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Asia 02

TÜRKEN-FRUST IN ANATOLIEN !

... von Istanbul über Ankara nach
Erzurum (Ost-Türkei):

Donnerstag, 29. Februar bis Samstag, 2. März 1996:

... Gut gelaunt wache ich gegen Halb Acht Uhr auf. Ich bin reisefiebrig und froh, daß es heute weiter Richtung Osten geht. Duschen (warmes Wasser gibt’s heute erst gegen Halb Neun Uhr: ‘No Problem’, ich habe Zeit!

AS0108-IstanbulGalataBrücke03AS0124-IstanbulBlaueMoschee03AS0110-IstanbulHafenSüleymanCamii

... der Zug nach Ankara startet erst um Ein Uhr nachmittags).
Also: erstmal Frühstücken (heute mal wieder im Hotel) - schließlich Packen!
Gegen Halb Elf Uhr verabschiede ich mich herzlich von meinen ‘Herbergsvätern & -müttern’ - schultere meinen Rucksack und marschiere (den Sirkeci-Bahnhof rechts liegen lassend) zum Hafen. Bei meinem ‘Stamm-Türken’ (Halfway to Asia - Take a Break!) erstehe ich schnaufend einen Döner für unterwegs. Dann nehme ich die Galata-Bridge nach Karaköy, wo sich der Anlegeplatz der Europa-Asien-Fähre nach Haydarpasa befindet.
AS0117-IstanbulFischerAmStadtquaiNebendran schaukeln Fischerboote an der Quaimauer: Hier wird der Fisch jedoch nicht, wie auf der anderen, touristischen Seite des Goldenen Horns gleich auf den Booten mundgerecht verarbeitet ...
... sondern roh verkauft.
Reges Treiben - große Auswahl - teils exotische Typen (die Fische!).

AS0131-IstanbulBosporusFähre
Der Fährbetrieb läuft ab wie in ‘jeder anderen europäischen Metro-Station’ auch: Jeton kaufen (mit 30.000 TL ist man dabei) - durchs Drehkreuz - an der ‘wässrigen Bahnsteig-Kante’ warten, bis sich die Türen der Waggons öffnen - die Mutigeren begeben sich (‘Grund-Surf-Stellung’ einnehmend) wie selbstverständlich auf’s Dach!
Nach zehn Minuten sind wir in Asien (‘Ich spür Nix!’) - weitere zehn Minuten später am Bahnhof Haydarpasa. Es ist erst Viertel vor Zwölf Uhr & mir bleibt genug Zeit, Proviant für die lange Zugfahrt (laut Fahrplan sieben Stunden!) einzukaufen ...
... sowie ein paar ‘H.S. am Bahnhof H. in I. am B.-Pictures’ zu schießen.
Um Halb Ein Uhr fährt der Zug in den Bahnhof ein & ich bin positiv überrascht, wie bequem & geräumig mein Pullman-Wagen aussieht - komfortable Sitze, selbst für meine langen ‘Haxen’ ausreichend Beinfreiheit, Panorama-Fenster:
Hier kann man’s aushalten!

