn morgen früh begleiten kann.
Da ich mir derart den komplizierten ‘Lift’ hin zur Grenze schenken kann, nehme ich sein Angebot gerne (bereitwillig bis hocherfreut) an.
Ich erzähle von meinen Reisen & meinem früheren Job. Er versucht mir die kulturelle & landschaftliche Schönheit der Türkei nahezubringen & ...
... er scheint sehr stolz auf sein Land zu sein.
Irgendwann spricht er ‘das Kurden-Problem’ an:
Halis meint ‘die Kurden könnten ja leben wie sie wollen - aber Abspaltung? Ein eigener Kurden-Staat? Das komme nicht in Frage! Die Türkei (sprich: ‘der reiche Westen’) habe ZUVIEL Geld in die Urbanisierung & Infrastruktur Ost-Anatoliens investiert.’
Und warum ...?
Er läßt die Katze aus dem Sack und erläutert mit verschwörerischem Unterton: ‘In Ost-Anatolien werden IMMENSE Rohstoffvorräte vermutet!’
Naja - nun ist es raus: Krieg & Völkermord zur Sicherung von Rohstoffquellen!
Hm - kommt mir irgendwie bekannt vor ... !?
Nach kurzer Diskussion lassen wir das Thema beiseite: Es hat keinen Sinn, Halis mit Menschenrechtsverletzungen, der Verhaftung & Verurteilung kurdischer Abgeordneter zu konfrontieren. Er ist für all dies taub ...
... & repräsentiert doch (immerhin) die ‘moderne & aufgeklärte, westlich-orientierte Türkei’ - allerdings mit kaum übersehbar starken (fundamentalistischen?) Wurzeln in der islamischen Religion.
Es macht mir zwar Angst, daß ich ihn ‘eigentlich ganz nett finde’ ...
... & doch fällt es mir nicht schwer, mit ihm gemeinsam zu Abend zu essen:
Special East-Anatolian-Food (sehr lecker!).
Solange das Thema ausgespart bleibt, führen wir eine interessante Unterhaltung.
Trotzdem ...
... bin ich froh, als ich später am Abend die Tür meines Hotelzimmers hinter mir schließen kann! Tagebuch-Schreiben im Bett - ein Kapitel ‘Unter dem Vulkan’ (äh ... near Ararat) lesen - dann stelle ich meinen Wecker auf Sieben Uhr ein. Wir wollen morgen sehr früh zur Grenze: Der Iran ist uns ‘weltzeit’-mäßig anderthalb Stunden voraus & ich will morgen so nah wie irgend möglich an Teheran herankommen.
Also - (schon) gegen Zehn Uhr ...
Hm - um Halb Zwei Uhr stehe ich plötzlich SENKRECHT im Bett:
Nebenan scheint eine Fete stattzufinden (laute Musik - dröhnende Männer- & ... schrille Frauen-Stimmen). Ich überlege noch, was ich gegen den Lärm unternehmen kann (das Hotel ist wirklich zu luxuriös: die gepolsterten Türen geben beim ‘Zuknallen’ keinerlei Geräusch von sich) ...
... da ist der Spuk (ebenso plötzlich, wie er begonnen hat) schon wieder vorüber.
Ich rauche in der geräuschlosen Dunkelheit noch zwei letzte Zigaretten ...
... DANN:
schlafe ich letztmalig - also: in der Türkei (meine ich!) ... äh ... EIN!

