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Africa 03

PRUNKVOLLE SCHLÖSSER & DIE GEHEIMNIS-
UMWITTERTE ‘QUELLE DES BLAUEN NILS’ !
ODER: VON DER ÄTHIOPISCHEN KÖNIGSSTADT
GONDAR NACH BAHAR DAR AM TANA-SEE !

... in & um Gondar ... sowie weiter nach Bahar Dar am Tana-See,
der Quelle des Blauen Nils im Nord-Westen von ... (Äthiopien)

Samstag, 14. Februar bis Sonntag, 15. Februar 1998

Ausschlafen! ...
... nach zehn Stunden Tiefschlaf ist es vollbracht.
Gott-sei-Dank hält sich ‘die Dicke meines Schädels’ in (wenn auch ‘etwas SEHR engen’) Grenzen. Aber ich DARF nicht klagen ...
Eigene Selber-Schuld!
Nach dem Duschen zieht’s mich schnellstens raus auf die Straße. Mein ausgeprägter Frühstücks-Wunsch (aufgrund des schon gestern Abend mich quälenden & ... leider unbefriedigten ‘Bären-Hungers’) läßt mich geradezu automatisch die Richtung zum Hotel Terera einschlagen. Aber schon nach wenigen Schritten in der strahlenden Morgensonne strahlen mich (zur Rechten & zur Linken) je ein strahlendes, bekanntes Gesicht an & ...
... überrumpelt (!) STRAHLE ich zurück!
Mein gestriger ‘Begleiter durch die hiesige Hotel-Szene’ klärt mich (ungefragt) über die letzten Resultate des African-Nations-Cup auf - während sein kleiner Freund (dessen riesige Kulleraugen kaum hinter seiner ‘Monster-Schuhputz-Tasche’ hervor lugen können) schweigt & ...
... sichtlich enttäuscht ist, daß ich heute Morgen nicht die total verdreckten (& nach seiner Spezialbehandlung lechzenden!?) Wanderschuhe trage.
Vermutlich warten die beiden, vom GANZ GROSSEN Geschäft träumend, seit Sonnenaufgang vor meinem Hotel. Und augenblicklich stellt sich bei mir ein schlechtes Gewissen ein ...
... & ich drücke jedem eine Fünf-Birr-Note in die zögernd ausgestreckte Hand.
Beide wissen NATÜRLICH, daß ich mich NUR freikaufe ...
... & müssen ihre hochgesteckten Erwartungen fahren lassen.
‘ACH, SCHEISSE - was soll’s: Du kannst nicht alle Probleme & Ungerechtigkeiten dieser Welt alleine beseitigen. Und auf die Art schon gar nicht!’
‘STIMMT!’
Vorbei an Bougainvillea- & Hibiscus-Sträuchern (in voller, roter Blüte) steige ich über die gestern Abend noch so schaurige, lange Naturstein-Treppe hinauf zur Panorama-Terrasse des Hotel Terera. Die livrierten (& in unangemessen großer Anzahl umher laufenden) Kellner beeinträchtigen zwar ein wenig mein Bedürfnis nach ‘ungestörtem Niederkommen’ - ansonsten aber ist das Ambiente wirklich ‘The Big Escape’. Will sagen: HIER kriegt mich so schnell niemand weg!
Erstmal aber konzentriere ich mich auf das Wesentliche: Kräftigendes Frühstück (schließlich habe ich gestern, außer Brot ...) & erstmalig seit Axum wieder SAU-guten, weil (auch) superstarken äthiopischen Hochland-Kaffee. Anschließend Tagebuch ... sowie eine weitere Kanne ‘Ethiopian Whisky’.
Während meiner ‘Schreibarbeit’ lausche ich den variantenreichen Stimmen & Rufen der in großer Zahl die Parkanlage bevölkernden, exotischen Flug-Subjekte. Übrigens sind drei knatschbunte & wie Fremdkörper wirkende Zelte mitten in die zentrale Rasenfläche des Parks gepflanzt - scheinbar gibt es noch andere Touris, die die augenscheinlichen Annehmlichkeiten des ‘Terera’ zum Billig-Tarif nutzen ...
Nach Beendigung meiner ‘Arbeits-Sitzung’ lasse ich mich bereitwillig zwischen & unter die schattenspendenden Bäume des Parks locken - wo ich (die Zeit vergessend) relaxe, genieße & LIEGE ...