AS0136-MaviTrenInnenansicht

Ich richte mich häuslich ein (verstreue meine Reise-Utensilien) & freue mich auf die nächsten (laut Fahrplan!) sieben Stunden. Das Wetter präsentiert sich nach zwei ziemlich ungemütlichen Tagen in Istanbul wieder etwas besser - am Himmel sind vereinzelt ‘blaue Flecken’ zu erkennen & auch ein paar Sonnenstrahlen scheinen sich hierher verirren zu wollen.
Zunächst geht es bis Izmit (etwa einhundert Kilometer entfernt) am Marmara Meer entlang - jene türkische ‘Ausbeulung’ des Mittelmeeres (im Norden von Thrakien, im Süden von den Dardanellen begrenzt), in die sich vom Schwarzen Meer kommend bei Istanbul der Bosporus ergießt. Viele kleine Badeorte (zu dieser Jahreszeit natürlich touristisch verwaist) mit den immer gleichen Parks, Kinderspielplätzen & ‘Fun-Bad’-Rutschen sind wie Perlen an der Bahnstrecke aufgereiht. Die Orte sehen sauber - die Häuser gepflegt - die Straßen übersichtlich aus.
Kurz: ich komme mir vor, als würde ich an der deutschen Nordsee-Küste entlangfahren, wenn da nicht ...
... ja - wenn da nicht in jedem Ort diese zwei bis zwanzig Cruise Missiles so bedrohlich in den (christlichen? islamischen?) Himmel zeigen würden!?
Endlich verstehe auch ich, warum die Europäer & Amerikaner ihrem östlichsten NATO-Verbündeten so ziemlich alles durchgehen lassen. Diese Konzentration an NATO-Raketen weist die Türkei beeindruckend (aus) als Bollwerk gegen die Bedrohung durch ...
... ja - durch wen eigentlich? Äh ... wer ist nochmal gleich der Feind?
Ach so ja - klar: Natürlich die ‘fundamentalistischen Islamisten’, die Dank der Wachsamkeit des Bündnisses im Allgemeinen (& unseres ‘deutschen Ministranten-Tolpatschs V.R.’ im Speziellen) noch nicht bis hierhin vordringen konnten ...
... so scheint es jedenfalls - fehlen doch jegliche offensichtliche Zeichen dieses ‘religiös-nationalistischen Eiferertums’ (Gott / NATO / Rühe sei Dank!).
Ab Izmit wird die Landschaft rauher - der Blick reicht weiter - nur noch vereinzelt passieren wir (relativ kleine) Siedlungen. Die vorherrschenden Farben sind blaß-grün und braun. Die Vegetation besteht aus genügsamen Bodenbedeckern sowie (zu dieser Jahreszeit nicht unerwartet) entlaubten Baumgerippen.
Da ich keine detaillierte Türkei-Landkarte besitze, kann ich unsere Route nur grob verfolgen - trotz Orts-Hinweisschildern an den kleinen, atmosphärischen Bahnhöfen. Aber auch ‘ohnedem’ genieße ich die Zugfahrt: zum einen lasse ich mich in die ständig wechselnden visuellen Eindrücke fallen, andererseits reise ich im (aktiv empfundenen!) Bewußtsein, daß mich jeder zurückgelegte Kilometer Indien näherbringt.
Ich verbiete mir daher auch jegliche Reiselektüre - ich möchte soviel wie möglich von der Strecke & dem Wechsel der Landschaften miterleben ... wenigstens, solange es noch nicht stockfinstere Nacht ist!