... TODAY’S THE DAY! Die Islamische Republik Iran RUFT!
Und ich bin keine Spur aufgeregt. Naja - was soll denn auch schon passieren?
Hm - Fatalismus? ...
... oder ‘das originäre Serben-Feeling’?
Um es vorwegzunehmen: Alles läuft SUPER-GLATT & ist ‘halb so wild’ (wie im Lonely-Planet beschrieben).
Duschen - Packen - Frühstücken. Wie verabredet erscheint Halis’ Freund & kutschiert uns mit seiner Limousine (standesgemäß! ‘Aber Hallo!’) zur türkisch-iranischen Grenze. Da Halis mir in Dogubeyazit keine Chance ließ, meine letzten türkischen Lira auszugeben, tausche ich diese nun zwischen wartenden LKW (& von diesen visuell geschützt) schwarz in iranische Rial ...
... oder genauer: in Toman (ein Toman entspricht übrigens zehn Rial).
Pass-Kontrolle sowie ein Ausreisestempel - schon nach zwei Minuten sind die türkischen Grenzformalitäten erledigt. Und ...
... auf iranischer Seite dauert es auch nicht sehr viel länger:
Pass- & Visa-Kontrolle sowie Ausfüllen der Currency Declaration - die mitgeführten Bargeld- & Reisescheck-Bestände sind genauestens anzugeben (zu ‘Schwarz-Tausch-Hochzeiten’ wurde diese Erklärung beim Verlassen des Iran peinlichst kontrolliert) - dann folgt die Zoll-Kontrolle!
Nach einer knappen Viertelstunde ‘Schlange-Stehen’ muß ich meine beiden Rucksäcke leerräumen - zehn Minuten durchwühlt der Zöllner (scheinbar ziellos) meine Klamotten. Als er schließlich meinen Kulturbeutel in Händen hält fragt er mich, ‘ob ich ein Kopfschmerzmittel dabei habe?’ Ich reiche ihm freundlich lächelnd (weil froh, daß ALLES so wohltuend LOCKER abläuft) einen Zehnerstreifen Aspirin - worauf er wortlos eine Tablette schluckt & ...
... die anderen neun wie selbstverständlich in seiner Hosentasche verschwinden läßt!
‘Naja - irgendeine Art Wegezoll muß wohl jeder hier entrichten!’
Hm - anderen ging es weit schlimmer! (siehe unten).
Nachdem er HAT was er WOLLTE, treibt mich der Zollbeamte (& mutmaßliche ‘Aspirin- ... äh ... Revolutions-Wächter’) zur Eile an:
Einpacken - Los-Los-Los - & der Nächste!
SO schnell ... habe ich meine beiden Rucksäcke während dieser Reise noch nicht gepackt! Man geleitet mich zur staatlichen Grenz-Bank - im Reisepass werden (neben dem iranischen Visum) meine Devisen vermerkt - ich tausche 100 US-Dollar in 30.000 Toman & ...
... damit ist die iranische Einreiseprozedur (auch schon) abgeschlossen.
Um Halb Zehn Uhr sind wir an der Grenze eingetroffen - jetzt ist es kurz vor Zwölf Uhr (& hierin sind die anderthalb Stunden Zeitunterschied Türkei - Iran bereits berücksichtigt).
Übrigens: Geldwechseln auf dem Schwarzmarkt lohnt sich EIGENTLICH nicht mehr (es sei denn, man braucht den ‘Kick eines drohenden, mehrjährigen Gefängnisaufenthaltes im Iran’). Vor etwa zwei Jahren wurde der offizielle Wechselkurs drastisch an den damals noch extrem günstigen Schwarzmarktkurs angepaßt & seither macht die Differenz zwischen offiziellem- & Schwarzmarkt-Kurs nur noch ‘schlappe 30 Prozent’ aus!
ZU WENIG ...
... im Vergleich zum Risiko (wie ich finde)!
Mit einem Minibus geht’s zum Grenzzaun auf iranischer Seite, wo die Taxis nach Maku (der ersten iranischen Ortschaft, 25 Kilometer hinter der Grenze) warten. Halis beschafft uns noch ein billiges Sammeltaxi ...
... äh ... uns heißt:
Aki (eine globetrottende Japanerin), Rob (ein Engländer auf der Durchreise nach Nepal) & ich.
Dann heißt es Abschied nehmen ...
Halis gibt mir seine Istanbuler Adresse (falls ich mal wieder ..., dann muß ich unbedingt ... ‘Versprochen!’) - wir umarmen uns herzlich & ich bedanke mich nochmals für seine Hilfe: ‘GÜLE - GÜLE!’