... teils auf der faulen Haut, teils auf der Pirsch:
‘Some Nature- & Few Bird-Shots!’ Mal sehen ...
... oder auch nicht !?
Schließlich wird es Zeit für den einzigen Sight-Seeing-Programmpunkt des heutigen Tages: die Besichtigung der berühmten Burg-Anlage - mit ihren fünf (!) Königs-Schlössern!
Allzuviele Besucher bevölkern die weitläufige Grünanlage heute nicht (naja, der Eintritt kostet immerhin 50 Birr - umgerechnet also etwa 7 US-Dollar!). Die mit der Instandhaltung & Renovierung der Schlösser befaßten ArbeiterInnen stellen eindeutig die Mehrheit der im Park Anwesenden.
Ich passiere das östliche Eingangs-Tor & werde durch eine vernehmliche Geräuschkulisse zur geschäftigen ‘Open-Air-Carving-Factory’ geleitet: hier behauen die äthiopischen (Hand-)Werktätigen mit einfachen Äxten zunächst recht grob große, rote Naturstein-Quader - deren Oberfläche anschließend vermittels flacher Schabeisen geglättet & auf exakte Pass-Form für den jeweiligen ‘Einsatz’-Ort (in den Mauern der Gebäude und / oder Schutzwälle) vorbereitet wird.
Das bloße, regungslose BEOBACHTEN dieser Knochenarbeit löst bei mir schon einen Schweiß-Sturzbach aus: Nix wie weg!
Ich beginne meinen Rundgang ... & systematisch (wie sich das für einen Deutschen gehört: ‘Gell?’) widme ich mich der Ablichtung der verschiedenen Schloss- & Burg-Ensembles.
Zunächst erkunde ich die Überreste des ‘Archivs von König Fasil’, einem deckenlosen, großen Einzelraum mit rundumlaufenden, ebenerdigen Torbögen in der Außenmauer sowie einem angebauten, hohen Turm (mit außenliegendem Steintreppenaufgang).
Der in Steinwurfentfernung residierende ‘Palast König Fasils’ ist das augenscheinliche Prunkstück des ‘Königlichen Distrikts’:
- zwei beeindruckende, monumentale Rundtürme ragen rechts & links der Eingangs-Fassade in den blauen Himmel,
- eine massive, über mehrere Absätze verfügende Steintreppe führt hinauf zu einer breiten Terrasse (die bei festlichen Anlässen als Zeremonial-Ort diente) sowie dem dahinter sich öffnenden Eingangsportal,
- als offensichtlicher Kontrapunkt zum eher klobigen, wehrhaften Gesamteindruck des Schlosses, fungieren eine Reihe filigran-geschnitzter, schwarzer Holzbalkone, die in unregelmäßigen Abständen an sämtlichen Außenmauern des Schlosses ‘kleben’,
- über dem zentralen Burgturm mit quadratischem Grundriss flattert natürlich das Grün-Gelb-Rot-quergestreifte äthiopische Banner (allerdings nur schwach, da der Wind heute seinen Job recht müde verrichtet),
- die gesamte östliche (Rück-) Front der Burg wird durch ein nur wenig fotogenes, stählernes Baugerüst verdeckt.
Die Renovierungsarbeiten (vornehmlich: der Innenausbau) sind in vollem Gange. Daher ist den Besuchern zur Zeit leider nur ein ‘staunender Blick von Außen’ gestattet.
Am unmittelbar anschließenden, jedoch gänzlich unspektakulären ‘Schloß König Adiam Seghet Iyasus’ halte ich mich nicht lange auf. Ich schieße eine Panorama-Aufnahme (mehr aus dokumentarischen Gründen, denn aus wirklichem Interesse) ...
... & lege dann eine lange Rast im schattigen, blühenden Grün der Wildgarten-Anlage ein: ‘Bird-Spotting’ (unter anderen ein sehr fotogener ‘Schwarz-Flügler mit knallrotem, langen Schnabel’, der sich vermutlich aber zuuu weit entfernt für mein voll-ausgefahrenes Teleobjektiv hoch oben in den Jacarandas befindet) - Relaxen & Rauchen - sowie Grübeln über / Konzipieren einer ‘Anti-Reisebuch-Idee’ ...
Als ich mich schließlich (SEHR viel später) auf die zweite Halb-Etappe meines heutigen Sight-Seeing-Marathons begebe, muß ich feststellen, ‘daß die Luft (irgendwie?) raus ist’. Und so steht die Fortsetzung meiner Schloß-Besichtigungen unter dem wenig schmeichelhaften Motto:
ALSO GUT - BRINGEN WIR’S HINTER UNS!