Apropos ‘stockfinstere Nacht’: Die Ankunft des Mavi Tren in Ankara war auf 20 Uhr terminiert. Nachdem wir aber erst gegen 18 Uhr in Eskisehir eintreffen (nach - zugegeben - zeitraubenden Berg-Etappen ... aber die sind doch normalerweise im Fahrplan berücksichtigt, oder?) wird mir klar: Das wird heute ein langer Tag!
Da wir mehr als eine Stunde Verspätung haben, müssen wir in der Folge eine Reihe halbstündiger Wartepausen auf offener Strecke einlegen, um vorfahrt-berechtigten (& ‘In-Time’-) Zügen den Vortritt zu lassen.
Hm - ‘To Cut a Novel into a Short-Story’: Gegen 23 Uhr (also mit gut dreistündiger Verspätung) MACHEN wir im Hauptbahnhof von Ankara FEST. Aber ...
... das scheint völlig normal zu sein: niemand des Personals schaut auch nur entschuldigend - kein Fahrgast (ich eingeschlossen!) beschwert sich.
Hm - warum auch?
Normal scheint auch zu sein, daß es im Bahnhof der türkischen Hauptstadt keinen Fahrplan-Aushang gibt. Glücklicherweise ist jedoch (ausnahmsweise) der Info-Schalter besetzt, wo ich erfahre, daß der ‘Express’-Zug nach Erzurum (in Ost-Anatolien) täglich um 10.40 Uhr vormittags den Hauptbahnhof Ankaras verläßt.
Fürs erste reicht mir diese Information - jetzt ...
... habe ich nur noch HUNGER & will ein BETT! Also: Raus aus dem Bahnhof & rein in die zur städtischen Oper führende Seitenstraße.
Hm - zwischenzeitlich glaube ich zwar mich verlaufen zu haben, aber die grobe Richtung stimmt (da bin ich mir sicher!). Später wird mir klar, daß es bis zur Low-Budget-Hotel-Area einfach nur sehr viel weiter ist, als man es aufgrund der nicht-maßstabgerechten Stadtplan-Skizze in meinem Lonely-Planet hätte vermuten dürfen. Ankaras Straßen sind breit, unbeleuchtet & fußweg-los - kurz gesagt:
Nachts einfach kriminell!
Nach einer halben Stunde ist es dennoch vollbracht & ich stehe vor dem Hotel Devran - in einer einsamen & trostlosen Gegend (das Interessanteste ist noch ein riesiger, öd-leerer Asphalt-Parkplatz). Aber das Zimmer (mit fließend warmem Wasser & Heizung) kostet nur 8 US-Dollar:
Was will ich mehr? Ach ja ...
... etwas zu ESSEN!
Der Angestellte an der Rezeption macht mir allerdings auf meine Nachfrage hin wenig Hoffnung. ‘Nach 23 Uhr ist in Ankara alles geschlossen. Es sei denn, naja - vielleicht - etwa fünfhundert Meter Richtung Zentrum (wo auch immer das sein mag?) gibt’s einen kleinen Kebap-Laden ...?!’
Einer Hunger-Ohnmacht nahe versuche ich’s & ...
... habe Glück: Der Gastraum ist zwar vollkommen leer, die Küche scheint aber noch WARM zu sein - & eine Stunde später liege ich rundum satt (Adana-Kebap mit einer Doppel-Portion Salat sowie Fladenbrot & zwei Pepsi) in meinem Hotelbett & ...
... stelle den Wecker NICHT (ein)!
‘Ich lasse mich mal überraschen, WANN ich morgen früh aufwache & DANN entscheide ich, WIE & WANN es weitergeht (denn schließlich: IRGENDWIE geht’s ja IMMER weiter - ODER?) ...
... & A Guat’s Nächtle!’
Hm - wieder vierhundert Kilometer weiter östlich ...