AS0159-MakuBusbahnhof

Das Taxi braucht eine gute halbe Stunde bis zum Busbahnhof in Maku - & auch hier läuft alles (enttäuschend!) reibungslos: Um Ein Uhr verläßt ein Bus den Terminal Richtung Tabriz (der Hauptstadt Iranisch-Azerbaidschans). Mir bleibt gerade noch Zeit das Ticket sowie ein wenig Reiseproviant (Schokoriegel & Fanta) zu kaufen - im nächsten Moment düst der Bus der Cooperative No.1 bereits los & ...
... wir sitzen drin! Zum ersten Mal am heutigen Tag habe ich die Zeit, AUS- & DURCHZUATMEN!
Die Fahrt führt auf einer glatt asphaltierten & gut ausgebauten Landstraße durch eine zerklüftete, gebirgige Naturlandschaft, die der Landschaft auf türkischer Seite sehr ähnlich sieht (was ja auch nicht verwunderlich ist - was sind schließlich schon Grenzen ... ?). Die wenigen Ortschaften, die wir passieren, wirken jedoch ärmlicher als auf türkischer Seite. Steinhäuser sind Lehmbauten gewichen, die (wenn sich die Dörfer in die Berge hochziehen) nur schwer im Gestein auszumachen sind.
Der (offensichtliche) Hauptunterschied zur Türkei besteht in den sich mir vollkommen verschliessenden Verkehrs- & Hinweisschildern:
Arabisch (von hinten nach vorn geschrieben) ...
... inklusive des persischen Zahlensystems!
Hm - daß ich mir diese ‘Hieroglyphen’ (naja - zumindest die Zahlen!) einmal etwas genauer anschauen MUSS wird mir später, in Teheran klar (siehe unten).
Ich unterhalte mich während der dreieinhalbstündigen Busfahrt zunächst mit Aki (der jungen, erbärmlich schwitzenden ‘Japanerin hinter islamischem Schleier’) ...
... die ihren Job als Fotolaborantin ‘hingeschmissen’ hat & seit nunmehr zwei Jahren (solo!) die Welt bereist. Sie will ungefähr vier Wochen lang kreuz-&-quer durch den Iran, von hier Richtung Norden nach Rußland & von dort ...
... Time Will Tell!
Sie macht auf mich von Anbeginn an einen äußerst netten Eindruck - die Unterhaltung macht Spaß & ...
... (einigermaßen überraschend!) muß ich mein durch ‘vermeintlich objektive (?) Reisebeobachtungen geprägtes Vorurteils-Bild vom ewig-lächelnden, ewig-knipsenden, gemeinen Touri-Japaner’ REVIDIEREN.
Als ich mich (später) für ein paar Iran-Überland-Schnappschüsse ins Hintere des Busses zurückziehe, werde ich von zwei jungen Iranern angesprochen ...
... die Englisch studieren & ‘practissen’ wollen.
EIGENTLICH ... ist das Gespräch sehr interessant (der Wortführer zeigt mir sein Englisch-Lehrbuch, das sich bei genauerem Hinsehen als ‘in englischer Schreibe verfasstes Lehrbuch der Mathematik’ herausstellt). LEIDER ABER ... verströmt der zweite meiner beiden iranischen Gesprächspartner einen derart abstoßenden Mundgeruch (& rückt mir ‘zu allem Übel’ auch noch derart nah vor mein Gesicht), daß ich ES körperlich einfach nicht lange durchstehen kann („Sorry!“).
Irgendwann MUSS ich mich (& zwar ziemlich hastig) verabschieden & ...
... ich begebe mich wieder zu Aki in den vorderen Teil des Busses.