Das stilistisch stark aus dem ‘Gondar-Rahmen’ fallende ‘Yohannes Castle’ (weniger die erwartete, mächtige Trutzburg als ein schlichtes & schmuckloses Adels-Haus: Hm - architektonischer Einfluß der Portugiesen, die zur Mitte des 16. Jahrhunderts dem in Bedrängnis geratenen äthiopischen Herrscher Labna Dengal gegen die Attacken osmanischer Truppen zur Hilfe kamen?) ...
... ist mir nur ein einziges Bild wert! Die noch ausstehenden, letzten beiden Burgen (der Könige ‘B.S.K. Iyasu’ sowie ‘I. Mintiwab’) suche ich lediglich der Vollständigkeit halber ... äh ... auf.
Da auch die (zwar noch vorhandenen, ohne lebenden Inhalt aber nicht gar SOOO interessanten) Löwenkäfige kein vernünftiges Motiv abgeben wollen, beschränke ich mich auf einige letzte Atmo-Shots (‘Mauerreste in grüner Parkanlage’) ...
... & kehre DANN der ‘Famous Royal Enclosure - of Famous Gondar’ meinen (berühmten!) Rücken ... äh ... zu.
Nördlich der Schloßanlage lockt ein schattiger Vergnügungspark mit Garten-Café. Mein nicht-vorhandener Widerstand ist im Bruchteil einer Sekunde gebrochen & während der Folge-Stunde fröhne ich allen Vergnügungen, die dieser friedvolle Ort bietet - sprich: ich stopfe mir zwei riesige, klebrig-süße & unnatürlich-bunt leuchtende Stücke Kuchen zwischen die Backen ...
... & spüle die meinen Kiefer SO-FORT zur absoluten Bewegungsunfähigkeit verdammende Tapetenkleister-Pampe anschließend mit Unmengen Tee & Guaven-Saft hinunter.
Bei dieser Übung besteht das größte Problem übrigens darin, möglichst keine der in Milliarden-Stärke umhersummenden Bienen aus Versehen mit zu verschlucken ...
Den Rest des Nachmittags verbringe ich faul im Hotel: Duschen (mehrfach) - zwei Stunden ‘Relaxin’ with Robert M.’ - sowie Tagebuch (zu Spaghetti & Bier) im Hotel-Restaurant.
Nach Einbruch der Dunkelheit (& vollbrachtem Tagewerk) beschließe ich, mir in einer ‘absolutely berserk goin’ local Crowd’ ein wenig African Soccer anzuschauen. Hm - obwohl es vermutlich NOCH interessanter wäre, hätten sich die Äthiopier für die Endrunde des Africa-Cups in Burkina Faso qualifizieren können ...
‘Aber diese Versager vergessen vor lauter Schön-Spielen (hier noch eine ‘Bielmann’-Pirouette - da noch ein ‘Einarmiger’) immer das Tore-Schießen, Hans!’
Anyway ...
Ich marschiere die Hauptstraße hügelabwärts (Richtung ‘Tele-Club-Bar’) & ...
... erhalte natürlich sofort eine Begleitung. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, das einen Bastkorb voller hartgekochter Eier vor ihrem nicht-vorhandenen Bäuchlein herträgt, versucht mittels Doppel-Strategie fünfzig äthiopische Cents aus mir herauszukitzeln: Mit unwiderstehlichem Lächeln & unschuldig-süßem Augenaufschlag bietet sie mir (abwechselnd) ...
... einerseits ein ‘Gute-Nacht’-Ei zum Kauf an,
... dann wieder bettelt sie einfach um den Geldbetrag.
‘Kostet das Gleiche’!
Ich bin hartnäckig - spiele den durch nichts zu erweichenden Eisblock - habe aber letztlich keine Chance: Denn SIE ist geübter in der Disziplin ‘Hartnäckigkeit’ ...
... klebt an mir, wie eine Klette & wiederholt ständig ihre einfachen Formeln.
Als wir am ‘Tele-Club’ eintreffen, gebe ich mich geschlagen - leere meine Geldbörse & reiche ihr sämtliche Münzen.
Die Bar schließt gerade ... VOR Neun Uhr ... am Samstagabend!
Da auch in den Fenstern der (wenigen) umliegenden Etablissements nirgendwo ein verräterisches Flimmern auszumachen ist, begebe ich mich postwendend auf den Rückweg zum Hotel.