... ich habe mich mitten in der Nacht - anläßlich einer meiner üblichen Schlafunterbrechungen (zwecks ‘Nikotinzufuhr’: alle vier Stunden!) - spontan entschlossen, keinen Tag in Ankara zu vergeuden. Zum einen erschien mir die Stadt gestern Abend alles andere als interessant (halt das türkische Verwaltungszentrum), zum anderen will ich die Türkei (& die Türken?) so schnell wie möglich ‘hinter mich bringen’. Ich nehme also schon heute den ‘10.40-Uhr-Zug’ nach Erzurum.
Stehe mal wieder sehr früh auf (Sieben Uhr!) - Rauchen (die vier Stunden sind wieder rum!) - Morgentoilette (Monatsbeginn, s. Datum oben!) - dann schlendere ich in den hoteleigenen Frühstücksraum. Naja ...
... überfüllt wäre übertrieben: ich bin der einzige Frühstücksgast!
Ich sage dem Menschen an der Rezeption (der zwei in vollkommen unterschiedliche Richtungen starrende ‘Glubsch’-Augen besitzt), daß ich in Eile bin & mache daher gleich bei ihm meine Frühstücks-Bestellung.
Der Gastraum sieht aus wie der ‘Sitzungsraum des Obersten Sowjet’ - nur nicht ganz so gemütlich. Nach zwanzig (!) Minuten kommt ein Kellner um mir mitzuteilen, daß Kaffee ‘out’ oder ‘aus’ (oder ich weiß nicht was) ist:
Hm - vier US-Dollar für Weißbrot mit Honig & Cay ... das sehe ich nicht ein.
Ich sage ihm, daß ich nicht mehr hungrig bin & gehe packen. Zwei Minuten später steht ein anderer Kellner (mit Tablett) vor meiner Tür:
Frühstück - inklusive KAFFEE!
‘Na also, geht doch!’, denk’ ich mir. Da ich mich aber geärgert habe (auch über die lange Wartezeit im Frühstücksraum) ‘setze ich ein Zeichen’, schicke ihn (samt Tablett) wieder in die Küche & ...
... LEIDE HUNGER!
Auschecken - raus auf die Straße & ‘die Nase in den Wind gehalten!’ Auf der gegenüberliegenden Parkplatzseite MUSS ein Café sein ... äh ...
... ‘sprach’s & so sei es denn!’
Heute Morgen gönne ich mir mal eine Variante - & bestelle eine undefinierbare Suppe (‘Jedoch garantiert ohne Kutteln, Hilde!’), Fladenbrot sowie zwei ‘leckere Nescafe’.
Anschließend mache ich mich auf die langwierige Suche nach einer Bank: mein türkisches Bargeld geht zur Neige & das Wochenende steht vor der Tür. Als ich endlich im Schalterraum einer Bank stehe, erklärt mir der Kassierer, daß der aktuelle Dollar-Tageskurs noch nicht aus Istanbul gefaxt wurde & er meinen Travellerscheck daher auch nicht einlösen kann.
Zunächst lache ich ja noch ob dieser Auskunft. Als mir allerdings in der nächsten Bank exakt das Gleiche wiederfährt, schenke ich mir (leicht irritiert) weitere Bankbesuche - ‘zur Not’ werden die Türken ja wohl auch meine Dollar-Noten nehmen!
Auf dem Weg zum Bahnhof bestätigt sich mein gestriger Eindruck, daß Ankara ziemlich langweilig ist. Allerdings habe ich auch weder Zeit noch Lust, die in meinem Reiseführer beschriebenen, raren Highlights aufzusuchen:
„DER OSTEN RUFT!’AS0137-AnkaraHauptbahnhof
Schließlich schieße ich (vermutlich aus Mitleid) doch wenigstens ein Ankara-Foto:
Und zwar von der Fassade des ‘langweiligen’ Bahnhofs (dieser ‘langweiligen’ Stadt) - in dem (wie gesagt) noch nicht mal ein Fahrplan aushängt (hm - laaang anhaltendes Kopfschütteln!).
Das Bahnticket nach Erzurum kostet 600.000 TL. Ich zahle 10 US-Dollar & ... erhalte sogar noch 50.000 TL Wechselgeld zurück. ‘Tja, liebe Banken in Ankara - will man Geschäfte machen, dann muß man halt flexibel sein!’
Die Bahnfahrt dauert mindestens zwanzig Stunden (genauer kann’s mir niemand sagen  & ... nach den gestrigen Erfahrungen würd’ ich auch niemandem glauben!). Also versorge ich mich noch mit Very Basic Travel-Food, einer Turkish Daily News & schlürfe (bis zum Eintreffen des Zuges: nur leichte Verspätung) im ‘Bahnhofs-Eck’ einen letzten Kaffee.
Nach dessen Beschreibung in meinem Reiseführer hatte ich mir den Pullman-Wagen Nr.1 des Dogu Ekspresi (nach Erzurum) schlimmer vorgestellt: zwar ist der Zwischengang schmaler als im luxuriösen Mavi-Tren (ein zusätzlicher Sitz pro Reihe), an der individuellen Beinfreiheit pro Sitz ändert das aber wenig. Zudem ist mein Waggon bis Sivas fast leer & ich habe einen Doppelsitz für mich alleine.