AS0160-MakuTabrizStrasseBerge

Zehn Kilometer vor Tabriz muß eine Entscheidung getroffen werden:
In Tabriz übernachten ...?
Oder VERSUCHEN noch heute einen Nachtzug nach Teheran zu erwischen ...?
Der Hauptbahnhof Tabriz liegt zwar fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, unser nett-bemühter Busfahrer würde aber ausnahmsweise den Bahnhof anfahren, falls wir ...!?
Ich bin wild entschlossen, die Grenzen meiner heutigen Glückssträhne auszutesten & entscheide mich spontan für die Railway Station - Rob denkt wie ich & folgt mir (& meinem Beispiel). Aki hingegen entscheidet sich für Tabriz.
‘Hm - Schade, eigentlich!?’ Obwohl ...
... falls heute kein Zug mehr Richtung Teheran geht ‘dann treffen wir uns um Acht Uhr in der Lobby des Hotel Asia: See Ya And Take Care!’
Während der zurückliegenden, vier Stunden dauernden Busfahrt wurden unsere Pässe dreimal von der iranischen Polizei kontrolliert. Daß im Iran oft & intensiv kontrolliert wird ... wird uns allerspätestens bewußt, als wir das Bahnhofsgebäude betreten wollen. Schon an der Eingangspforte spricht uns ein Polizist (zwar freundlich, aber sehr bestimmt!) an:
‘Show me your Passport & Open your Baggage - please!’
Wieder durchwühlen die Beamten mit äußerster Gründlichkeit (& schlecht bis gar nicht verborgener Neugier) ALLES & ...
... wieder darf ich anschließend ‘Rucksack-Schnell-Packen’ üben.
Bei dieser Gelegenheit erzählt mir Rob übrigens, daß ihm ein iranischer Zöllner am Morgen an der Grenze einen für seine weitere Reise äußerst wichtigen Reiseführer (private Kontaktadressen & sonstige ‘Individual Liner-Notes’) abgenommen hat.
Scheinheilig fragte der Zöllner Rob, ob er das Buch wohl haben könne? Auf Robs resolutes ‘No!’ erklärte der Grenzbeamte ‘dann müsse er alle Bücher konfiszieren, denn AB NUN wäre es generell verboten ausländische Bücher in den Iran einzuführen!’
Naja - was blieb Rob übrig? Sich an die Vereinten Nationen wenden?
Mit einem gequälten Lächeln überreichte Rob ihm das Buch & schleimte ‘er würde sich freuen, wenn er es ihm schenken dürfe!’
‘SHIT!’
Auf zum Informations-Schalter: Um Halb Sechs Uhr verläßt der Nachtexpress nach Teheran den Hauptbahnhof Tabriz - bei unserem Eintreffen am Bahnhof ist es kurz vor Fünf Uhr! Zwar sind alle Plätze reserviert, aber wir sollen in zwanzig Minuten nochmal nachfragen - eventuell ... ?
Hatami, ein hilfsbereiter iranischer Ingenieur, vermittelt & dolmetscht für uns. Wir hocken uns zuversichtlich (weil: auf unseren Status als ‘Touri’ vertrauend) auf einen Cay (& ‘staubige’ Kekse) ins Bahnhofscafe & ...
... eine Viertelstunde später sind wir zwar nur wenig überraschte, nichtsdestotrotz aber eindeutig STOLZE Besitzer von ‘Erster-Klasse-Bahntickets’:
600 Bahn-Kilometer für umgerechnet 4 Dollar - morgen Früh werden wir (nach 13 Stunden Fahrtzeit) gegen Sieben Uhr in Teheran eintreffen.
Auf dem Bahnsteig will ich (noch schnell) ein Dokumentations-Foto unseres Express-Zuges schießen - aber: augenblicklich stürzen zwei iranische Sicherheitsbeamte auf mich zu (wild mit den Armen ‘flügelnd’). Das gesamte Bahnhofsgelände ist OFF-LIMITS & TOP-SECRET: ‘Fotografieren ist STRENGSTENS verboten!’
Naja - immerhin reißen sie mir nicht den Film aus meiner Kamera ...
Aber dann ... unser Kompartment:
Jede Menge Platz - vier bequeme Sessel (mit ‘Überbreite’) in einem Sechs-Personen-Abteil - umrüstbar in Schlafkabine mit vier Etagenbetten - Zimmerservice (kalte Getränke & warme Speisen) - usw. usw. ...
Passend zur sich augenblicklich breitmachenden guten Laune ‘arrangiert das Iranische Fremdenverkehrsamt SPONTAN einen in sattes Rot getauchten, stimmungsvollen Sonnenuntergang’ ...
... über dem riesigen Orumiye Lake, an dem wir den Rest der heutigen ‘Hellzeit’ entlangfahren.
Nach einem oppulenten Abendmahl (mein erstes Chelo Kebap - sprich: Lammfleisch-Streifen, Reis, Gurken, Joghurt & hauchdünnes, rechteckiges Fladenbrot) sind bis auf Hatami (die nette, aber doch ‘Quasselstrippe’) ALLE ziemlich schnell ziemlich müde.
Wir unterhalten uns noch eine kurze Weile ...
... wobei Hatami unerwartet offen seine Meinung kundtut - jedenfalls nachdem ich meine ‘Trumpfkarte: kritische Distanz zu den USA’ ausgespielt habe (was mir übrigens kaum Probleme bereitet). Selbst die ‘Mullah-Regierung’ stellt für ihn kein Tabu dar & er ereifert sich geradezu ob der fehlenden, seinem Empfinden nach aber UNBEDINGT notwendigen Trennung zwischen Staat & Kirche.
Er selbst ... will von diesem Thema nicht lassen, obwohl ich mich dabei ein wenig unwohl fühle: Vor allem aus Sorge um Hatami, denn die (zum Teil selbsternannten) ‘Wächter der islamischen Revolution’ sind überall!
Rob HAUT sich schließlich als erster in sein Hochbett, während ich im Lichtkegel meiner Taschenlampe noch die Ereignisse des Tages in meinem Tagebuch festzuhalten versuche (allerdings immer wieder unterbrochen durch kurze ‘Frage-&-Antwort-Spiele’ mit dem nimmermüden Hatami).
Dieser hat im übrigen Probleme mit einem hartnäckigen Zugschaffner ...
... der ihn regelmäßig auffordert, seiner Platzkarte entsprechend in ein anderes Abteil zu wechseln. Aber ‘unser Beschützer’ will uns nicht einem ungewissen Schicksal überlassen, streitet lautstark mit dem IDIOTEN & ...
... bleibt uns erhalten!
Später wird noch ein vierter (iranischer) Passagier in unserem Abteil untergebracht & somit hat Hatami für die folgenden beiden Stunden einen aufmerksamen, ‘frischen’ Zuhörer. Äh - damit kein falscher Eindruck entsteht:
Hatami ist wirklich sehr nett - halt NUR ein bißchen SEHR REDSELIG!
Ich richte mich in meinem Hochbett ein, lese noch eine Stunde ‘meinen Lowry’ & versuche schließlich so gut wie möglich zu relaxen (um fit zu sein für den morgigen, ersten Tag in Teheran).
SCHLAFEN ...
... kann ich natürlich nicht ...