Derweil steht die kleine, erfolgreiche ‘Nervensäge’ stumm am Straßenrand, die erbeuteten Münzen in ihren Händchen drehend & gewissenhaft zählend. Ich rufe ihr ein freundlich-finales ‘Good-Bye!’ zu - SIE aber unterbricht ihren Job nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde - verzieht lediglich (nervös) ihre Mundwinkel in meine Richtung & ‘wirkt überhaupt SCHWER GENERVT!’
(hm - vermutlich ob der unverfrorenen Aufdringlichkeit ‘dieses Sackgänger-Touris, da’ & seines störenden Zwischenrufs. Wie recht sie doch hat:
‘Ich schäme mich!’).
OHNE (letztes) Bier (in der Bar) ziehe ich mich umgehend in mein Hotelzimmer zurück & vertiefe mich in meine Reiselektüre. Entspannte Lesung ...
... bis es unter meinem Fenster lebhaft wird:
Aus einer Bar dringt laute & gute Pop-Musik (der ‘äthiopischen Madonna’, die seit zehn Jahren in Los Angeles lebt & in ihrer Heimat Äthiopien ‘den injera-gewordenen American Dream’ verkörpert: äh ... deren Namen ich mir leider aber nicht merken kann!?) an meine noch gar nicht SO müden Ohren.
Für einen kurzen Moment ERWÄGE ich, mich dem ‘Saturday-Gondar-Night-Fever’ hinzugeben - letztlich aber versage ich mir DOCH diesen ‘Spaß’ (?) ...
... schließlich bin ich nicht zum Vergnügen hier!
(sondern ‘auffe Aabeit - woll?’). ALSO ...
... stelle ich meinen Wecker auf Sechs Uhr Früh ein & lösche (nach einem ‘Very Final Smoke’) das Deckenlicht.
Eine kurze Weile lausche ich noch den vernehmlichen Stadtgeräuschen.
Dann ist (wie nun schon seit einer Woche: wirr-konfus-traumreiches!) ...
... Schlafen angesagt ...

... Na klar: Früh wach!
Duschen - Packen - um Halb Sieben Uhr sitze ich im Speiseraum des Hotel-Restaurants, dessen Boden von einer Angestellten mittels ungesund-eklig riechendem Bohnerwachs auf ‘sonntäglichen Hochglanz’ gebracht wird.
Mein Frühstück beschränkt sich heute auf Brot & Fanta ...
... denn den unmittelbar nach Betreten des Restaurants bestellten & einige Male angemahnten Tee schafft ‘die tranigste aller Kellnerinnen-Tränen Groß-Afrikas’ bis Viertel nach Sieben Uhr nicht! Abmarsch zum Busbahnhof ohne ‘etwas Warmes’ in meinem (von Tag zu Tag wieder waschbrett-artiger sich präsentierenden) Bauch.
Beim Eintreffen am Terminal ...
... streckt mich die Hiobsbotschaft nieder: Die mir gestern genannten ‘6-Uhr’-, ‘8-Uhr’- & ‘10-Uhr’-Busse Richtung Bahar Dar (am Tana-See) haben gleichzeitig & gemeinsam um Halb Sieben Uhr Gondar verlassen.
SHIT!
Naja - die Busse waren halt voll ...
... & obwohl ich mich ÄRGERE, weiß ich natürlich, daß ich hierzu keinerlei Recht habe - denn dies ist in Äthiopien nun mal völlig normal!
WEISS DER TEUFEL ... was mich veranlaßt hat, einer Fahrplan-Auskunft Glauben zu schenken, die von der allgemein & hinreichend bekannten Tatsache abweicht daß alle äthiopischen Busse immer (wenn überhaupt, dann) um Sechs Uhr Früh losfahren!
Äh ... kleinlauter Zusatz:
Natürlich weiß ich, was mich hierzu veranlaßt hat - EINMAL wollte ich nicht schon um Fünf Uhr Früh aufstehen müssen!
Man teilt mir zunächst mit, daß heute kein weiterer Bus nach Bahar Dar fährt & ich somit einen weiteren Tag in der bezaubernd-schönen Königsstadt Gondar verbringen darf. Nach & nach aber bringe ich in Erfahrung, daß in Kürze ein Bus mit dem Zielort Worota (am östlichen Ufer des Lake Tana) den Bahnhof in Gondar verlassen wird / SOLL & ...