Bei strahlendem Sonnenschein macht die Zugfahrt richtigen Spaß. Zunächst geht es durch flache & eintönige Landschaften. Abwechslung bringen nur die sehr anatolisch aussehenden Ortschaften: einfache Stein- oder Lehmhäuser - kunterbunte Minarette (in jeder noch so kleinen Siedlung ähnlich unverzichtbar wie der typische Zwiebel-Kirchturm in Süddeutschland!) - wirr-durcheinander-wuselndes Haus-Vieh-Zeux in den immer gleichen Kombinationen: Schafe, Ziegen, Hühner, Gänse, Truthähne (Turkeys?) und Schweine - einfach, aber bunt gekleidete, stets geschäftig wirkende Dorfbewohner - fröhlich lachende & winkende, aber mit ‘verbotenen Kaum-Haarschnitten gestrafte’ Kinder.
Ein erstaunlich großer Anteil der endlosen, zentral-anatolischen Flächen ist kultiviert. Der ‘Renner’ (im doppelten Sinn des Wortes) aber sind die Hirtenhunde: Passieren wir eine Schafherde, so schrickt diese mit lautem Geblöke sternenförmig auseinander. Es folgt der große Auftritt des Hirtenhundes, der uns laut kläffend solange hinterher rennt, bis er (leicht außer Atem zwar, aber) sicher sein kann, daß er seinen Job gut verrichtet hat - sprich: uns VERBELLT hat (... uns Angsthasen, UNS!).
Auf halber Strecke nach Kayseri (erste Vierteletappe der Zugfahrt nach Erzurum) wird die Landschaft schroffer: Schluchten im zerklüfteten Bergmassiv, sich hinter jeder Schienen-Biegung gewaltig erneuernd - reißende Gebirgsflüsse - kaum bis gar keine Vegetation - verständlicherweise ebenfalls kaum Ortschaften & Lebewesen.
Die Landschaft ist beeindruckend (jedenfalls aus dem trocknen, gut beheizten & fahrenden Zug heraus betrachtet) - das Leben der wenigen Bauern & Hirten aber ist mit Sicherheit nicht nur von Idylle geprägt ( ... tja, Hans - dieser Teil Zentral-Anatoliens ist nur was für ‘Lumberjacks’ wie Dich!)
Nach acht Stunden (300 Kilometer hinter Ankara) erreichen wir die nördlich von Kappadokien gelegene Bezirks-Hauptstadt Kayseri, wo die Menschen im Mittelalter aus Angst vor religiöser Verfolgung in Felsen-Höhlen lebten (‘You remember - Hilde?’). Mittlerweile (Sieben Uhr abends) ist es draußen stockfinster & während der Weiterfahrt nach Sivas vertreibe ich mir die Zeit lesend, Tagebuch schreibend, rauchend & (vor mich hin) dösend.
Die Dunkelheit kann nicht verheimlichen, daß es ständig bergaufwärts geht. Anläßlich der zahlreichen Bahnhof-Stops wird dann auch visuell deutlich, daß unsre Fahrt Richtung Osten geht: Es beginnt heftigst zu schneien & nach einer halben Stunde ist (soweit sichtbar) alles unter einer geschlossenen Schneedecke begraben. „Hier schon?“, denke ich schläfrig ...
... & rolle mich instink-tiefer in meine Allwetter-Jacke, ‘na das kann ja noch heiter werden!’
Gegen Halb Ein Uhr (dreizehn Stunden bzw. 550 Kilometer östlich von Ankara) erreichen wir Sivas, das mir aus zweierlei Gründen noch gut im Gedächtnis ist:
Zum einen fand hier vor etwa drei Jahren eine regel(-unge-)rechte ‘islamische Lynchjustiz’ statt, als anläßlich eines Treffens des türkischen Schriftsteller-Verbandes unter dem Beifall der fanatisierten Bevölkerung das Tagungshotel (& mit ihm eine Reihe türkischer Autoren) von fundamentalistischen Islamisten ABGEFACKELT  wurde. Dies fand übrigens (zufällig?) kurz nach dem iranischen Dschihad gegen Salman Rushdie statt.
Zum anderen (‘Allah-sei-Dank’ weit weniger blutrünstig!) haben hier vor viereinhalb Jahren Hilde & ich versucht, Tickets für den Zug nach Erzurum zu kaufen - was uns eine kurze Nacht, viel Ärger & (letztlich) eine schöne Bus-Fahrt bescherte.
Ich erwäge zwar, auf dem Bahnsteig ein ‘Sivas-Erinnerungs-Foto’ zu schießen - letztlich aber ist mir (angesichts des schwachen Lichts) das Filmmaterial zu schade!
Naja - bei der (in Budapest & Istanbul schon mal angetesteten) ‘Nicht-Verbreitung von KODAK-25-ASA-Filmen außerhalb Kölns’ ... werde ich in Zukunft eh viel sparsamer mit meinem Bildmaterial umgehen müssen.
‘IT’S AFTER MIDNIGHT!’ ...
... & der (auch & vor allem mental) anstrengendere Teil dieser Bahnfahrt gehört somit zu einem anderen / späteren Datum ...