... im Morgengrauen erreichen wir den Verkehrsknotenpunkt der ‘Islamischen Republik Iran’: den Hauptbahnhof von Teheran. Hatami hat uns schon eine Stunde vor der Ankunft im Bahnhof aus den Betten geworfen:
‘Horst - Robson (er nennt Rob seit ihrem gemeinsamen, gestrigen Speisewagen-Besuch nur noch Robson & ... hat dabei immer ‘so ein spitzbübisches Blinzeln’ in den Augen!) - Wake Up! It’s time - We’ll Arrive SOON!’
Letztlich habe ich doch zwei bis drei Stunden geschlafen & fühle mich ziemlich fit. Aber ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht (denk’ ich!) - dieser Wunsch muß aber in Teheran unerfüllt bleiben (wie sich später noch zeigen wird).
‘SUUUPER-VOLLMOND’ ... sowie ein grandioser Ausblick auf den nördlich von Teheran sich erhebenden Gipfel des Mount Elbruz, des einzigen (mehr als 5.600 Höhenmeter messenden) iranischen Vulkans. Nach den unerwartet positiven Erfahrungen mit der iranischen Eisenbahn gehe ich zunächst zum Info-Schalter & checke die Bahnverbindung nach Isfahan - meinem nächsten Etappenziel.
Der nächste Zug geht allerdings erst in drei Tagen - oder in drei Stunden! Naja - ich habe mir zwar vorgenommen, nicht länger als nötig in Irans lauter & umwelt-verschmutzter Kapitale zu bleiben ...
... drei Stunden (!) scheinen mir nun aber wirklich ‘ein bißchen zuuu knapp’.
Ich verschiebe das Transportproblem auf später & wende mich Komplizierterem zu. Ich beschließe, die atmosphärische Morgenstimmung zu genießen & die fünf Kilometer bis zum Stadtzentrum ‘per Pedes’ zu MACHEN.
Richtig - das allein ist weder kompliziert noch ein Problem: Aber ...
... sämtliche Straßen- & Hinweis-Schilder Teherans verwenden Farsi - die iranische Landessprache (arabische Schriftzeichen!) & ... mein Farsi ist (wenigstens zur Zeit noch) mehr als dürftig!
Nach zwei Stunden befinde ich mich UNGEFÄHR im Stadtzentrum - ‘entdecke’ schließlich sogar den zentralen Imam Khomeini Square - das mir von Halis empfohlene Hotel Siraz aber scheint auch für Ortsansässige unauffindbar zu sein:
Mehrfach werde ich in unterschiedlichste Richtungen geschickt (mich beschleicht die Vermutung, daß die einzige verbindliche Himmelsrichtung im Iran ‘Osten’ ist) ...
... bis sich ein junger Iraner meiner erbarmt & mir anbietet ‘mich zum Hotel zu begleiten’.
Weitere zwanzig Minuten später stehe ich zwar wirklich an der Rezeption eines Hotels - der Name der Herberge ist allerdings Arman. Von hier aus kann ich immerhin mit dem Siraz telefonieren: Dieses stellt sich jedoch (‘Allah-sei-Dank!’) als zuuu teuer für meine ‘schmale Reisekasse’ heraus. Ich miete mich daher kurzentschlossen im Arman ein & erhalte für zehn Dollar ein geräumiges Doppelzimmer.
Zugegeben ... der wahre Grund für diese Spontanentscheidung ist meine mittlerweile ‘grenzenlose Unlust meine zwanzig Kilogramm Reisegepäck auch nur noch einen einzigen Meter durch Teheraner Straßen zu schleppen!’
Es ist mittlerweile Neun Uhr. Erstmal Frühstücken (wie in Ost-Anatolien, jedoch zusätzlich - iranische Variante! - ein hartgekochtes Ei sowie eine Tasse heiße Milch). Natürlich kein Kaffee - ich werde mich wohl-oder-übel an Cay gewöhnen müssen (äh ... will ich nicht verdursten).