... von dort SOLL es (auch noch am Nachmittag) eine Menge Busse ins nur knapp sechzig Kilometer entfernte Bahar Dar geben.
Na also - geht doch!
Ich kaufe ein Ticket, kontrolliere (noch) die ordnungsgemäße Verladung meines Rucksacks aufs Busdach & begebe mich anschließend (wieder zuversichtlich!) ins Bahnhofs-Cafe: von der Terrasse aus, beobachte ich ...
... mit einem Auge den abfahrbereiten Bus,
... in das andere schütte ich mir zwei bis sechs Capuccini (ins Auge?).
Aber mein Mißtrauen ist unbegründet: Um Halb Neun Uhr setzt sich mein Bus (& zwar: MIT mir!) in Bewegung.
Schnell ergeben sich diverse Kontakte zu englisch-sprachigen Einheimischen (ich bin natürlich mal wieder der einzige Touri im Bus & als Gesprächspartner sehr begehrt) & eine kurzweilige Busfahrt durch recht flaches, vornehmlich der Nutzviehzucht dienendes Gras- & Geröll-Gelände nimmt ihren Anfang.
Am heutigen Sonntag Morgen sind eine Menge in ihren besten Kleidern steckende Menschen auf dem beschwerlichen Fuß-Weg (aus ihren abgelegenen Dörfern & Einzelhütten) nach ... na - wohin?
Richtig: zur nächsten Kirche!
Die Männer bedienen sich dabei des in den letzten Tagen schon mehrfach bestaunten ‘Ethiopian Overland-Walkin’-Style’: Den Spazierstock lässig im Nacken balancierend - die Hände ... entweder die beiden Stock-Enden mit festem Griff haltend ... oder aber rechts & links des Kopfes lose in der Luft baumelnd (die Handgelenke locker von oben auf den Enden des Wanderstabes ruhend).
Hm - die zweite Variante ‘hat etwas von Christus am Kreuz’ ...
Die typische Wander-Kleidung des äthiopischen Hochland-Bauern besteht aus:
leichten Leder-Sandalen an den nackten Füßen - kurzen, einfarbigen Hosen - einem meist weißen, weiten Umhängetuch (das lässig um die IMMER hohen Schultern spielt) - sowie einem, zu einer Art Turban kunstvoll gerollten, ebenfalls meist weißen Kopftuch.
Nach drei Fahrtstunden nimmt die bis dahin ebene Landschaft schroffe, leicht gebirgige Züge an. Es folgen einige Kletterpartien, obschon ich mich eigentlich auf eine durchgängig flache Tages-Etappe (auf Uferniveau entlang des riesigen Lake Tana) eingestellt hatte. Tja - so kann man sich täuschen ...
... aber zum Grübeln bleibt wenig Zeit:
Lunch-Stop!
Ich komponiere mir mein spezielles Mittagessen aus ...
... gezuckertem Zimt-Tee, ‘Trocken-Müsli’ (einer überall im Land an Straßen-Verkaufsständen erhältlichen Mixtur aus verschiedensten Getreidekörner-Sorten) sowie einigen äthiopischen Filter-Zigaretten ...
... & führe eine lange, interessante Unterhaltung mit einem jungen Lehrer, der sich auf der Anreise zu seinem neuen Einsatzort (einer kleinen Dorfschule etwa zehn Kilometer südlich von Worota) befindet.
Er spricht überraschend freizügig (genauer: verdammt vernichtend) über die neue äthiopische Regierung unter Ministerpräsident Meles Zenawi:
Zenawi (Führer der ‘Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front’ & Freund des heutigen eritreischen Staatsoberhauptes Isaias Afewerki: dessen Waffenbruder er einst im Kampf gegen den verhaßten, gemeinsamen Feind Mengistu war) ...
... ‘unternehme absolut NICHTS zur Entwicklung der bitterarmen Regionen im Norden des Landes. Vielmehr vertraue die ansonsten strikt-zentralistische Regierung auf die Eigeninitiative der Leute vor Ort ...’
Aber damit nicht genug: ‘Die Regierung erschwere den Kampf der Menschen ums nackte Überleben im Norden Äthiopiens noch durch ungerechtfertigt hohe Steuer-Forderungen - die wiederum nur der Hauptstadt Addis sowie den vergleichsweise eh schon reichen, touristischen Regionen um die Rift Valley Lakes (im Süden des Landes) zufließen ...’