... heute beginnt der Tag ausnahmsweise einmal nicht mit Duschen & Frühstücken (leider!) - sondern mit der nahtlosen Fortsetzung meiner Bahnfahrt nach Erzurum.
Ein Uhr nachts Weiterfahrt ab Bahnhof Sivas - der schönere Teil der Zugfahrt ist eindeutig vorbei: Mit jedem in östlicher Richtung gefahrenen Kilometer nähern wir uns ‘Feindesland’ ...
Was noch vor viereinhalb Jahren nur unterschwellig zu bemerken war ist nun ‘physisch-präsenter, böser Alltag’ geworden: bei jedem Bahnhofs-Stop steigen ein paar Soldaten zu ...
... & zwar steigen jeweils mehr Soldaten ein als aus, sodaß nach zwei Stunden in unsrem Pullman-Waggon ‘schmutziges Oliv-Grün’ der vorherrschende Farbton ist.
Die ‘Jungs’ (nein - ich meine das keineswegs kumpelhaft, aber die meisten  tragen nicht nur ‘Grün’, sondern sind ES auch noch ... ‘hinter den Ohren’) sind bis an die Zähne bewaffnet:
Pistole (am Gürtel) - langer Dolch (ebenfalls am Gürtel) - MP (zwischen den Beinen ... jedenfalls der, der sich trotz meiner steinernen Miene neben mich setzt). Einer in Zivil & mit Walkie-Talkie (ich schätze ihn auf höchstens zweiundzwanzig Jahre) tut noch wichtiger als die übrigen & kontrolliert erstmal die Pässe der raren zivilen Passagiere. Er blättert lange in meinem Reisepass, grinst mich schließlich freundlich an & reicht mir ihn (den Pass) salutierend zurück ...
... während ich versuche, keinen Gesichtsmuskel zu verziehen!
‘FUCK!’
Die Bahnfahrt (zudem durch die Dunkelheit) macht mir keinen Spaß mehr: mich nervt der militärische Auflauf um mich herum. Da ich nicht schlafen kann, spiele ich ‘toter Mann’ & versuche (um mich abzulenken), mir nette Kontakte mit Türken ins Gedächtnis zu rufen - sprich: die Zeit wird mir noch länger.
Gegen Sechs Uhr (draußen dämmert’s & ... drinnen graut’s!) gestatte ich mir wieder erste Bewegungen: Lesen (obwohl ich mich sehr schlecht konzentrieren kann) - Rauchen (klappt immer!) - sowie Frühstücken (ein schlabbriges Käse-Sandwich & mit Vitamintabletten veredeltes Stilles Wasser).