AS0173-TeheranSelbstportraitGenOsten

Im Hotelzimmer leg’ ich dann meine Beine eine halbe Stunde Richtung Osten & ... vor allem hoch. Duschen (als Schlaf-Surrogat) - anschließend stürze ich mich ins erwachende, rapid zunehmende Teheraner Stadtgetümmel. In den vergangenen drei Stunden (seit meinem Eintreffen am Teheraner Hauptbahnhof) hat der Smog derart zugenommen, daß Mount Elbruz nur noch zu erahnen ist ...
... & das auch nur, wenn man weiß in welcher Richtung sich der Berg eigentlich befinden müßte.
Überhaupt - ‘Straßenverkehr in Teheran’:
UNBELIEVABLE !!!
Jeder (ob Bus-, Auto- oder Motorrad-Fahrer) fährt wie er will (sie fährt übrigens nicht!) - Ampeln gibt’s nur an den wenigen, ganz großen Straßenkreuzungen - Fußgängern bleibt nichts anderes übrig, als sich (Spur für Spur) über die meist breiten Straßen durch den fließenden Verkehr zur anderen Straßenseite hin ‘durchzumogeln’. Hm - überflüssig zu erwähnen, daß ‘der gemeine Teheraner’ immer Stoßstange an Stoßstange fährt!
‘Wenn Du großes Glück hast ...
... dann wird kurz vor Dir ein Fußgänger zusammengefahren, worauf der Verkehr für den Bruchteil einer Sekunde stockt & Du (wenn Du schnell reagierst!) zwei oder drei Spuren in einem Zug kreuzen kannst!’
AS0164-TeheranSnackShopIch mache (einen großen Bogen beschreibend) einen Spaziergang in den Teheraner Norden. Zunächst erstehe ich bei einem Straßenhändler Wegzehrung (frisches, einheimisches Studentenfutter) - anschließend steuere ich den Baharestan Square am östlichen Rand des Stadtzentrums an, in dessen unmittelbarer Nähe sich (in einer Seitengasse) die Sepahsalar Moschee befindet: erbaut am Ende des 19. Jahrhunderts beeindrucken (mich) HEUTE vornehmlich ihre in der Vormittagssonne surreal-schimmernden, bläulichen Mosaike an Kuppel & Minaretten.
Leider sehe ich nicht genügend ‘muslim-like’ aus (trotz meiner tief in die Stirn gezogenen ‘Budapester Wollmütze’) - so bleiben für mich nur Blicke & Fotos ‘From the Outside’ ...
... obwohl der uniformierte Moscheen-Wächter (mit dem ich einen kurzen Plausch halte) sich entschuldigt & sehr bedauert.
Ein paar Atmo-Shots am Baharestan Square (äh ... ‘fundamentalistische Kuttenweiber all-über-all’) ...