Er trägt diese, seine Sicht der momentanen politischen Situation in Äthiopien betont ruhig & sachlich vor. Die zweifellos vorhandene, riesige Enttäuschung der großen Hoffnungen, die nach dem überwältigenden Wahlsieg Mitte 1995 in die ‘EPRDF’ gesetzt wurden, läßt er sich KAUM ANMERKEN !?
Habe ich seine Ironie überhört ... ?
Oder hat er sich dem grenzenlosen Fatalismus ergeben ... ?
Und akzeptiert die Richtigkeit (& Geltung AUCH für Ost-Afrika) der Zeilen, die Bertolt Brecht vor mehr als 60 Jahren verfaßte:

Ach - wir hatten viele Herren, hatten Tiger & Hyänen,
hatten Adler, hatten Schweine, doch! - wir nährten den & jenen,
ob sie besser waren oder schlimmer,
ach - der Stiefel glich dem Stiefel immer,
& UNS trat er, ihr versteht! - ich meine:
... daß wir keine ANDREN Herren brauchen, sondern ... KEINE!

Wechselbad der Gefühle!
Aber wir diskutieren auch unpolitische Themen:
... wie die Frage, ‘ob Araki (der landesweit verbreitete & beliebte einheimische Anis-Schnaps) wirklich blind macht ...?’,
... oder ‘warum Local Beer from the Bucket (im Eimer & unter freiem Himmel dem Gärungsprozess überantwortet) immer so zwischen den Zähnen knirscht ...?’.
Unmittelbar nach Wiederaufnahme unserer Busfahrt zeigt sich der Tana-See erstmalig am entfernten Horizont. Die Piste schlängelt sich durch steile Serpentinen hinunter auf ‘Sea-Level’ (wir lassen schätzungsweise 1.000 Höhenmeter ‘über uns’) & zielt dann, vorbei an einem surreal wirkenden, etwa 100 Meter hohen Fels-Monolithen (in ‘Bierflaschen-Form’!) unmittelbar auf die schon aus großer Entfernung sichtbare Stadt Worota.
Noch bevor der Bus am Terminal zum Stand kommt, organisiert mein (wissender & aufmerksamer!) Busfahrer meinen Anschluß-Lift: Ein nicht-gekennzeichneter Bus DROHT, das Bahnhofsgelände unbemerkt zu verlassen ...
... aber mein Bus versperrt ihm kurzerhand den Weg!
Zwischen den beiden Busfahrern entwickelt sich ein fröhlicher Plausch - bis es PLÖTZLICH heißt: ‘Bahar Dar ...?’
In rekordverdächtiger Zeit vollziehe ich (gemeinsam mit einer Handvoll anderer Fahrgäste) die ‘Changin’-of-the-Busses’-Zeremonie: SUUUPER!
Es ist Zwei Uhr am noch frühen Sonntagnachmittag als wir die letzten sechzig Tageskilometer angehen. Doch ... es dauert noch ätzend-lange drei Stunden, bis wir endlich den Busbahnhof in Bahar Dar erreichen: Naja - unser ‘Milk-Bus’ stoppt (ohne Übertreibung: WIRKLICH) an jeder Milchflasche!
Anyway ...
Natürlich ist der Busbahnhof Bahar Dars ‘totally crowded’ - natürlich bin ich der einzige Touri-Neuankömmling - & natürlich ‘kriege ich mal wieder ALLES ab’:
Trotz eindeutiger Negativ-Aussagen, die (muß ich es erwähnen ...?) NIEMANDEN interessieren, besitze ich NACH meiner Flucht in eine nahe Snack-Bar noch vier (!) ‘Personal Guides’ ...
... die geduldig an den Nebentischen Platz nehmen, MICH (die vermeintliche Goldgrube) freundlich anlächeln & ‘der Dinge harren, die da (vermeintlich) unvermeidlich kommen !?’
ICH HABE ZEIT! ...
... gönne mir (guten!) Kaffee sowie (leckere!) Tomaten-Rühreier aus der glühenden Pfanne. Dann studiere ich in Ruhe meinen Reiseführer & informiere mich ausgiebigst über die hiesigen Unterbringungs-Alternativen. Als ich eine gute halbe Stunde später das Restaurant verlasse, hat sich die Zahl meiner jugendlichen Fremdenführer (immerhin!) auf NUR noch zwei reduziert ...
... die allerdings der ganz hartnäckigen Fraktion angehören & sich durch keine noch so geniale Finte abschütteln lassen!