AS0145-OstAnatolienLandschaft

Ich sehne Ercinzan herbei & hoffe, daß die (mindestens) ‘Hundertschaft’ dort stationiert ist (was sich später auch als richtig herausstellt). Ich wende mich wieder Land & Leuten zu, die vor dem Zugfenster vorbeiziehen ...
... sehe diese aber nun mit anderen Augen (als gestern):
in jeder noch so kleinen Ortschaft gibt es einen türkischen Militärposten (Zelte & Jeeps, ein paar wichtigtuerische Soldaten, den Ortseingang übersieht meist noch ein kleiner, sandsack-gepolsterter Unterstand) - weiterhin fallen mir zunehmend verfallene (zerstörte?) Häuser auf.
Die Landschaft verliert ebenfalls den unschuldigen Reiz des Vortages: hinter jedem größeren Felsbrocken sehe ich eine MP hervor-’lugern’ - das Strauchwerk bedeckt nur unzureichend ‘die mit bunten Luftballons Kinder anlockenden Tretminen’ - vermeintlich unverdächtig aussehende Bauern auf ihren Eseln können mich nicht täuschen & werden von mir eindeutig als Zivil-Soldaten (& ‘verdeckte’ Militärs)  entlarvt.
Verfolgungswahn ...? Hm - zumindest im Moment (da ich dies beobachte & niederschreibe) würde ich das vehement abstreiten!
Die Bahnfahrt wird unendlich lang - nicht zuletzt durch die vielen militärisch-bedingten Stops. Nach neun Stunden haben wir die 300 Kilometer von Sivas nach Ercinzan endlich geschafft: Und ... Ercinzan gleicht einer Festung!
Unmittelbar neben dem Bahnhofsgelände ist eine komplette Garnison untergebracht (oder wie nennt man die größte militärische Einheit?):
Militär-Flughafen (mit kreisenden Kampfhubschraubern) - Panzer-Kolonnen (ich versuche trotz der großen Entfernung die Beschaffenheit der Außenspiegel zu erkennen) - voll-beladene Transport-Fahrzeuge - & ...
... natürlich das zugehörige ‘blutjunge Menschenmaterial’.
Gott sei Dank räumen die Militärs (allesamt!) meinen Bahnwaggon & erleichtert schnappe ich auf dem Bahnsteig (in einer kleinen ‘waffenfreien Zone’) nach Frischluft: ‘UFF!’
Um Halb Elf Uhr vormittags geht’s weiter Richtung Osten. Mein Proviant ist mittlerweile ähnlich ‘am Ende’ wie ich - daher besorge ich mir im Bahnhofs-’Büfe’ Brot & Cola. Hm - noch 200 Bahnkilometer (‘Wieviele Stunden?’ ... keine Ahnung) bis Erzurum.
Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, marschiert ein Trupp Soldaten in mein Abteil - voran einer mit Panzerfaust! Sie sind ausgelasssen & fröhlich (scheint’s!) ...
... & ICH?
MUSS PISSEN! Auf der Zug-Toilette überlege ich ernsthaft, ob ich die gesamten nächsten vier Stunden auf diesem ‘still-pazifistischen Örtchen’ verbringen soll.
Ich versuche mich abzulenken & ... entdecke wie man in asiatischen Toiletten pinkelt, ohne ‘urin-nasse Füße’ zu bekommen:
Tja - Mann zieht einfach die Vorhaut ... äh - ja ... wo war ich?
Schließlich aber kauere ich mich DOCH wieder auf meinen Fensterplatz. Ein netter (gibt’s das?) Soldat bietet mir eine Zigarette an - ich nehme sie an, versuche aber möglichst distanziert zu wirken (& vertraue auf meine ‘negative Aura’!). Der ‘Zigaretten-Spender’ hat in drei jugendlichen, türkischen ‘Waffen-Fans’ bereits eine interessierte Zuhörerschaft gefunden:
Er erklärt & demonstriert ihnen sein Maschinengewehr - erzählt ihnen ‘spannende Stories’ - & läßt ‘Action-Fotos’ kreisen ...
... die ‘Nachfolge-Generation potentieller Mörder’ hängt derweil an seinen Lippen.
Schließlich fordert der ‘Supermann’ die Kids auf, die Fotos auch an mich weiterzureichen: Auf dem ersten Bild sehe ich zwei Soldaten in Kampfanzügen, die asiatische Kick-Box-Bewegungen ausführen. Ich schaue den ‘Hero’ mit möglichst großem Unverständnis an - er aber lächelt & sagt stolz ‘daß er das auf dem Bild ist!’
Achselzuckend (& mit steinerner Miene) reiche ich ihm die Bilder unbetrachtet zurück & ...
... beginne mich im Abteil nach einem anderen Sitzplatz umzuschauen.
Mit teils mulmigem, teils triumphierendem Gefühl verstaue ich mich (& meine ‘sechseinhalb Sachen’) kurz darauf in einer der wenigen freien Kojen am Zugende & wünsche mir, daß wir doch jetzt bitte bald SOFORT in Erzurum ankommen mögen! Doch es dauert noch bis Drei Uhr nachmittags: dann ... endlich ... taucht Erzurum zwischen zwei schneebedeckten Gebirgsketten auf.
28 Stunden Bahnfahrt ...
... NON-STOP & -SLEEP!
Ich bin zwar nicht müde, aber doch leicht GENERVT! Zwanzig Kilometer vor Erzurum werde ich dann noch unfreiwillig Zeuge einer undurchsichtigen Begebenheit:
Der Zug hält auf freier Strecke & fünf Zivilisten entladen eine Reihe von Kisten - vorher lehnen die ‘Zivilisten’ allerdings ihre Maschinenpistolen schön ordentlich & kreisförmig an/um einen Baum (da diese sie offensichtlich bei der Entlade-Aktion behindern). ‘Hm - war das nun die PKK ...
... oder handelte es sich NUR um Zivil tragende Soldaten?’