AS0167-TeheranBaharestanSquare

... dann überquere ich, westwärts zur großen Nord-Süd-Verkehrsachse Ferdowsi Street marschierend die stark befahrene Sa’adi Street ...
... über der sich (‘Lucky Me!’) eine Fußgängerbrücke spannt: Denn sonst hätte mein Stadt-Spaziergang wahrscheinlich genau hier geendet!
AS0165-TeheranSaadiAveTaxisAuf der Brücke stehend betrachte ich die ungezählten, staatlichen Taxis (mit ihren vom Heck zur Front verlaufenden breiten, orangefarbenen Streifen) - die eine ‘nicht-enden-wollende Blechlawine’ in Richtung südliche Stadtteile bilden.
Der Ferdowsi Street Richtung Norden folgend, passiere ich zunächst diverse ausländische Botschaften - die amerikanische Ex-Embassy allerdings nicht (die befindet sich zwar auch im Teheraner Norden, jedoch FAR-OFF). Mit jedem Schritt in nördlicher Richtung kann man förmlich spüren, daß die Wohn- & Geschäftswelt immer luxuriöser wird (in Teheran herrscht ein extremes ‘Nord-Süd-Wohlstands-Gefälle’). Zuletzt befindet sich ein Juweliergeschäft neben dem anderen ...
... & den Schaufenster-Auslagen der Pariser Modehäuser kann man entnehmen, daß ‘die schwarzen, islamischen Frauentrachten durchaus EIN KLEINES VERMÖGEN kosten können!’ Mögen sie auch noch so einheitlich aussehen:
Die Teheranerin von Welt & Vermögen trägt auch außerhalb der eigenen vier Palastwände NUR ‘Pierre Cardin’!
Ich bin überrascht, in wieviele hübsche, junge & fröhliche Frauengesichter ich (hier oben!) sehe: Mehr als die Gesichter kann ich jedoch nicht sehen! Manchmal ...
... bei schnellem Dahineilen (in ‘Tateinheit mit einem günstigen Laufwindluftzug’) läßt sich ‘ein Hauch von eleganten, hochhackigen Pumps oder modischen Jeans ERAHNEN’.
Ich gönne mir eine kurze Rast im schattigen Park der Bibliothek der Kunstakademie (in Teheran herrschen sommerliche Temperaturen - erstmalig während meines Trips!) & betrachte lange eine interessante ‘Stacheldraht-Skulptur’ ...
... wobei ich mir allerdings eingestehen muß, daß Stacheldraht als Werkstoff iranischer Kunst zumindest umstritten ist.

AS0169-TeheranStacheldrahtSkulpturAS0168-TeheranBibliothekKunstakademieAS0171-TeheranArmenischeKirche