Eine gute Stunde (sprich: mehrere ‘Große Stadt-Schleifen’ lang) probiere ich nacheinander alle denkbaren Abschüttel-Strategien aus:
... anfangs noch freundlich  argumentierend (‘This is a Very Good Book - so: I Don’t Need a Guide!’),
... ersetze ich später Argumentation durch eindeutige Aufforderung (‘I DON’T Need a Guide - so: Leave Me Alone!’),
... bis ich die beiden Nervtöter schließlich nur noch wortlos ignoriere (ich schlage einfach eine andere Richtung ein, wenn sie mir mal wieder den Weg zu ihrem favorisierten ‘Blue Nhile Hotel’ ankündigen).
Aber ...
... ALLE Fluchtversuche schlagen fehl:
DIE KLETTEN KLETTEN AN MIR WIE ... ÄH ... DIE KLETTEN!
Nachdem WIR vier verschiedene Hotels gecheckt haben (die allesamt ‘Full’ sein sollen ...!?), stelle ICH MIR die Frage: Kann es EVENTUELL sein ...
... daß zwischen dem Belegungs-Zustand der Hotels & dem jeweils kurzen Tuscheln eines meiner ‘Beschützer’ mit dem jeweiligen Hotelmanager, kurz bevor ich (in der Nachmittags-Hitze erbärmlich schwitzend & an meinem Rucksack zunehmend schwer tragend) mit diesen, den Managern reden kann ...
... EIN ZUSAMMENHANG BESTEHT?
Ich warte MEINE Beantwortung MEINER an MICH gerichteten Frage gar nicht erst ab & engagiere beim nächsten ‘Annäherungsversuch’ (an das ‘East-Africa-Hotel’) kurz entschlossen MEINEN persönlichen Guide: einen unbeteiligt herumstehenden jungen Äthiopier, der ... äh ... ein vertrauenerweckend-unschuldiges Lächeln im sympathischen Gesicht trägt!
Er schaut mich zwar für den Bruchteil einer Sekunde verdutzt an (als ich ihn ‘offiziell & für alle Umstehenden vernehmlich ERNENNE!’) - dann aber erkennt er blitzschnell seine Chance & ...
... ebnet mir umsichtig (& mit einer Bestimmtheit, die ich ihm auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte) den unbehelligten Zugang zum Hotel:
SUUUPER!
Man zeigt mir ein geräumiges Zimmer mit einem bequemen Bett. ‘Shower & Toilet Outside’ sind zwar etwas schmuddlig - aber ...
... EGAL!
Für NUR 30 Birr ist das Zimmer okay & ich checke sofort ein!
Nachdem ich mich meines tonnenschweren Rucksacks entledigt habe, gönne ich mir in der Hotel-Bar ein riesiges, eiskaltes Bier & strecke zufrieden meine Haxen aus. Die beiden ‘geleimten Nervensägen’ sind natürlich auch in der Bar ...
... & NATÜRLICH sind sie äußerst ungehalten!
ZWAR ... hatte ich Yohannes (dem jungen Manager des ‘East-Africa’) ausdrücklich verboten, ‘diesen Sackgängern auch nur EINEN EINZIGEN CENT zu zahlen!’“ ...
... nach einer halben Stunde zäher, körperlicher Verhandlungen findet er sie schließlich aber doch mit einem Trinkgeld ab: um endlich seine Ruhe zu haben.
Tja - heiß(umkämpft)es (Hotel-)Pflaster Äthiopien!
Wieder bester Laune halte ich gerade einige Notizen in meinem Tagebuch fest ...
... da schreiten Marianne & Pelle durch die Hotel-Eingangstür.
Die Überraschung ob des Wiedersehens ... wird verhaltener. Naja - wir haben uns fast schon darauf eingestellt, daß wir uns ständig über den Weg laufen!
Während des (unausweichlich) folgenden Bier-Gelages ...
... kristallisieren sich aus dem (unter Beteiligung sämtlicher Bar-Besucher geführten) ‘Round-Table’-Gespräch zwei wichtige Informationen heraus:
- zum einen soll es genau EIN monatliches Schiff geben, das von Zanzibar nach Madagascar schippert (der genaue Termin wird von den Norwegians noch kurzfristig recherchiert!),
- desweiteren (die schlechte Nachricht!) fällt meine für den morgigen Tag geplante Besichtigung der berühmten Tisissat Falls ‘ins Wasser’ ...
... oder besser: DAS gerade (leider!) nicht!