AS0149-ErzurumMinarettVorBergenAS0148-ErzurumBusbahnhofVorBergenAS0150-ErzurumAtatürkDenkmal02

Erzurum - die Stadt ist tief verschneit, die Straßen & Gehwege jedoch sind tief ‘vermatscht’. Nach halbstündiger Suche finde ich das anvisierte Hotel Polat & erhalte für knapp 8 Dollar ein sauberes Zimmer mit Heizung, heißer Dusche & (unnötigerweise!) Fernseher.
Der Angestellte an der Rezeption macht meine Hoffnung zunichte, vielleicht doch einen Direktbus von Erzurum nach Teheran zu erwischen.
Also denn doch: ‘The Hard Version!’ ...
... zunächst fünf Stunden Busfahrt bis Dogubeyazit - dann eine halbe Stunde mit dem Minibus zur türkisch-iranischen Grenze - anschließend zwei bis sechs Stunden Paß- & Zollkontrolle - & schließlich auf iranischer Seite ‘mal schauen’!
Die gute Nachricht: Wenigstens kann ich im Hotel Geld wechseln, sodaß ich über’s Wochenende nicht ganz ohne TL dastehe. Rein ins Zimmer - Auspacken - Duschen (& die versäumte Morgentoilette nachholen) - dann zwei Stunden ‘die Beine hochlegen’. Schlafen ...
... kann ich natürlich nicht!
Abends frage ich an der Hotel-Rezeption nach einem empfehlenswerten Speiselokal (heute will ich mir mal WAS GUTES gönnen) & man schickt mich ins Restaurant des teuersten Hotels der Stadt. Naja - das Essen schmeckt zwar super (Fritten unter Yoghurtsauce & unter gedünsteten Tomaten, diese wiederum unter knusprigen Lammstreifen & ... für unter vier Dollar!). Mich nervt allerdings das aufgemotzte ‘Schicki-Micki’-Ambiente. Schließlich werden die Tischkerzen angezündet, das Deckenlicht gelöscht & ...
... ich darf mir (während ich meinen West-Asia-Travel-Guide zum Thema Iran studiere) die Augen ruinieren.
‘Tja - ALT werde ich in der Spelunke nicht!’
Ich unternehme noch einen kurzen Verdauungsspaziergang durchs Stadtzentrum, bevor ich mich (früh!) ins Hotelzimmer zurückziehe (wo ich mich in die fotokopierten ‘GEO-Berichte - Iran’ einlese). Bereits um Zehn Uhr knipse ich (obwohl: immer noch nicht richtig müde) die schummrige Nachttisch-Beleuchtung aus.
Morgen ...
... ist Ausschlafen angesagt!
‘Tja, Horst - Du alter Mullah - langsam wird’s ERNST!

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