Die Villa Avenue beherbergt am nördlichen Ende die Armenian Church (von mir in Teheran nicht unbedingt erwartet): Im Jahre 1975 unter der Regentschaft des letzten persischen Schahs feierlich eröffnet, steht sie noch heute der einige tausend Mitglieder (zumeist Armenier) zählenden Christlichen Gemeinde Teherans zur Verfügung & ... offen.
Noch hoffe ich, daß ich (wenn ich nur immer weiter Richtung Norden marschiere) irgendwann den Mount Elbruz ‘groß & klar & strahlend’ vor mir sich erheben sehe ... wie heute morgen (vom Bahnhof aus). Letztlich aber muß ich einsehen, daß mir dies (bei dem Smog) wahrscheinlich erst zwanzig Meter unterhalb des Gipfels gelingen wird - was mir bei meiner momentanen körperlichen Verfassung allerdings eindeutig zu weit ist. Ich beschließe daher mich langsam wieder Richtung Süden treiben zu lassen.
Die Füße beginnen zu schmerzen & der Rest meines Körpers weist doch ein zunehmend deutlich spürbares Schlaf-Defizit auf. Und außerdem ...
... habe ich HUNGER!
Abgesehen von einigen Gourmet-Tempeln bietet Teheran dem hungrigen Touri jedoch kaum ‘Einkehr’-Möglichkeiten - erst nach längerer Suche entdecke ich ein nettes Lokal. Die Speisekarte ist natürlich in Farsi verfasst - der ‘Chef persönlich’ schleppt mich in die Küche & ich bestelle (nach einem Blick in alle Töpfe) Abgusht - ein iranisches Mittelding zwischen Hammel-Eintopf & Gemüse-Stew:
‘Alles klar!’
Er strahlt mich an, nickt (geradeso als hätte er mich verstanden) & führt mich zu meinem Tisch zurück. Und ...
... dann kütt et:
Zunächst ein großer Salat mit separaten Zwiebeln, dazu Yoghurt-Sauce & das übliche Fladenbrot (‘ritter-sport-mäßig’). Naja - ich fühle mich zwar mißverstanden, aber mir ist’s gleich - ich habe Hunger ...
... & HAUE REIN (wie ein iranischer Weltmeister im Gewichtheben)!
Ich fühle bereits ein leichtes Sättigungsgefühl - da (erst) naht das Hauptgericht:
Ein Riesen-Kebap, der sich über die gesamte Länge einer nicht gerade kleinen Anrichteplatte erstreckt - desweiteren Salat aus Zwiebeln, Gurken, Minze & weiteren frischen Kräutern - zusätzlich zwei große, gebackene Tomaten ...
... die Schüssel mit Gewürzreis rühr’ ich gar nicht erst an!
Ansonsten aber schlage ich mich wacker: Bis zur Hälfte der Mahlzeit esse ich meine Müdigkeit weg - ab dann trägt jedoch jeder weitere Bissen (eindeutig) zu ‘wiedererwachender Müdigkeit’ bei ...
Die Mega-Mahlzeit kostet mich SATTE fünf Dollar, was für iranische Verhältnisse ziemlich viel Geld ist - & dem Preis für mein halbes Hotelzimmer entspricht. Anschließend schwanke ich wie betäubt zur ‘anderen Hälfte meines Hotelzimmers’ & ... weiß von den folgenden drei Stunden aber auch gar nichts mehr!
Gegen Halb Sechs Uhr komme ich wieder langsam zu Bewußtsein & fühle mich so fit, daß ich (nein: nicht Essen gehe!) mir einen abendlichen Verdauungs-Spaziergang zutraue: zum südlichen der beiden Teheraner Bus-Terminals (unterwegs ... äh ... ‘saugute’ Pistazien).

AS0170-TeheranStrassenAtmo

Was als Verdauungs-Spaziergang geplant war, entpuppt sich als Gewaltmarsch & zieht sich bis in die Dunkelheit hinein. Der Busbahnhof liegt noch ein gutes Stück weiter vom Stadtzentrum entfernt als die Railway Station - ich kämpfe mich durch vollkommen unbeleuchtete, zwielichtig aussehende Stadtviertel (fühle zwischenzeitlich ein leichtes Kribbeln: ‘Wo bin ich hier eigentlich??’) ...
... but finally: Auf meinen Orientierungssinn ist Verlaß - obwohl Teheran schon eine der HÄRTEREN Prüfungen ist!
Der Omnibus-Terminal hat mindestens die doppelte Größe des Hauptbahnhofs: um das kreisrunde, in der Dunkelheit hell-erleuchtete Hauptgebäude kurven selbst zu dieser späten Stunde noch hunderte von Bussen - etwa dreißig verschiedene, staatliche Busgesellschaften (als Cooperativen durchnumeriert) konkurrieren auf allen inner-iranischen Strecken - somit ist die Auswahl entsprechend groß!
Bei Cooperative No.4 werde ich fündig: Morgen - Donnerstag - Elf Uhr vormittags - Abflug nach Isfahan (etwa 450 Kilometer südlich von Teheran).
Zufrieden leiste ich mir ein Taxi für den Rückweg zum Hotel (zuvor längere Taxi-Sharing-Verhandlungen) - am Imam Khomeini Square (in unmittelbarer Nähe meines Hotels) beobachte ich schließlich noch eine kurze halbe Stunde das ‘öffentliche Teheraner Nachtleben’ ...
... bestehend aus ein paar bunten Glühbirnen in den Bäumen, einem beleuchteten Springbrunnen in der Mitte des Platzes sowie vereinzelten Spaziergängern.
Zufrieden genehmige ich mir kurz darauf (in meinem Hotelzimmer) zwei ‘Parsi-Cola’ & begleite (gleichmäßige Trinkgeräusche produzierend) Malcolm Lowry in die unendlichen Weiten der zentral-mexikanischen Hochebene ...
... bevor ich mich an den letzten & wichtigsten Programmpunkt des heutigen Abends herantaste - der da heißt:
NACH-SCHLAFEN!

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