DENN: Aufgrund eines staatlichen ‘Water-Power-Projects’ bilden die (normalerweise gigantischen!) Wasserfälle des aus dem Lake Tana gespeisten Blauen Nil zur Zeit lediglich ein völlig unspektakuläres, klägliches Rinnsal.
Daraufhin erwäge ich (laut), schon Morgen die erste Halbetappe nach Addis Ababa anzugehen. Woraufhin mir alle anwesenden Einheimischen eindringlich (trotzdem!) zur Besichtigung raten: ‘Because it’s CHEAP!’ ...
... hm - was man als ein gelungenes Beispiel für das unter Travellern geläufige, ‘geflügelte Wort: African Logic’ bezeichnen kann!
Auszeit: Duschen - Relaxen - eine Stunde Lesen.
Gegen Acht Uhr begebe ich mich ins Hotel-Restaurant & spendiere mir eine Portion ‘Tibs’ (so ‘ne Art äthiopischer Gyros!) sowie ein Bier. Währenddessen versucht mich ein Einheimischer zu überreden, einen ‘Special Ethiopian Dance-&-Music-Event’ zu besuchen, der heute Abend in einer abgelegenen Vorort-Spelunke stattfinden soll.
Ich aber habe keine rechte Lust ...
... (zumal im ‘Handbook’ genau vor diesem Etablissement gewarnt wird: ‘A Mean Touri-Trap!’) ... & winde mich.
Als sich kurz darauf Cathrin (eine angehende Gartenbau-Ingenieur-Studentin aus Berlin ... äh ... ‘Ost’) an meinen Tisch setzt & ebenfalls der dubiosen Einladung des bemühten Fremdenführers wiedersteht ...
... steht einem lustigen Abend in der Restaurant-Bar des ‘East-Africa’ nichts mehr im Wege: Cathrin war vier Monate in Westafrika (Ghana, Elfenbeinküste & Burkina Faso) & ist nun von Äthiopien aus Richtung Eritrea unterwegs. Sie hat zwar schon in London & Süditalien gelebt (& gearbeitet) - dies aber ist ihr erster großer Trip.
Sie schwärmt von der Freundlichkeit der Menschen in Westafrika - zeigt sich aber etwas enttäuscht darüber, daß sich während ihrer Reise kaum über das Oberflächliche hinausgehende Kontakte zu anderen Travellern ergeben haben.
Sie lacht gerne & oft (‘Nachholbedarf!’ ... wie sie mir lachend gesteht), ist gleichzeitig aber auch umwerfend offen, mit einem gesunden Selbstbewußtsein ausgestattet & in ihren Äußerungen & Handlungen sehr bestimmt:
Auf ihren Afrika-Trip hat sie fast zwei Jahre ‘hingearbeitet’ (im ‘sowohl-als-auch’-Sinn des Wortes)!
Um Elf Uhr gesellen sich Marianne & Pelle zu uns ...
... äh ... die beim ‘Special Ethiopian Dance-&-Music-Event’ waren & nun, nach der ‘enttäuschenden Touri-Abzocker-Show’ zu gnadenlos-trotzigem Amüsierwillen wild entschlossen scheinen: wir überreden den unübersehbar MÜDEN Yohannes, seine gerade geschlossene Hotel-Bar wieder zu öffnen & ...
... zechen, erzählen, lachen (in trauter ‘Vierer-Runde’) bis weit nach Mitternacht.
Mehrere ‘Running Jokes’ (wie die ‘False Falls’ von Tisissat ... oder der geniale Spruch ‘... but it’s CHEAP!’) verselbständigen sich & erlauben uns, die Grenze zwischen seriös-zivilisierter Abendunterhaltung & grenz-überschreitend deutsch-norwegischer Albernheit LOCKER zu überspringen ...
... was allen TeilnehmerInnen ebenso bewußt wie EGAL ist!
Übrigens: Pelle ist WIRKLICH Norweger ...
... obschon sein Name eindeutig schwedischen Ursprungs ist!
‘Back & DRUNKEN in my Room’ ... bin ich NOCH der festen Meinung, Bahar Dar (zusammen mit den ‘Vikings’) am nächsten Morgen in Richtung Dejen zu verlassen. Daher stelle ich meinen Wecker auf Fünf Uhr Früh ein - versiegle meine Augen ‘mit einer Seite Musil’ (Sorry, Robert!) - & ...
... schlafe problemlos (& mit einem SEHR guten Gefühl) ein.

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